Manche Termine haben ihren eigenen, ganz bizarren Reiz. Der 30. September wird so ein ganz spezieller Tag für Tobias Müller. An diesem Samstag haben die Handballer des SV Leonberg/Eltingen ihr erstes Heimspiel der Saison in der Württembergliga, Gegner ist Aufsteiger MTG Wangen. Noch vor einem halben Jahr hätte sich Tobias Müller darüber keinen Kopf gemacht, wäre ins Sportzentrum marschiert und hätte dem SV kräftig beide Daumen gedrückt. Aber nun ist alles anders. Ganz anders.
Es ist ein Termin, bei dem in der Brust des 40-Jährigen zwei Herzen schlagen, einer, an dem er sich eigentlich teilen müsste. Denn am 30. September endet das Anstellungsverhältnis von Tobias Müller als Geschäftsführer des SV Leonberg/Eltingen, und – wie filmreif – am 1. Oktober beginnt sein neuer Arbeitsvertrag als Vereinsmanager bei MTG Wangen. „Ich muss aufpassen, was ich anziehe“, sagt der Sportfan, „am besten die Farben Blau und Grün – die hat keiner der Clubs im Logo.“
An jenem Abend wird eine kleine Ära enden, wenn es den einstigen Handball-Spieler und noch immer Handball-Enthusiasten ins Allgäu zieht. Das Büro an der Bruckenbachstraße wird er bereits an diesem Freitag endgültig räumen, dann stehen noch freie Tage und nicht genommener Urlaub an. „Ich gehe mit gemischten Gefühlen“, verrät der studierte Sportwissenschaftler, „der SV war mehr als ein Arbeitgeber. Es war eine Herzensangelegenheit.“
Und wer einmal geliebt hat, der weiß, dass Glück und Leid dabei verdammt nahe beieinander liegen können. Über seine ersten Schritte als Handball-Trainer im Sportverein ist er noch heute dankbar, so „habe ich mich einlernen können“ in dieses Metier, wo er später den Drittligisten TGS Pforzheim übernommen hat. Doch auch mit Enttäuschungen musste Tobias Müller umgehen, ohne kaputtzugehen. Aber der Mann mit der kräftigen Statur ist seelisch kein Mimöschen. Der Neubau des Vereinszentrums für 13 Millionen Euro nach der Fusion der TSV Eltingen und der TSG Leonberg im Jahr 2018, vor allem aber das Projekt Fitness-Studio waren umstritten. „Der Bau war kostenmäßig eine Punktlandung“, betont er heute, „da hat sich der Verein nicht übernommen.“ Dass dann Corona kam sowie der Ukraine-Krieg samt der Explosion der Energiekosten, das konnte niemand ahnen. Diese internationalen Entwicklungen und in der Folge die Corona-Beschränkungen sind Gründe dafür, dass sich die Sportwelt nicht so entwickeln konnte, wie das geplant war. Daher bat der SV Leonberg/Eltingen die Mitglieder zur Kasse, was Müller einige verbale Nasenstüber und auch Tiefschläge bescherte. Nun sei der Trend positiv, bemerkt er. „Ich habe ein dickes Fell und weiß, dass man in einer Führungsposition nicht nur Freunde haben kann“, sagt Tobias Müller, „wer da nur Freunde hat, macht etwas falsch.“
Krisenmanagement muss sein
Denn er selbst, und auf diese Feststellung legt er Wert, nehme kein Blatt vor den Mund. Und so hat der Geschäftsführer-Novize von 2018 viel gelernt auf seiner Geschäftsstelle, im Verein und in der Stadt Leonberg. Dass man hinstehen muss, um seine Meinung zu vertreten. Dass man Krisenmanagement nicht scheuen darf. Und dass man damit rechnen muss, dass man gelegentlich auch menschlich enttäuscht wird. Eine Lektion nimmt der Wandersmann gen Wangen mit: „Ich will noch mehr auf mich vertrauen, anstatt es stets den Mehrheiten Recht machen zu wollen.“ Manche Erlebnisse prägen.
Ehrenamt im Sport wird zu gering gewürdigt
Der Reisende lässt auch ein paar mahnende Sätze in Leonberg zurück. Die Zusammenarbeit auf Arbeitsebene mit dem Sportamt habe bestens funktioniert, allerdings werde der Sport von der Kommune stiefmütterlich behandelt und ihm komme nicht der Stellenwert zu, den er verdiene. „Das Ehrenamt bildet eine Säule der Gesellschaft“, sagt der Sportmanager, „aber das wird wie selbstverständlich hingenommen. Es ist nicht damit getan, einmal im Jahr die Ehrenamtler mit einem Empfang zu würdigen.“
Am Freitag schließt der Geschäftsführer die Tür zum SV-Büro letztmalig, am Samstag kommt der Umzugs-Lkw, es geht nach Wangen, wo er den Oberbürgermeister und die MTG-Führungsriege längst kennengelernt hat. Danach kehrt Tobias Müller noch einmal zurück nach Leonberg. Zum Handball, und alle sind gespannt, welche Farben er trägt.