Tanja Kuttler und Maike Merz bei Handball-EM Gegen alle Widerstände in die Schiedsrichter-Elite

Tanja Kuttler (li.) und Maike Merz pfeifen bei der Heim-EM der Männer. Foto: IMAGO/wolf-sportfoto/IMAGO/Marco Wolf

Tanja Kuttler und Maike Merz sind das einzige Schiedsrichterinnen-Duo in der Handball-Bundesliga der Männer. Jetzt sind sie bei der Heim-EM im Einsatz. Wie meistern die beiden Schwestern den Spagat zwischen Sport, Familie und Beruf?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Es ist das Bundesligaspiel am Tag vor Heiligabend in der Porsche-Arena. Tanja Kuttler holt sich eine Stunde vor Beginn der Partie TVB Stuttgart gegen Rhein-Neckar Löwen noch einen Kaffee aus dem Presseraum. Von Anspannung keine Spur. Schon umgezogen in Schiedsrichtermontur, plaudert sie locker über aktuelle Handball-Themen und auch über die Heim-EM: „Handball wird in Deutschland gelebt und gefeiert. Das werden stimmungsvolle Spiele, auch wenn andere Mannschaften als das DHB-Team auf dem Feld stehen. Das wird das Größte für uns“, sagt die 35-Jährige. „Uns“ – das bedeutet sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester Maike Merz.

 

Erster EM-Einsatz souverän

Die beiden mit dem Nachnamen Schilha geborenen Frauen aus der Nähe von Tettnang am Bodensee sind das einzige weibliche Gespann, das in der Männer-Bundesliga pfeift. Und neben Robert Schulze und Tobias Tönnies (beide Magdeburg) sind sie das einzige deutsche Schiedsrichter-Duo bei dieser Europameisterschaft. Am Donnerstag pfiffen sie in der Vorrunden-Gruppe E die Partie Schweden gegen Bosnien und Herzegowina (29:20) vor über 10 000 Zuschauern in Mannheim. Mit der Leitung des fairen Spiels hatten sie keine Probleme. Souverän zeigten sie sich auch, als es zu einer kleinen Rudelbildung kam, couragiert gingen sie zwischen die 110-Kilo-Hünen.

Sie sind in der Weltspitze angekommen. „Es hat sich bewährt, dass wir einen Schritt nach dem anderen gegangen sind. Und es ist schön zu sehen, dass sich harte Arbeit, die wir täglich in unsere Leidenschaft stecken, auszahlt“, sagt Tanja Kuttler. Sie und ihre Schwester reisen Woche für Woche, etwa 100 Tage im Jahr, gemeinsam durch Deutschland und die Welt. Dafür meistern sie einen Spagat zwischen Sport, Familie und Beruf. Leonie und Madita, die Töchter von Maike Merz, sind fünf und drei Jahre alt, Korbinian, der Sohn von Tanja Kuttler, wird diesen Monat drei. Dazu arbeiten beide noch in Teilzeit beim Autozulieferer ZF in Friedrichshafen. Der Organisationsaufwand ist enorm. „Das Ganze funktioniert nur, weil unsere Ehemänner, Eltern und auch Schwiegereltern voll mitziehen“, sagen sie unisono.

Die 1500 Euro, die sie als Gespann zusammen pro Bundesligaspiel bekommen, lindern den Trennungsschmerz nur unwesentlich. Als Maikes ältere Tochter ihre ersten Schritte machte, waren die Schwestern 1000 Kilometer entfernt in einer Handballhalle in Ungarn – bei einer Juniorinnen-WM. Beim ersten Geburtstag pfiffen sie das deutsche Frauen-Pokalfinale. „Solche Dinge sind schon hart, gerade in dem Alter verpasst man einiges“, sagt Kuttler, macht aber anderen Frauen auch Mut: „Man muss einfach auch flexibel sein. Wenn es ausnahmsweise mal möglich ist: viele Familienmitglieder einpacken und unterwegs feiern. Das sind Momente, die in Erinnerung bleiben.“

