CDU-Landeschef Thomas Strobl bangt um Posten Offene und verdeckte Machtkämpfe bei Grün-Schwarz

CDU-Landeschef Thomas Strobl führt seit zehn Jahren die Landespartei an. Foto: dpa/Marijan Murat

Die Macht ist ein launisches Wesen: Thomas Strobl muss um seinen Posten als CDU-Landeschef bangen. Doch das Parteiestablishment stützt ihn – vorerst noch. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist durch sich abzeichnende Ampelkoalition in Berlin geschwächt.

Stuttgart - Die Hand umfasst den Griff des Schwertes, doch der Stahl bleibt in der Scheide – und die Waffe unter dem Mantel verborgen. In der CDU sind wieder die Meuchler unterwegs. Aber keiner ziehe blank, sagt ein CDU-Insider, weil jeder von ihnen wisse: „Wer aus der Deckung kommt, über den fallen die anderen her.“

 

Die Sprache bei den Christdemokraten ist so blumig geworden wie die Lage prekär. „Homo homini lupus est“, klagte Seneca, der Philosoph. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. So tief ist die Partei gefallen, dass es erneut eng wird für Thomas Strobl. Seit zehn Jahren führt der 61-Jährige die Landespartei. Keinen Tag blieb er in dieser Zeit unangefochten, sein Cäsaren-Haupt ist darüber weiß geworden, sein Teint aber leuchtet kastanienbraun. Ein Tag Gartenarbeit genüge, sagt Strobl, und schon sehe er aus, als habe er eine Gipfeltour im gleißenden Sonnenlicht hinter sich. Dabei kommt er zumeist von einer Scheckübergabe für Glasfaserkabel an ein Rudel Bürgermeister oder von Kaffee und Kuchen bei der Senioren-Union.

Revolte an der Parteibasis

Der CDU-Landesvorsitzende erlebt in diesen Tagen wieder einmal „Iden des März“-Momente. Seine politische Existenz ist bedroht – zumindest jene als Landesparteichef und als Stellvertreter im Bundesvorsitz. Wenigstens eine Handvoll Granden aus dem CDU-Establishment interessiert sich für sein Erbe. Strobls Glück liegt darin, dass die Machtfrage unter den Zenturionen nicht geklärt ist. Und solange das so bleibt, werden diese die Feuerchen der Revolte austreten, die an der Parteibasis auflodern.

Dort, bei den Ehrenamtlichen, breitet sich die Grundstimmung aus: „So kann das nicht weitergehen.“ Die 17 Prozent, welche die Landes-CDU in der Umfrage von Stuttgarter Zeitung und SWR jüngst einfuhr, haben nicht dazu beigetragen, die Aufregung nach der Pleite bei der Bundestagswahl zu mildern. In Südbaden wurden auf einem Parteitag am Wochenende Rücktrittsforderungen an Strobl adressiert. Doch Lautstärke und Erfolg standen bei badischen Revolutionären immer schon in einem ungünstigen Verhältnis. In Südwürttemberg-Hohenzollern fand sich der Balinger Landrat Günther-Martin Pauli öffentlich ziemlich allein mit seiner Kritik an Strobl, der „außer dem Willen zur Macht nicht mehr viel im Gepäck“ habe. In Nordbaden macht Agrarminister Peter Hauk als Bezirkschef einem Jüngeren Platz, um Druck aus dem Kessel zu nehmen.

Der junge Apollo in der Landtagsfraktion

Und so zucken die möglichen Thronprätendenten zurück – und dementieren mit unschuldigem Lächeln alle böse Absichten. Unter den Bundestagsabgeordneten ragt Andreas Jung (46) heraus – als Politiker, der mit seinem Auftreten und in seiner Grundgestimmtheit liberale bürgerliche Wähler erreichen kann, die sich bisher bei den Grünen wohlfühlen, solange diese ihnen nicht ihren SUV madig machen. Jung könnte Caesar an Stelle Caesars werden. Aber er kommt von der Insel Reichenau, wo die Alpen nah und Gedanken nicht fernliegen, dass es im Leben noch was anderes geben könnte als Politik. Er ist nicht der Mann, der den Rubikon überschreitet. Landesvorsitzender? I wo, sagt er. Mit Strobl arbeite er „vertrauensvoll zusammen“.

