Verkauf schafft Freiraum
„Irgendwann saß ich 80 Prozent meiner Arbeitszeit im Flugzeug“, sagt Alexander Stein bei einem Treffen in der Stuttgarter Bar Tatti im Blick zurück auf jene Jahre. Deshalb reifte der Entschluss, sich einem Konzern anzuschließen, der weltweit aufgestellt ist. Anfang 2016 erhielt das französische Familienunternehmen Pernod Ricard, die Nummer zwei der Welt hinter der britischen Diageo, den Zuschlag: Stein behielt 40 Prozent und blieb Geschäftsführender Gesellschafter „seiner“ Black Forest Distillers. Danach flog er aber erst mal noch mehr. „Ich musste ja meinen 65 Partnern absagen und die neuen Vertriebsrepräsentanten kennenlernen“, sagt Stein, „doch später hat mir die Entscheidung unheimlich viel Freiraum gegeben.“
Auch finanziell. Stein und seine Ehefrau Christine, beide gebürtige Stuttgarter, gründeten vor zwei Jahren die Wolkenputzer-Stiftung, die Kindern und Jugendlichen aus Heimen oder einkommensschwachen Familien den Zugang zu Bildung, Sport und Kultur ermöglichen will. „Die Idee gab es schon länger“, erinnert sich der 46-Jährige, „aber früher haben die Mittel gefehlt.“ Dann habe er Glück gehabt, „das Glück des Tüchtigen“, wie er es nennt, „und als es dann möglich war, haben meine Frau und ich gesagt, jetzt machen wir’s“. Unter dem Dach der Bürgerstiftung der Landeshauptstadt und in Zusammenarbeit mit dem städtischen Jugendamt unterstützen die Steins – Eltern von drei Kindern im Alter von 12, 9 und einem Jahr – ganz unterschiedliche Projekte.
Kinder kochen und machen Kunst
So bekamen unter anderen 14 Kinder einige Stunden lang Einblick hinter die Kulissen des Althoff-Hotels am Schlossgarten; in einer Wohnanlage für Alleinerziehende im Norden schufen Kinder unter Anleitung einer Sozialpädagogin ein Kunstwerk für den Gemeinschaftsraum; in der New York City Dance School startete ein Workshop in Sachen Street Dance; im Kunstmuseum gab es nicht nur eine Führung, sondern es wurde auch eine eigene Geschichte entwickelt; in einem Gerlinger Kochstudio kochte der Nachwuchs nicht nur Schwarzwälder Kirschmuffins, sondern auch Rote-Bete-Suppe mit Holundersirup sowie Lachs im Kräutermantel mit Kartoffelstampf. „Der Zugang zur Bildung ist ein wichtiger Schlüssel zu einer guten Zukunft“, sagt Stein, der am Kräherwald lebt, „da wollen wir ein bisschen helfen.“
Mehr Aufsehen hat der Vertriebsexperte mit einem ganz anderen Coup erregt: Um den Jahreswechsel hat der Bürgermeister der Schwarzwald-Gemeinde Fischerbach im Kinzigtal (Ortenaukreis) bekannt gegeben, dass Alexander Stein den denkmalgeschützten Vogelsberghof dort gekauft hat. Die 1800-Einwohner-Gemeinde hatte lange nach einem Käufer gesucht, der das prägnante Anwesen auf einem 60-Hektar-Areal auch würdig behandelt. Stein schlug Ende des Jahres für 2,3 Millionen Euro zu.
Schwarzwaldbauernhof wird restauriert
„Ein Freund von mir, der Architekt ist, hat sich darauf spezialisiert, Höfe zu restaurieren“, sagt Stein, „das hat mich schon lange interessiert.“ Als der Freund ihn im vergangenen Jahr auf den Vogelsberghof hinwies, dachte sich der Glückspilz abermals so etwas wie „Jetzt machen wir’s“. Der Bauernhof liegt eine halbe Autostunde vom Loßburger Teilort 24-Höfe entfernt, wo Stein arbeitet. „Ich bin so oft im Schwarzwald“, sagt Stein, „da liegt es nahe, dort auch einen Wohnsitz zu haben.“
Zunächst einmal lässt Stein das 400 Jahre alte Anwesen aber restaurieren – und das könnte locker zwei Jahre dauern. „In das Hauptgebäude wurde in den 1950er Jahren ein richtiger Betonriegel reingegossen“, sagt Stein, „der muss wieder raus.“ Glücklicherweise seien die alten Bestandteile des Hauses in einer Scheune eingelagert, gibt Stein einen Eindruck von der Dimension des Projekts, „das wird jetzt alles erst einmal katalogisiert.“ Wenn „die alten Stuben mit einem ganz besonderen Charme“ (Stein) dann fertig sind, will der Eigentümer den Hof mit eigener Wasserquelle und tollem Wald zumindest gelegentlich öffentlich zugänglich machen: „Das kann mal mit einem Adventsmarkt sein, mal mit einem Sommerfest, mal ein Tag der offenen Tür wie in einem Museum.“
Die Familie werde allerdings weiterhin auf dem Killesberg wohnen. Da hat es Stein nicht so weit zum Flughafen, schließlich kommt er auch 2019 noch auf etwa 80 Flugtage pro Jahr – im Zeichen des Monkey 47.