Teuerung bei Lebensmitteln Gesalzene Preise am Frühstückstisch

Von Imelda Flaig 

Lebensmittel sind im Vorjahresvergleich deutlich teurer geworden. Ihr Preisanstieg lag in den letzten Monaten sogar über der Inflationsrate. Die Teuerung macht sich schon beim Start in den Tag bemerkbar, wie ein Testfrühstück zeigt.

Die Inflation beginnt am Frühstückstisch, wie ein Test mit elf Lebensmitteln zeigt. Im Vorjahresvergleich ist das Frühstück um rund 5,2 Prozent teuerer geworden. Foto: Dähne
Die Inflation beginnt am Frühstückstisch, wie ein Test mit elf Lebensmitteln zeigt. Im Vorjahresvergleich ist das Frühstück um rund 5,2 Prozent teuerer geworden. Foto: Dähne

Stuttgart - Ob bei Brötchen, Eier oder Butter – die Inflation beginnt schon am Frühstückstisch, wie eine Testmahlzeit unserer Zeitung mit elf Lebensmitteln zeigt. Im Vorjahresvergleich hat sich das Frühstück um 5,2 Prozent verteuert, wobei vor allem Butter mit plus 26,1 Prozent, aber auch Eier (plus 8,2 Prozent) zu den Preistreibern zählen. Im Fünfjahresvergleich fällt der Preisanstieg für dasselbe Frühstück mit knapp 20 Prozent noch drastischer aus. Inwieweit sich die Dürre auf die Nahrungsmittelpreise auswirkt, lässt sich noch nicht beziffern. Der Bauernverband rechnet aber mit der schlechtesten Ernte des Jahrhunderts, was sich auf Angebot und Preise auswirken dürfte.

Viele Lebensmittel sind in den vergangenen zwölf Monaten in Deutschland teurer geworden. Zur Jahresmitte kosteten Nahrungsmittel im Schnitt 3,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit lag deren Teuerungsrate deutlich über der Inflationsrate von 2,1 Prozent im Juni.

Unterschiedliche Lieferverträge bei Milch und Butter

Vor allem für Butter mussten Verbraucher tiefer in die Tasche greifen. Sie ist 26,1 Prozent teurer als vor einem Jahr. Wer Billigbutter kauft, muss nicht ganz so tief in die Tasche greifen wie bei Marken- oder Biobutter. Erste Discounter senken jetzt zwar den Butterpreis, er bewege sich aber weiter auf einem hohen Niveau, sagt der Handelsexperte Matthias Queck von LZ Retail. Der Preis für Butter ändert sich schneller als für Milch, da die Lieferverträge alle ein bis zwei Monate zwischen Handel und Molkereien verhandelt werden.

Steigende Lebensmittelpreise treffen vor allem Verbraucher mit kleinen Einkommen, denn sie geben den größten Teil ihres Haushaltsbudgets für Lebensmittel aus. Wenn Elektrogeräte teurer werden, wirkt sich das nicht so stark aus, denn Brot, Butter und Fleisch werden häufiger gekauft als etwa ein neuer CD-Player oder Rasierapparat.

Testfrühstück auf einen Blick

Bei einem Testfrühstück mit elf Lebensmitteln ist nur der Preis für Orangensaft im Vorjahresvergleich gesunken, Müsli und Kaffee sind relativ stabil geblieben. Nach Angaben des Marktforschungsunternehmens Nielsen haben 74 Prozent der Verbraucher das Gefühl, dass die Lebensmittelpreise steigen. Vor einem Jahr waren es nur 59 Prozent. Gut die Hälfte der Kunden reagiert nach eigenen Angaben darauf und greift öfter zu Sonderangeboten oder günstigeren Eigenmarken.

Gedeckt war der Tisch für zwei Personen, wobei die elf Zutaten – Kaffee, Brötchen, Wurst, Marmelade, Käse, Eier, Orangensaft, Müsli, Milch, Butter und Äpfel – günstige Produkte vom Discounter sind. Einzig die Brötchen sind aus der Bäckerei. Markenprodukte sind deutlich teurer, aber wegen ihrer Vielfalt auch schwer zu vergleichen. Für zwei Personen – also unter anderem mit vier Brötchen, 100 Gramm Wurstaufschnitt, zwei Eiern und weiteren anteiligen Zutaten – kostet das Testfrühstück derzeit 6,19 Euro. Aufs Jahr gerechnet sind das bei 365 Mahlzeiten 2259,35 Euro. Gegenüber Mitte 2017 hat sich das Frühstück mit den jeweiligen Produkten und Portionen um 5,2 Prozent verteuert, wobei vor allem die Preise für Butter und Äpfel sowie Eier gestiegen sind. Im Fünfjahresvergleich ist der Anstieg noch drastischer. Im Sommer 2013 kostete dieses Testfrühstück 4,98 Euro und damit 19,5 Prozent weniger als heute.

Bei unserem Vergleich haben wir die endgültige Teuerungsrate vom Juni 2018 zugrunde gelegt, die Daten vom Juli gibt es erst Mitte August. Der Preisanstieg bei den einzelnen Lebensmitteln fiel unterschiedlich aus und hat verschiedene Gründe.

