Popmusik gibt es nicht nicht nur auf großen Bühnen. Mittlerweile laden echte Fans die Künstler einfach in ihr Wohnzimmer ein. Stuttgart ist dabei Teil einer bundesweit organisierten Szene. Ein Besuch auf der Halbhöhe.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)

Stuttgart - Die Halbhöhenlage unterhalb der Villa Reitzenstein ist bekannt für ihren fantastischen Ausblick auf die Stadt, für wohlhabende Menschen, traditionsreichen Studentenverbindungen, erfolgreichen Agenturbüros in herrschaftlichen Domizilen. An diesem lauen Frühjahrsabend findet hier ein popmusikalisches Happening statt. Und zwar so, wie es die Stuttgarter Halbhöhe am besten kann: mit gusseisernem Ofen, moderner Kunst an der Wand, Sekt und Häppchen auf dem riesigen Esstisch. Willkommen im Wohnzimmer der Familie Rohr. Willkommen beim Konzert.

Definiere Wohnzimmerkonzert: Bands oder Solokünstler spielen Popsongs, während es sich die Zuhörer bei freiem Eintritt auf dem Sofa oder dem Parkettboden bequem machen. Nach dem Auftritt können sich die Gäste das neue Album des Künstlers kaufen und gleich signieren lassen.

An diesem Abend ist der Ofen aus. Obendrauf brennen Kerzen, davor steht Pelle Carlberg. Der schmächtige Schwede ist Mitte vierzig, er hat sich eine Akustikgitarre umgehängt und trägt ein T-Shirt der Marke Merz beim Schwanen, produziert in Albstadt auf alten Maschinen, Kostenpunkt um die 80 Euro. „Gibt’s bei Manufactum“ ruft einer am mit spanischen Oliven, Hackbällchen und anderen Snacks reichhaltig gedeckten Esstisch. Und Michl schleicht den Gästen um die Beine, der schwarze Hauskater mit den weißen Pfoten.

Rock’n’Roll ist an diesem Abend nicht zu erwarten. Zu laut. Zu wild. Wohnzimmerkonzerte sind was zum Wohlfühlen. Mehrere Flaschen besten Esslinger Schaumweins sind bereits geleert, als der Gastgeber Jürgen Rohr zur Begrüßung eine kleine Ansprache hält. Rohr, Ende vierzig, hat ein Sektglas in der Hand, er trägt dazu ein Bayern-Trikot und einen schwarzen Hut. Der werde später herumgehen, kündigt Rohr an. Der Künstler soll ja schließlich nicht leer ausgehen. Wer hat, der gibt. Die meisten der rund vierzig Anwesenden, von der Abiturientin bis zum gestandenen Manager, haben.

Von Malaysia auf die Stuttgarter Halbhöhe

Pelle Carlberg hat erst eine Handvoll Konzerte in Wohnzimmern gespielt. Ansonsten steht er auf größeren Bühnen. Vor kurzem etwa in Malaysia, wo eines seiner Konzerte von der örtlichen Biermarke Tiger Beer gesponsert wurde. Der Veranstalter kam vor dem Auftritt zu Carlberg und erklärte ihm, dass dessen Nachname zu sehr an den dänischen Tiger-Beer-Konkurrenten Carlsberg erinnere und man ihn daher auf Plakaten nur als „Pelle“ angekündigt habe. Er stellte sich dem Publikum dann als „Pelle Tiger Beer“ vor.

Mit dieser Geschichte, die Carlberg in aller Ausführlichkeit erzählt, hat der Sänger die Lacher auf seiner Seite und setzt prompt zu seinem gleichnamigen Song an. Kater Michl macht aus dem Flur noch einmal laut Miau. Die Zuhörer grinsen und lauschen beseelt dem sanften Folkpop des Schweden.

Die Nähe zum Publikum lässt die Musiker zu Conférenciers werden. Auf der großen Bühne sehen sie, von Scheinwerfern geblendet, höchstens die Gesichter der ersten paar Reihen. Hier nehmen sie jede kleinste Regung jedes Anwesenden wahr. Zwischen Sofagarnitur und Ofen ist man sich sehr nahe, und die Musiker erzählen von sich, von ihren Songs – im Fall von Pelle Carlberg minutenlang. Den Zuschauern gefällt es, den Musiker auch als Menschen kennenzulernen und die Musik so zu hören, wie sie eigentlich gemeint ist. Anders als viele Club- oder Hallenkonzerte sind die Gigs im Wohnzimmer von größtem Respekt für den Künstler geprägt: Während der Songs ist es fast schon andächtig still. Für einen Popmusiker, der sein Leben lang um Aufmerksamkeit für seine Lieder kämpft, ist das sehr viel wert.

Alle sind happy, das gilt auch für Jens Krumeich. Der 22-Jährige schwärmt für Popmusik. Er sagt, er habe sich mit dem Konzert von Pelle Carlberg „einen Traum erfüllt“. Krumeich ist der Schwiegersohn in spe von Gastgeber Jürgen Rohr. Der Schwiegerpapa in spe wiederum vertraut dessen Musikgeschmack. Krumeich fragt immer wieder bei engagierten deutschen Labels wie Tapete Records nach, ob sie nicht jemand für Rohrs Wohnzimmer hätten. Die Plattenfirmen schicken dann Künstler mit ungewöhnlichen, in der Regel sehr eigenständigen popmusikalischen Zugängen nach Stuttgart.

