Mit dem Ukraine-Krieg und der Inflation haben die Tafeln neue Herausforderungen bekommen. Gestiegene Kundenzahlen sind dabei nicht das einzige Problem.

Lebensmittel retten und so bedürftigen Menschen helfen – unter diesem Grundsatz arbeiten in Baden-Württemberg rund 147 Tafeln. Mit dem Ukraine-Krieg und der Inflation kommen auf diese jedoch neue Herausforderungen zu.

Zwischen 140 und 160 Tafelbesuchende verzeichnet Ulrike Bötcher, Geschäftsführerin der Ludwigsburger Ludwigstafel in letzter Zeit in der Hauptstelle in der Saarstraße und den drei Ausgabestellen in Kornwestheim, Eglosheim und Grünbühl. Vor dem Ukraine-Krieg waren es etwa 89 bis 100 Teilnehmer. Ein deutlicher Anstieg, der laut Bötcher neben dem Ukraine-Krieg auch mit der Inflation zusammenhängt. „Viele, die zwar berechtigt zum Einkauf bei der Tafel gewesen wären, sind bislang so irgendwie durchgekommen“, erklärt sie. Durch die Inflation funktioniere das nun nicht mehr.

Aufnahmestopps sollen vermieden werden

Das vermutet auch Hilli Pressel, stellvertretende Projektleiterin bei der Schwäbischen Tafel Stuttgart. „Menschen, die sonst zu Ende des Monats kommen, weil das Geld knapp wird, kommen nun schon zur Monatsmitte“, sagt sie. Entscheidend für die wachsende Besucherzahl ist aus ihrer Sicht ebenfalls der Ukraine-Krieg. Zurzeit würden etwa 2000 Menschen die Läden in Stuttgart-Mitte, Bad Cannstatt, Fellbach und Möhringen aufsuchen. Angesichts der steigenden Kundenzahlen wurden bereits einige Maßnahmen ergriffen. So wurden die Öffnungszeiten um eine Stunde verlängert, eine zusätzliche Kasse wurde eingeführt. Im Laden in Stuttgart-Mitte gehen die Maßnahmen noch einen Schritt weiter.

Jeweils abwechselnd dürfen an einem Tage alle Menschen mit dem Nachnamensanfang von A bis K und am anderen Tag alle von L bis Z kommen. Eingeführt wurde das Konzept schon während Corona. „Dann haben wir es zwischenzeitlich beendet und jetzt im Sommer wieder etabliert, weil wir im Vergleich zum Jahr zuvor doppelt so viele Kunden hatten“, erklärt Pressel. So soll der Ansturm reduziert werden, ohne drastische Mittel ergreifen zu müssen. „Wir wollen keinen Aufnahmestopp“, betont Pressel.

Die Vorweihnachtszeit sorgt für viele Spenden

Eine Entspannung der Situation ist laut der Tafel-Chefinnen nicht in Sicht, vielmehr ist das Gegenteil der Fall. „Das wird noch steigen, weil jetzt auch die Energiekostenabrechnungen kommen, die viele nicht mehr zahlen können und das Ganze dann nochmals enger wird“, erklärt Bötcher. Im Bürgergeld sehen beide keine große Entlastung.

Immerhin sind bislang ausreichend Lebensmittel vorhanden. „Man merkt, das Vorweihnachtszeit ist, da gibt es viele Spenden. Von daher können wir uns nicht beklagen“, sagt Bötcher. Gerade Privatpersonen und auch Firmen seien aktuell großzügig. Davon berichtet auch Hilli Pressel. „Wir kriegen auch langhaltbare Sachen wie Nudeln, Reis, Mehl und Zucker. So etwas landet normalerweise nie in der Tafel, da freuen sich die Kunden ganz besonders“, sagt sie. Diese Spendenbereitschaft sei aber nicht die Regel.

Tafeln dürfen Lebensmittel nicht selbst kaufen

Beide Tafelvereine bauen dabei auf einer reinen Spendenbasis auf, es gibt keine staatlichen oder kirchlichen Zuschüsse. Überschüssige Lebensmittel kommen von Supermärkten, Bäckereien, Großmärkten oder den Herstellern direkt. Dafür sind die Fahrer der Tafel oft weit unterwegs. „Wir fahren bis nach Bayern in eine Molkerei und auf die Insel Reichenau und holen da die Überschüsse direkt beim Hersteller oder auch auf dem Biogroßmarkt in Ulm“, berichtet Pressel. Auch die finanzielle Unterstützung für die Betriebskosten läuft sowohl bei der Schwäbischen Tafel Stuttgart wie auch bei der Ludwigstafel über Spenden von Firmen oder Privatleuten. Mit den Geldspenden dürfen sie gemäß ihrem Ziel, überschüssige Lebensmittel zu retten, aber keine Ware kaufen. Die Tafelbesucher selbst zahlen in den Läden der Schwäbischen Tafel Stuttgart einen symbolischen Preis im Centbereich, wie etwa zehn Cent für einen Kopfsalat.

Den Großteil der Lebensmittel holen die Tafeln bei den Supermärkten ab. Pressel erklärt das Prinzip an einem Netz Orangen: „Da ist eine Orange schlecht und vier sind wunderbar. Das fliegt beim Lidl raus und landet bei der Tafel. Die schlechte Orange wird rausgemacht und die vier schönen sind für die Kunden“.

Betriebskosten steigen durch höhere Strom- und Benzinpreise

Unlängst seien diese gemischten Waren, die die Tafeln aus den Supermärkten abholen, aber etwas weniger geworden. Das berichtet auch Ulrike Bötcher. „Die Läden kalkulieren inzwischen anders. Sie bestellen nicht mehr so viel und hauen dann alles raus, sondern sie bestellen erst nach, wenn dann so und so viel fehlt.“ Eine erfreuliche Entwicklung, wie Bötcher findet, zumal das ja auch ein Ziel der Tafeln sei. Allerdings bleibt so auch weniger für die Tafel übrig. „Jetzt mit dem Ukraine-Krieg und den steigenden Kundenzahlen, die wir hier haben, ist weniger Ware natürlich ein Problem“, sagt sie. Es mangelt vor allem an Molkereiprodukten, Fleisch, Käse und Wurst.

Eine weitere Herausforderung sind die gestiegenen Betriebskosten der Tafeln, die durch höhere Stromkosten und teureres Benzin entstehen. „Wir können das ja nicht wie andere einfach an den Endverbraucher weitergeben, unsere Kunden sind ärmer denn je“, sagt Hilli Pressel. Deswegen seien die Tafeln mehr als früher auch auf Geldspenden angewiesen. Der Verband der Tafeln in Baden-Württemberg ist dafür bereits mit dem Land im Gespräch, sagt Udo Engelhardt vom Landesverband: „Weil wir sehr stark von der Energiekrise betroffen sind und das nicht an unsere Kunden abgeben wollen.“