Brötchen +2,1 Prozent

Auch wenn in diesem Jahr die Getreideernte laut Bauernverband geringer ausfallen wird, dürfte dies nicht allzu große Auswirkungen auf den Preis von Brot und Brötchen haben. Viel stärker als die verwendeten Rohstoffe fallen bei den Bäckereibetrieben andere Kosten ins Gewicht – wie etwa die für Energie, Transport, Miete und, nicht zu vergessen, die Personalkosten. Letztere schlagen beim Brotpreis sogar mit rund 50 Prozent zu Buche. Die Brotpreise werden Experten zufolge – wenn überhaupt – nur sehr moderat steigen. Das liegt am Wettbewerb: Kleine Bäckereien konkurrieren mit Großbäckereien und den Backshops der großen Discounter.

Äpfel +28,5 Prozent

Äpfel sind deutlich teurer als vor einem Jahr – eine Folge der Ernteausfälle von 2017. Damals haben Nachtfröste viele Apfelblüten im Land zerstört. Anfang 2018 fehlten laut Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) mehr als eine Million Tonnen Äpfel in den Lagern der Obsthändler. Das trieb die Preise. Entspannt hat sich die Versorgungslücke mit Erntebeginn auf der Südhalbkugel, als Äpfel aus Neuseeland, Argentinien und Südafrika in den Supermarktregalen landeten. Dieses Jahr dagegen hängen die Bäume voll.

Marmelade +3,6 Prozent

Ob Erdbeeren, Kirschen oder Pflaumen – der Preis der Marmelade richtet sich nach den Preisen der Früchte. Teure Früchte treiben den Preis. Viele Obstsorten haben jetzt Saison und sind daher günstiger.

Butter +26,1 Prozent

Butter hat sich binnen Jahresfrist kräftig verteuert. Experten zufolge hängt das mit der hohen Nachfrage nach Fett zusammen. Der Fettgehalt in der Rohmilch sei zu Jahresbeginn niedriger gewesen, gleichzeitig sei viel davon für die Produktion von fetthaltigem Käse benötigt worden, heißt es beim Milchindustrieverband. Ende 2017 waren die Butterpreise zeitweise auf dem höchsten Stand seit Jahrzehnten, das hat sich wieder etwas relativiert.

Eier +8,2 Prozent

In der Preiserhöhung spiegele sich immer noch der Fipronil-Skandal vom Sommer 2017, sagt Margit Beck von der Bonner Marktinfo Eier & Geflügel (MEG). In den Niederlanden – für Deutschland der wichtigste Eierimporteur – mussten 2017 mehrere Hühnerfarmen wegen insektizidbelasteter Eier schließen, was zu einer Verknappung am Eiermarkt führte. Just in der Zeit wurden die neuen Jahresverträge zwischen Eiererzeugern mit den großen Handelsketten verhandelt. Durch die relative Knappheit konnten die Erzeuger höhere Preise durchsetzen, die der Verbraucher beim Einkauf spürt. Im Herbst werden die nächsten Jahresverträge verhandelt. Wie sich die Preise entwickeln, ist derzeit noch nicht absehbar.

Milch +4,5 Prozent

Milch ist im Jahresvergleich etwas teurer geworden. Von einer zu geringen Milchmenge kann aber nicht die Rede sein. Es hängt vor allem mit den Vertragslaufzeiten des Handels mit den Molkereien zusammen. Der Milchpreis wird für sechs Monate festgeschrieben, der für Butter fast monatlich. Experten gehen davon aus, dass zum Herbst hin die Milchpreise wieder steigen werden. Wegen der Hitze befürchten Landwirte Ernteausfälle. Wenn viele Milchbauern Futter zukaufen oder ihre Wintervorräte anbrechen müssen, treibt das die Kosten. Das dürfte in den nächsten Verhandlungen der Molkereien eine Rolle spielen.

Höherer Kostendruck

Mittelfristig gehen die Lebensmittelproduzenten von weiteren Preissteigerungen aus. Sie dürften aber eher moderat ausfallen, wie eine Sprecherin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) in Berlin gegenüber unserer Zeitung sagte. „Steigende Ansprüche an die Produkte führen zu einem höheren Kostendruck“, sagt sie. Die Verbraucher erwarteten von Lebensmitteln mehr Qualität und mehr Nachhaltigkeit, aber zum gleichen Preis. Trotz steigender Kosten für die Lebensmittelhersteller – etwa durch höhere Rohstoff-, Personal- und Energiekosten, aber auch aufgrund der Digitalisierung – könnten Produzenten nur bedingt höhere Preise beim Handel durchsetzen. Der Wettbewerb bleibe hart.

Das deutsche Preisniveau für Lebensmittel liegt laut BVE etwa sechs Prozent über dem Durchschnitt der EU. Bedingt durch die hohe Kaufkraft der deutschen Konsumenten geben diese aber im EU-Vergleich einen relativ geringen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus.