Surf-Verbot im Neckar Stadt Stuttgart: Aus für die Neckarwelle

Von Jörg Nauke 

Gesundheitsschutz geht vor Vergnügen: Die Stadt hält den Bau einer höhenverstellbaren Barriere im Untertürkheimer Seitenkanal nicht für genehmigungsfähig.

So stellte sich der Verein Neckarwelle sein Freizeitvergnügen in Untertürkheim vor (Foto links). Die Mitglieder übten bereits an Ort und Stelle das Paddeln im Vorfluter.. Foto: Verein/Lichtgut
So stellte sich der Verein Neckarwelle sein Freizeitvergnügen in Untertürkheim vor (Foto links). Die Mitglieder übten bereits an Ort und Stelle das Paddeln im Vorfluter.. Foto: Verein/Lichtgut

Stuttgart - Untertürkheim wird nicht zum Surferparadies. Die Stadt Stuttgart hat am Donnerstag „nach eingehender Prüfung“ dem Verein Neckarwelle mitgeteilt, dass das Projekt einer höhenverstellbaren Barriere im Seitenkanal beim EnBW-Kraftwerk vorerst nicht genehmigungsfähig sei. Entsprechende Informationen unserer Zeitung haben sich damit bestätigt. „Das ist das Ergebnis umfangreicher hygienischer und rechtlicher Prüfungen“, so Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU). Das hat er mit Umweltbürgermeister Peter Pätzold (Grüne) den Initiatoren des Projekts mitgeteilt.

Badeverbot seit 1978 im Neckar

Es müssten „schwierigste Fragen der Genehmigungsfähigkeit geklärt werden“, hatte Schairer (CDU) schon im Vorfeld vor zu großer Euphorie beim rund 340 Mitglieder starken Verein und im Sportausschuss gewarnt. Das größte Hindernis ist die schlechte Wasserqualität des Neckars, der als Vorfluter für 600 Klärwerke dient. Unter anderem deshalb gilt seit 1978 ein Badeverbot für den Neckar. Dieses würde nach Ansicht des Rechtsamts für Surfer unterlaufen, weil sich dann jeder überall mit Brett in die Fluten stürzen dürfte.

„Wir wissen, dass eine Neckarwelle ein öffentlichkeitswirksames Projekt wäre“, erklärte Schairer. „Sie ist aber nicht genehmigungsfähig.“ Der Gesundheitsschutz stehe vor dem sportlichen Vergnügen.“ Laut Peter Pätzold sei der Neckar zwar in den vergangenen Jahren sauberer geworden. Das Landesgesundheitsamt habe aber nachgewiesen, dass das Wasser dauerhaft mit Fäkalien und Krankheitserregern belastet ist und deshalb mitgeteilt, dass „weiterhin entschieden von Freizeitaktivitäten im Neckar abgeraten wird, insbesondere vom Baden und anderen Aktivitäten, bei denen untergetaucht wird und die Gefahr besteht, dass Wasser verschluckt wird“.

Durchfall und Darmentzündungen möglich

Spitzenwerte würden nach starkem Regen und Einleitungen aus Kläranlagen oder Regenüberlaufbecken gemessen. Den nach der Badegewässerverordnung maximal tolerierbaren Wert für die Durchfall und Darmentzündungen auslösenden Coli-Bakterien überschreite der Neckar im Mittel um das Doppelte. Der Spitzenwert für Enterokokken, das sind Harnwegsinfekte auslösende Bakterien, werde im Mittel nahezu ständig erreicht.

Die Spitzenwerte zweier Proben von 18 im Zeitraum vom 2. Juli bis 30. Oktober 2018 überschritten die maximal tolerierbaren Werte für die als Fäkalindikatoren geltenden Coli-Bakterien um das 20-Fache, für Enterokokken um das Zehnfache. Die Konzentrationsschwankungen und der Nachweis unter anderem von Noroviren in drei von vier untersuchten Proben untermauerten die Studien zur Belastung von Neckarwasser.

Andere Städte mit Surfwellen, andere Bedingungen

Die Stadt hat auch bei anderen Kommunen angefragt. Surfwellen gebe es in Hannover und Nürnberg, an Leine und Pegnitz herrschten laut Pätzold aber andere Voraussetzungen. Auch die vom Verein Neckarwelle vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen könnten die Gesundheitsgefährdung der Sportler nicht gänzlich ausschließen. Der Vereinsvorstand sieht sich eher in einer Reihe mit Ruderern und Kanuten, deren oberstes Ziel es ist, nicht ins Wasser zu fallen und hat in seinem Gutachten aufgeführt, dass sich ein Sportler in einer Stunde maximal zwei Minuten im Wasser befinde.

Beim Paddeln ans Ufer befinde sich der Kopf im Vergleich zum Schwimmen viel weiter oberhalb der Wasseroberfläche. Die Gefahr, Wasser zu schlucken, sei somit wesentlich geringer als beim Baden. Der Verein hat organisatorische Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit für die Surfer wie das Abschalten der Welle nach Starkregen sowie Warnhinweise, Duschen sowie Nasenklammern und Schwimmwesten vorgeschlagen.

Dank an den Verein

Die Bürgermeister dankten den Initiatoren. Sie hätten eine spannende Idee entwickelt, den Neckar erlebbar zu machen. Schairer weiter: „Wir haben alle Spielräume gesucht, bedauern daher feststellen zu müssen, dass zum jetzigen Zeitpunkt eine Welle im Neckar nicht machbar ist.“

Die Verwaltung wird die Ergebnisse ihrer Prüfungen am 9. April im Technikausschuss präsentieren. Dann wird auch ein Vertreter des Landesgesundheitsamtes seine Analysen der Wasserqualität erläutern.

Nachdem der Gemeinderat erst eine rund 90 000 Euro teure Machbarkeitsstudie finanziert hatte, sollten nun im nächsten Schritt Planungsmittel von etwa einer halben Million Euro für den Doppelhaushalt 2020/21 angemeldet werden. Das Projekt hätte letztlich mindestens vier Millionen Euro gekostet.

Finanzierung wäre unklar gewesen

Die Sportverwaltung zeigte nach Informationen unserer Zeitung allerdings wenig Neigung die Finanzierung zu Lasten der Stuttgarter Sportvereine zu übernehmen. Einige von der Idee begeisterte Stadträte wollten es jedoch nicht ausschließen, eine Unterstützung aus dem Topf „Stadt am Fluss“ zu beantragen.

Das Projekt wird im Bürgerhaushalt beworben, 2017 war es dort auf dem 20. Platz gelandet. In der Beschreibung heißt es, die Neckarwelle eigne sich hervorragend für die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027. Nun dürfte die Enttäuschung groß sein, doch es gibt Alternativen: Vor den Toren Münchens in Halbergmoos entsteht eine kommerzielle Anlage mit bis zu zwei Meter hohen Wellen. Eine Kopie dieses Freizeitparks könnte der Region Stuttgart zu größerer Attraktivität verhelfen. Und man könnte in sauberem Wasser surfen.

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