Stuttgarter „Zauberlehrling“ Vom Azubi zum Unternehmer

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Die Auszubildenden des Stuttgarter „Zauberlehrlings“ betreiben in der Krise einen Liefer- und Abholservice.

Ein Team von Jungunternehmern in der Ausbildung (von rechts): Morris Rasspe, Till Wörner, Nele Giel, Davide Siciliani und Leon Gaudlitz Foto: Wunderkammer
Ein Team von Jungunternehmern in der Ausbildung (von rechts): Morris Rasspe, Till Wörner, Nele Giel, Davide Siciliani und Leon Gaudlitz Foto: Wunderkammer

S-Mitte - Die Corona-Krise bedroht auch die Ausbildung, insbesondere im Gastgewerbe, in dem viele Betriebe seit Wochen geschlossen sind. Da derzeit auch kein Berufsschulunterricht stattfinden kann, liegt der Lehrbereich sowohl in der Praxis als auch in der Theorie brach. Und dann ist da noch das finanzielle Problem: Bisher können Betriebe erst nach sechs Wochen voller Vergütung Kurzarbeit für ihre Auszubildenden beantragen. Deswegen droht vielen Lehrlingen die Kündigung des Auszubildendenverhältnisses.

Die Familie Heldmann hat aus der Not eine Tugend gemacht. Sie betreibt im Bohnenviertel das Hotel und Restaurant Zauberlehrling sowie das Bistro Wunderkammer. Das wird seit der Woche vor Ostern von den Azubis in Eigenregie als Abhol- und Lieferservice gemanagt: von der Speisekartenplanung über Einkauf bis hin zu den Dienstplänen. Die insgesamt zehn Auszubildenden aus den drei Bereichen Hotel- und Restaurantfachmann beziehungsweise -frau sowie Küche sind sozusagen als Krisenunternehmer tätig. „Aber natürlich achtet die Familie darauf, dass wir nicht Geld verbrennen“, sagt Till Wörner.

Prüfung verschoben

Wörner, 22, ist Koch-Azubi im dritten Lehrjahr und kurz vor den Abschlussprüfungen. Die schriftliche ist wegen Corona um eine Woche nach hinten auf Ende Juni verschoben worden. Dann steht noch die praktische Prüfung an, in seinem Fall sind es sogar zwei, weil er noch eine Zusatzqualifikation im Bereich Küchen- und Servicemanagement macht. „Auch dafür ist unser Wunderkammer-Projekt eine super Sache, um Ausbildungsinhalte zu vermitteln“, sagt Wörner.

Das zehnköpfige Team im Alter von 19 bis 27 Jahren hat im Konzept vier Punkte in den Mittelpunkt gestellt: Regionalität, Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Gastlichkeit. Vieles mag sich in der Gastronomie zwar von selbst verstehen – und doch: Das Wunderkammer-Team nun versucht mit kleinen Aufmerksamkeiten und viel Liebe im Detail seine Kunden glücklich zu machen. Ein Teil der Einnahmen wird an die Stuttgarter Caritas gespendet. Auch Hersteller und Lieferanten werden unterstützt wie etwa die Gärtnerei Busch in Korntal, deren Ware normalerweise viele Abnehmer auf dem Großmarkt findet – aber eben nicht, wenn Restaurants geschlossen sind.

Drei-Gänge-Menü für 32,50 Euro

Transportiert werden die Gerichte mit dem Fahrrad oder einem Elektromobil in recyclingfähigen Behältern; Brühen und Schweinebäckle zum Beispiel in Schraubverschlussgläsern. Des Weiteren können auf der wechselnden Wochenkarte frische Salate mit selbstgemachtem Sauerteigbrot, Maultaschen, Quiches oder Falafel auftauchen. Nach etwas schleppendem Beginn laufe es mittags und abends von Woche zu Woche besser, sagt Wörner. Besonders gefragt sei das Highlight fürs Wochenende: ein Drei-Gänge-Menü für zuletzt 32,50 Euro mit Komponenten, die aus Gründen der Frische zu Hause teils noch gefinisht werden müssen. Der Qualitätsanspruch ist hoch, schließlich ist Fabian Heldmann, der für den Einkauf beratend zur Seite steht, Küchenchef eines Sternerestaurants.

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