Theater in Sillenbuch War Luther eher ein Künstler?

Von  

Das musikalische Theaterstück „Play Luther“ wirft Fragen auf. Über die Antworten sollen sich die Zuschauer selbst Gedanken machen. Am Wochenende ist das Ensemble, das durch Deutschland tourt, in Sillenbuch zu Gast gewesen.

Lukas Ullrich (l.) und Till Florian Beyerbach weisen bei ihrer Darstellung Martin Luthers auch auf die heutige Zeit hin. Foto: Schwieder
Lukas Ullrich (l.) und Till Florian Beyerbach weisen bei ihrer Darstellung Martin Luthers auch auf die heutige Zeit hin. Foto: Schwieder

Sillenbuch„Play Luther“ - wirft viele Fragen auf. Über die Antworten sollen sich die Zuschauer selbst ihre Gedanken machen. So boten die Schauspieler und Musiker Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach mit ihrem musikalischen Theaterstück, das sie in der Martin-Luther-Kirche präsentierten, viele Anregungen und Diskussionsstoff. Sie beleuchteten Leben und Wirken des Reformators von allen Seiten, vermieden aber eine abschließende Interpretation. Am Ende des unterhaltsamen Abends belohnte das Publikum in der gut besuchten Kirche die Künstler mit großem Applaus.

Mal Kinderstube, mal Beichtstuhl, mal feste Burg

Auf der Bühne steht eine Skulptur aus hölzernen Dreiecken, eingerahmt von einem E-Piano und von einem Schlagzeug. Die Skulptur in Form einer Kuppel wird sich im Laufe der Aufführung mehrfach wandeln. Mal ist sie Kinderstube, mal ist sie Beichtstuhl, mal ist sie eine feste Burg. Einzelne Dreiecke fungieren als allsehendes Auge Gottes, als Sprachrohr, als Sinnbild für Thesen, als Judenstern oder sogar als Toilettensitz, je nach Bedarf.

Uwe Hopf, der Autor und dramaturgische Leiter der Produktion, hat für das Duo namens „Eure Formation“ kurze Szenen und Zwiegespräche geschrieben, die sich chronologisch am Leben Martin Luthers orientieren. Zwischen diesen Streitgesprächen setzen sich die beiden Schauspieler ans Klavier und Schlagzeug. Bekannte Liedtexte des Reformators wie „Ein feste Burg“ oder „Vom Himmel hoch“ werden neu interpretiert.

Teilweise sind nur wenige Töne zu hören

Die Musik von Andrew Zbik ist dabei bewusst schlicht und einprägsam gehalten, die Melodien beschränken sich manchmal auf wenige Töne. Doch an Stilarten wird viel zitiert: Popballade, Rockmusik, drängendes Kampflied und mehr. Ein Musical ist „Play Luther“ aber keinesfalls: Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach überzeugen mehr als gut artikulierende Schauspieler denn als Musiker.

Die Fragen, die in „Play Luther“ gestellt werden, sind immer in Bezug auf die heutige Zeit zu sehen. „Ist der protestantischen Kirche vielleicht der lutherische Geist ausgegangen?“, fragen die Protagonisten, als sie die Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Kirche diskutieren.

Etwas zu dramatisch gerät das Gewitter, das Luther dazu brachte, Mönch zu werden, etwas zu viel Comedy liegt im übermäßigen Fasten und Büßen des jungen Mönches. Und das Turmerlebnis gar (Luther entdeckt beim Bibelstudium, dass Gott kein mitleidloser, sondern ein gnädiger ist) wird zum Oktoberfest-Schunkellied eines Mönches, der zur Belustigung des Publikums unter Verstopfung leidet.

„Play Luther“ bietet Denkanregungen

Martin Luthers Kampf gegen den Ablasshandel dagegen überzeugt, auch in den Hinweisen auf die heutige Zeit, in der Fairtrade-Stempel das eigene Denken ersparen und mit Emissionszertifikaten gehandelt wird. „Ist Edward Snowden nicht ein moderner Luther?“, heißt es weiter. Auf der Wartburg übersetzt der Reformator die Bibel wie Goethes Faust „in mein geliebtes Deutsch“ – und erfindet damit die deutsche Sprache. „Vielleicht war er als Sprachgenie, als Künstler bedeutender denn als Theologe“, lautet eine der Denkanregungen.

Bildersturm und Bauernkrieg, die negativen Folgen der Reformation, sind in einem Disput mit dem revolutionären Thomas Münzer beschrieben, und auch die antisemitischen Texte Luthers werden nicht ausgespart. Die Schrecken des 30-jährigen Krieges werden in Zusammenhang gestellt mit den Unruhen in Nordirland, mit dem Terror des Islamischen Staates. „Hat sich denn gar nichts geändert?“, fragen die Protagonisten und enden den Abend mit einem drängenden „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“.

Sonderthemen