Konzerte im privatesten Raum

Die Idee, Popkonzerte in die eigenen vier Wände zu verlegen, stammt aus den Niederlanden. Dort, in der Schweiz und auch in Deutschland kann man inzwischen von einem Trend sprechen. Allein in Stuttgart gibt es um die zehn Wohnzimmer, in denen regelmäßig Popmusiker Station machen. Die Stuttgarter Privatveranstalter wiederum sind Teil eines deutschlandweiten Netzwerks. Allein auf der Internetplattform sofaconcerts.org sind Dutzende Konzerte aufgeführt. Und es gibt zig weitere Internetseiten der Szenen aus anderen Städten. Falls es nicht ohnehin schon immer Popkonzerte in Wohnzimmern gegeben hat, ist das Phänomen jetzt zumindest für jeden sichtbar.

Konzerte im privaten, ja privatesten Raum zu veranstalten, hat Tradition. Es ist ja ein höchst bürgerlicher Brauch, in den eigenen vier Wänden zu musizieren oder musizieren zu lassen. Heutzutage braucht man dafür: ein möglichst geräumiges Wohnzimmer, dazu musikalischen Sachverstand und die nötigen Kontakte in die Szene – man will ja gerade talentierte Künstler jenseits des Mainstream ins Haus holen. Und schließlich wäre auch ein Publikum hilfreich, das in Sachen Pop zumindest nicht ganz ahnungslos ist.

Ein Wohnzimmerkonzert ist eine Art musikalischer Salon. Wer hier zusammenkommt, der findet die großen Shows in den Mehrzweckhallen meistens weniger interessant und entzieht sich bewusst der Kommerzmaschine, die die Pop-Industrie weiterhin ist. Das spricht in aller Regel für einen erlesenen Geschmack, kann aber auch als Neo-Biedermeier verstanden werden, als Domestizierung von Popmusik, die in der Stuttgarter Halbhöhenlage in dem Wohnraum just desjenigen Establishments aufgeführt wird, gegen das der Pop sich ursprünglich einmal gerichtet hat.

Möglich, dass die Realität viel banaler ist. Zumindest Claudia Zielfleisch sieht das so. Die Juristin sitzt bei Familie Rohr auf dem Boden. Pelle Carlberg macht gerade Pause, und Zielfleisch erzählt, wie sie eher zufällig zur Stuttgarter Szene gestoßen ist. Es sind vielleicht 200 Menschen, die sich regelmäßig in hiesigen Wohnzimmern begegnen. Seit zwei Jahren öffnet auch Claudia Zielfleisch ihre gute Stube in schönster Feuerbacher Halbhöhenlage für Konzerte, die sie zusammen mit einer Freundin veranstaltet.

500 Euro pro Abend

Wohnzimmerkonzerte sind aus Sicht der 43-Jährigen nicht das bourgeoise Vergnügen von Privilegierten. Zielfleisch sagt, dass sie immer ein Plakat mit den aktuellen Konzertterminen an ihrer Garage aufhängt. Ihr Haus stehe prinzipiell jedem offen, der sich vorher anmeldet. Die Auftritte im eigenen Wohnzimmer sind aus ihrer Sicht ein Vergnügen von Menschen, die es sich leisten können und andere gerne daran teilhaben lassen. Zumal, wie Zielfleisch betont, nicht nur das Publikum profitiert: „Die Bands können Lücken in ihren Tourplänen füllen, die Auftritte sind entspannter als typische Kneipengigs. Und finanziell lohnt es sich für sie meistens auch.“ 500 Euro kann ein Künstler bei ihr an einem Abend machen, sagt Claudia Zielfleisch. Das liegt für einen Großteil des fahrenden Musikervolks über dem Schnitt. Deutlich.

Für Jürgen Rohr sind Wohnzimmerkonzerte praktisch: Als Vertriebschef eines großen deutschen Mobilfunkanbieters sei er eben viel unterwegs und könne sich nicht so viele Konzerte ansehen, erzählt der Gastgeber. Er versteht seine Halbhöhenabende als Beitrag zur Kulturförderung, auch Essen und Getränke sind kostenlos, und die Gäste dürfen ihre Freunde mitbringen. Rohr reicht es als Lohn für seine Mühen, dass er gute Livemusik samt angenehmer Stimmung frei Haus geliefert bekommt. Die Zuhörer kriegen ein hübsches Konzert mit Blick auf den Kessel, und die Musiker nehmen einen großzügig gefüllten Spendenhut mit nach Hause. „Win-Win“, sagt Rohr.

So sieht es auch Pelle Carlberg. Er hat sein Konzert im Rohr’schen Wohnzimmer beendet. Warmer Applaus, ein gut gefüllter Hut, Carlberg verkauft seine CDs direkt aus dem Koffer heraus für zehn Euro das Stück. „Für mich ist es eine neue Erfahrung, so nah am Publikum zu sein“, sagt er. Was man nicht vergessen dürfe: Zu den Wohnzimmerkonzerten kämen in der Regel Menschen mit guten Kontakten – zu Medien, Konzertveranstaltern, Clubs. Mit dabei sind immer auch Leute, die im Internet über Musik schreiben. Die für den nächsten, womöglich regulären Auftritt im Liveclub Werbung machen.

Noch, sagt Claudia Zielfleisch, rufen die Tourneeplaner an, wenn sie eine Lücke im Tourplan zu füllen haben. „Aber das ändert sich langsam“, berichtet die Konzertveranstalterin mit dem großen Wohnzimmer. Möglich, dass man gute neue Musik künftig als erstes in der guten Stube zu hören bekomme. Daheim ist’s doch am schönsten.