Chance auf Olympische Spiele

Immer im Gedächtnis bleiben wird mit Sicherheit auch diese Heim-EM der Männer, bei der als zweites Frauen-Duo die Französinnen Charlotte Bonaventura und Julie Bonaventura im Einsatz sind. Es ist das zweite große Männer-Turnier für Kuttler/Merz nach der WM 2023 in Dänemark, Norwegen und Schweden. Bekommen sie gute Bewertungen bei der EM, besteht sogar die Chance, für Olympia in Paris nominiert zu werden. „Wenn uns vor fünf, sechs Jahren jemand gesagt hätte, dass wir bei solchen Großevents dabei sind, hätten wir die Person für verrückt erklärt“, sagt Tanja Kuttler. Sie und ihre Schwester, die beide früher selbst für die SG Argental Handball spielten, haben viel mehr erreicht, als sie sich erträumt haben.

Früher gab’s blöde Sprüche

Am Anfang ihrer Karriere mussten sie um Respekt und Anerkennung im Männer-Handball kämpfen. Sie waren Exotinnen, die sich manch blöden Spruch unbelehrbarer Zuschauer anhören mussten. Das Frauen-Volleyballspiel sei in einer anderen Halle, war eine dieser überflüssigen Kommentare. Und selbst Ex-Nationalspieler Christian Schwarzer ließ sich in einem Podcast zu der Äußerung hinreißen: „Keine Ahnung, wie man auf die Idee gekommen ist, Frauen bei den Männern pfeifen zu lassen.“ Jeder in Deutschland dürfe seine Meinung frei äußern, reagierten die beiden Schiedsrichterinnen betont entspannt, das Thema war erledigt.

Gegen alle Widerstände haben sie auf dem Weg an die Spitze alle Hürden überwunden. Unterstützung bekamen sie immer wieder von Schiedsrichterchefin Jutta Ehrmann-Wolff. Die hauptamtliche Leiterin Schiedsrichter-Entwicklung beim Deutschen Handballbund (DHB) förderte und coachte Kuttler und Merz – aber nicht um der Erfüllung einer Frauen-Quote wegen. Im Gegenteil: Unter ihrer Regie wurde 2021 die Sonderrolle von weiblichen Gespannen abgeschafft. Seitdem müssen sie sich im Ranking der Konkurrenz der Männer stellen.

Als Mütter stärker zurückgekehrt

„Wir haben schon immer großen Wert auf die Gleichstellung gelegt. Auch in Sachen Fitness erfüllen wir exakt die gleichen Voraussetzungen wie unsere männlichen Kollegen“, betont Tanja Kuttler in ihrer offenen, unaufgeregten Art. Die Geburt ihrer Kinder habe sie sogar beflügelt. Als Mütter sind sie und ihre Schwester stärker zurückgekehrt. Weil ihr Ehrgeiz ungebrochen ist und eine Prise Lockerheit hinzukam.

So viel verdienen Schiedsrichter im Handball

Bundesliga
Jedes Schiedsrichtergespann erhält pro Spiel in der Handball-Bundesliga der Männer zusammen 1500 Euro, pro Kopf also 750 Euro. In der Zweiten Männer-Bundesliga gibt es pro Spiel 400 Euro für jeden der Unparteiischen, in der Frauen-Bundesliga 350 Euro, in der Zweiten Frauen-Bundesliga 150 Euro.

International
Für die Leitung eines Champions-League-Spiels gibt es für jeden Schiedsrichter zwischen 400 und 800 Euro. Die Entlohnung für die Unparteiischen bei der Europameisterschaft ist bescheiden: Für Jede geleitete EM-Partie erhält ein Schiedsrichter 75 Euro pro Spiel, plus 60 Euro an Spesen.

Fußball
Ein Schiedsrichter in der Männer-Bundesliga erhält neben einem Grundgehalt von mindestens 62 000 Euro pro Jahr auch Prämien für jedes gepfiffene Spiel. Bei einer Bundesliga-Partie sind es 5600 Euro, in der zweiten Liga immerhin noch 2800 Euro.(jüf)

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