Die sogenannte Expressbuslinie X 1 zwischen Bad Cannstatt und der Stuttgarter Innenstadt war lange umstritten, ist aber mittlerweile weitgehend aus den Schlagzeilen und politischen Debatten verschwunden. Das könnte sich bald ändern: Nach Informationen unserer Zeitung muss die Buslinie, die als Prestigeprojekt der ökosozialen Mehrheit im Rathaus und des früheren OB Fritz Kuhn (Grüne) gilt und im Luftreinhalteplan des Landes zur Reduzierung des Schadstoffausstoßes durch Autos verankert ist, für zweieinhalb Jahre stillgelegt werden. Grund sind Sanierungsarbeiten im Abwassernetz unter der Cannstatter Straße zwischen Neckartor und Schwanenplatztunnel.
Den Recherchen zufolge will das städtische Tiefbauamt bereits ab August 2022 mit vorbereitenden Arbeiten im Untergrund beginnen, das Befahren der eigens für den X 1 eingerichteten Busspur, die im Richtungswechselbetrieb befahren wird, wäre dann ab dem Ende der Sommerferien 2022 unterbrochen. Das Land als Autor des Luftreinhalteplans sei darüber bereits informiert, heißt es weiter. Die Sanierung der Cannstatter Straße soll bis Ende 2025 dauern, so lange würde auch der Betrieb der Expressbuslinie ruhen.
Pilotprojekt erntete viel Kritik, Hohn und Spott im Netz
Der Schnellbus war ein Resultat des Bündnisses für Mobilität und Luftreinhaltung, zu dem sich 2017 die Ratsfraktionen von Grünen, CDU und SPD zusammengefunden hatten. Insbesondere den Grünen galt der X 1 als innovative Idee, um Autofahrern den Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel schmackhaft zu machen und die damals noch über dem gesetzlich festgelegten Grenzwert liegenden Werte an Kohlendioxidausstoß speziell auch am Neckartor zu senken. Doch im Lauf der Zeit zog das Projekt immer mehr Kritik auf sich: Die Auslastung sei zu gering, die von den SSB präsentierten Zahlen pendelten zwischen 2500 und 3000 Fahrgästen pro Tag – vor der Coronapandemie. Der Bus mache zudem S- und Stadtbahnlinien zwischen der City und Bad Cannstatt Konkurrenz, hieß es. Weil einige Busse gleich nach Inbetriebnahme in Auffahrunfälle verwickelt waren, ergoss sich in den sogenannten sozialen Medien Hohn und Spott über den X 1, der „heiße Luft“ transportiere .
Auch die hohen Kosten für den Stadthaushalt wurden bemängelt. Nach der Betriebsaufnahme flossen 2019 und 2020 rund 2,7 Millionen Euro in Straßen- und Haltestellenbau sowie die Anpassungen der Lichtsignalanlagen für die Linie. Dass die Stadt dieses Geld investieren musste, obwohl der X 1 laut Luftreinhalteplan ein Projekt des Landes war, kam im Gemeinderat ebenfalls nicht gut an. Erste Forderungen nach einem Stopp des Pilotprojekts wurden 2020 allerdings aus juristischen Gründen nicht weiter verfolgt. Ein Gutachten ergab, dass die Maßnahme im Luftreinhalteplan des Landes eine bindende Wirkung entfalte, die allenfalls durch die Fortschreibung des Luftreinhalteplans beseitigt werden könne.
2021 wurden Fahrzeiten auf die wochentäglichen Stoßzeiten reduziert
Unter Kuhns Nachfolger Frank Nopper (CDU) trat der Gemeinderat dann 2021 gegen die Stimmen der Grünen auf die Bremse. Seit 1. Juli vergangenen Jahres fährt der X 1 nur noch wochentags zu den Hauptverkehrszeiten morgens und abends im Sechs-Minuten-Takt. Die Stadt sparte damit 500 000 Euro Betriebskosten ein; das Land hatte sich bis zuletzt einer 50-prozentigen Co-Finanzierung verweigert.
Mit der – wenn auch befristeten – Stilllegung der Buslinie könnte endgültig das Totenglöcklein für den X-1-Bus läuten, da mittlerweile ja auch am Neckartor die Schadstoffgrenzwerte eingehalten werden und die Linie möglicherweise in der nächsten Aktualisierung des Luftreinhalteplans entfällt. Noch offen ist, ob es für die Dauer der Baustelle auf der Cannstatter Straße eine Kompensation in Form einer alternativen Buslinie geben wird. Autofahrer müssen sich während der Bauzeit auf jeden Fall ebenfalls auf massive Behinderungen durch Verlegung und Sperrung von Fahrspuren stadtein- und -auswärts einrichten.