Das denkt sich auch der Chefdramaturg Ivan Eisenstern, der einen Erfolg um jeden Preis verhindern will, damit er sich als Retter in der Not präsentieren und selbst Intendant werden kann. Kurz, diese Bühne ist ein Ort des Wahnsinns, der Eitelkeit und des Machtmissbrauchs.
Regisseur Herbert Fritsch nimmt bei der Uraufführung von „Das Portal“ am Freitag im Stuttgarter Schauspielhaus das von Nis-Momme Stockmann erfundene rabenschwarze Szenario bitterernst. Auch wenn das irre grinsende, fummelnde, streitende, stotternde, schlotternde, spuckende Menschengewimmel auf der Bühne in Quietschgelbgrünlilablassblaurotweißkariert daherkommt. Die Kostüme stammen von Bettina Helmi, die Form ihrer Kleidung, Pullover, Pollunder, Anzugjacken, Zirkusdompteur-Epauletten sind auf den Stoff nur aufgemalt: es ist eigentlich jeder gleich, jeder könnte alles sein, Kleider machen die Leute. Als es aber um die Gleichstellung im Theater geht, ist das Gekicher und Gegacker viel zu gespenstisch, um als olle Problemkamelle abgetan zu werden.
Stets sind die Abende von Herbert Fritsch auch ein Kommentar über das Theater. Und nun, da das Theater im Theater selbst Thema des Stücks ist? Und der ironiebegabte, sprachverliebte Autor mögliche Kritikerkommentare – „tiefer Griff in die Theatermottenkiste“, „Komödiantenstadel trifft auf Kindergeburtstag“ – schon selbst in den Text schreibt? Und den Intendanten sagen lässt: „Die Theaterreferenzen sind raus. Niemand interessiert ein Theaterstück über das Theater! Das könnte in der Summe doch schnell eitel wirken.“
Da stürzt sich Fritsch erst recht mit Wonne darauf. Fritsch, seit Jahren gefeiert für seine überkandidelt schrägen Inszenierungen, hat geliefert: Das Theater leidet unter ADHS, hat ein ausgewachsenes Aufmerksamkeitsdefizit. Fritsch treibt die Neurosen der Figuren auf die Spitze, alle im Ensemble müssen sich verrenken, grimassieren, niemand kann hier einfach nur von links nach rechts gehen. Man latscht, man trödelt und stolpert, viele sind mit Sprachfehler unterwegs.
Gutes Theater verlangt Präzision
Und der Inspizient Burko, der Abend für Abend für die Wiederholbarkeit von Kunst sorgt – herrlich sauertöpfisch von Marietta Meguid interpretiert –, sieht sich komplett unter Wert betrachtet. Er weiß, was gutes Theater ausmacht: „Prä-zi-sion“. Genau da ist Luft nach oben in der Inszenierung. Immer wieder verliert sich die Selbstverständlichkeit des Irrsinnsspiels und mündet in die überdeutliche Demonstration: Schaut, sind wir nicht alle furchtbar ulkig? Wir können es selbst kaum glauben!
Allerdings kommt auch die Komödie ein bisschen langsam in Fahrt, und manche Neurosen- und Streitszenen sind etwas brav geraten. Ein Portier, der beim Telefonieren und Schwatzen über Fußballergebnisse schier vergisst, die eigentliche Frage zu stellen, das ist nun nicht so originell, auch wenn Michael Stiller mit der gebotenen ungeduldigen Fahrigkeit agiert – und die Musikerin Charlie Casanova im Harlekinkostüm die Murmel-Murmel-Geräusche am anderen Ende der Telefonleitung intoniert. Überhaupt sorgt die Künstlerin, die derwischhaft ums Klavier tanzt und von jeder Seite bearbeitet, mit ihrem auch körperlich artistischen Spiel für schönes Irrlichtern.
Die Kunst, ein Sandwich zu essen
Wie mühevoll das mit dem Auf-den-Punkt-Spielen ist, erfährt derweil der arme Autor Ricardo Cornwald (Marco Massafra) am eigenen Leib, wenn der Inspizient ihn auf einem Podest stehen und gefühlt hundertmal das Wort Apfel aussprechen lässt. Oder wenn der geniale Jungregisseur Emre Kuşburnu – Valentin Richter interpretiert ihn prima als übersensibel nölende Diva – seinen Schauspieler Andreas zigmal das Abbeißen von einem „Sannn-wiiitsch“ wiederholen lässt und Christiane Roßbach immer zittriger an der imaginierten Stulle – bitte kein Naturalismus! – nagt.
Marco Massafra ist als schnell gekränkter und verdatterter Schriftsteller auch ein famoser Sparringspartner für den Höhepunkt des Abends, der über eine Stunde auf sich warten lässt: Sein Treffen mit dem Intendanten Geldoff, interpretiert von dem Gast im Ensemble, Sebastian Blomberg. Blomberg hatte als diabolisch raunender Zeremonienmeister-Intendant den Abend eröffnet. Er hatte sich mit Sebastian Röhrle als Chefdramaturg Eisenstern – der für einen erkrankten Kollegen eingesprungen ist und Erstaunliches leistet – eine pantomimische Slow-Motion-Prügelei mit Kopfnüssen geliefert.
Doch fortan schwebte er nur noch gelegentlich wie ein Geist von links nach rechts über die Bühne. Bis zum Showdown zwischen Autor, Dramaturg und Intendant, bei dem Stockmann alles aufbietet, worunter Schreibende womöglich leiden: Dramaturgen, die lieber selbst schreiben, Intendanten, die genau wissen, welche Szenen das Publikum zu kompliziert finden könnte. Erst watscht Geldoff Cornwald ab: „Der Abend fängt dreimal an und hört siebenmal auf. Und das Diskursgedröhn haben wir ein bisschen entkernt, das war ja beinahe wie auf einer Kundgebung.“
Und dann schlägt er ihm einen neuen Namen vor: „,Ritter Kunos Abenteuer‘ – ein griffiger Titel mit Ausstrahlung. Unser Publikum liebt Fechtduelle!“ Bald darauf findet sich Cornwald auf dem Boden liegend wieder, während Geldoff und Eisenstein sich über ihn beugen und über die Herrschaft im Haus streiten.
Klug spielen Stockmann, Fritsch und die Schauspieler Theaterpositionen gegeneinander aus. Hier das belehrende, Lokalpolitikerherzen erfreuende Theater. Da der nur auf „gesunde Zahlen“, volle Kassen und Unterhaltung „bis die Schwarte kracht“ setzende Boulevard. Das widerborstige Weder-noch, das gern noch mehr solch komödiantisch feine Momente haben dürfte, könnte eine gute Kunstidee sein.
Das Portal
Autor
Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, ist ein Roman- und Theaterautor. Sein Debüt „Der Mann der die Welt aß“ wurde 2009 in Heidelberg uraufgeführt und erhielt mehrere Preise ebenso wie spätere Dramen. Sein Romandebüt „Der Fuchs“ wurde 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. In Stuttgart uraufgeführt wurde 2010 „Kein Schiff wird kommen“ ( Regie: Annette Pullen), „Das Imperium des Schönen“ im Jahr 2019 (Regie: Tina Lanik).
Aufführungen
Weitere Termine im Schauspielhaus sind am 23. und 30. Januar, am 9., 18., 26. Februar und am 9. März. Karten 07 11 / 20 20 90.