Über die stärksten Truppen verfügt Steffen Bilger in Nordwürttemberg, doch das ist auch Strobls Heimatverband. Bilger dementiert ebenfalls, mit 42 Jahren hat er noch Zeit. Thorsten Frei (48) fehlt der Rückhalt in der Partei, und Thomas Bareiß (46), Bezirkschef in Südwürttemberg-Hohenzollern, laboriert an allzu innigen Aserbaidschan-Kontakten. Der Europaabgeordnete Daniel Caspary (45) gilt eher als Leichtgewicht. Anders dagegen Manuel Hagel, der junge Apollo im Kosmos der CDU-Landtagsfraktion. Der 33-Jährige arbeitet fleißig an Konzepten und Kontakten, auch seine Zeit kommt noch, bis dahin zeigt er lächelnd seine Zähne, die so weiß sind wie Carrara-Marmor.

Ministerpräsident Kretschmann leckt seine Wunden

„Strobl ist unser Pontifex Maximus in der Koalition“, sagt ein Abgeordneter aus dem Südbadischen. Das ist der zweite Grund, weshalb die Christdemokraten zögern, ihren Landeschef beim Parteitag Mitte November abzuschütteln: Sie brauchen ihn nicht in der Partei, aber in der Koalition mit den Grünen, von denen sie fürchten, sie könnten stiften gehen. Strobl lässt gern durchblicken, dass er es gewesen sei, der den Ministerpräsidenten bei der Stange hielt. Tatsächlich verbindet Winfried Kretschmann ein Vertrauensverhältnis zu seinem Vize.

Für Strobl gestaltete sich der Ausgang der Bundestagswahl fatal, weil damit verblühte Karrierehoffnungen seiner Parteifreunde im Bundestag verstärkt nach Stuttgart gelenkt wurden. Aber auch für Kretschmann endete die Wahl enttäuschend, hatte er doch auf Schwarz-Grün oder wenigstens auf eine Jamaikakoalition gehofft. Aber egal, die Wahl ist gelaufen. Kretschmann sagt in solchen Fällen: „Der Zug isch naus.“ Ein CDU-Politiker analysiert: „Verlierer der Ampel ist Baden-Württemberg.“ Strobl und Kretschmann hätten sich in einer Schwarz-Grün-Kombination die Bälle zuspielen können. So aber sei Kretschmann zwar bei den Verhandlungen in Berlin mit von der Partie, aber die Politik der Grünen bestimmten andere. In Jugendsprache übersetzt: Im ampelblinkenden Berlin ist der Ministerpräsident aktuell ziemlich „lost“. Das Schicksalsrad dreht sich. „Fortuna plango vulnera, stillantibus ocellis“, heißt es in den Handschriften von Benediktbeuern. „Die Wunden, die Fortuna schlug, beklage ich mit nassen Augen . . .“

Strobls Lebensversicherung

So bietet sich in Stuttgart machtpolitisch ein Panorama, das nicht frei von ironischen Spiegelungen ist. Die CDU setzt auf Kretschmann und zeigt – jetzt, da sie weiß, dass der im Südwesten Unbezwingbare bei der nächsten Landtagswahl nicht mehr antritt – keinerlei Interesse, den Ministerpräsidenten loszuwerden. Das gilt nicht nur für Strobl, dessen Lebensversicherung Kretschmann darstellt. Auch die CDU will den Regierungschef im Amt halten, wo sie doch in Person von Angela Merkel gerade erfahren musste, wie leicht die Stabübergabe misslingen kann. Bei Kretschmann und den Grünen, so spekulieren die Christdemokraten, wird der Übergang ebenfalls schiefgehen.

Tatsächlich steigert das Merkel-Trauma der CDU in Berlin die Nervosität bei den Grünen in Stuttgart. Dazu kommt Kretschmanns Fremdeln mit der Ampel und insbesondere mit dem Kanzler in spe Olaf Scholz, den er für arrogant hält. Auf Kretschmanns Statthalter in Berlin, Rudolf Hoogvliet, wartet viel Arbeit, um das Land im Spiel zu halten.

Rangeleien bei den Grünen

Potenzielle Kretschmann-Nachfolger wie Fraktionschef Andreas Schwarz und Finanzminister Danyal Bayaz beäugen sich misstrauisch, dementieren aber verzweifelt aktuelle Ambitionen. Die Konkurrenz wird spürbar, wenn sie sich in den Haushaltsberatungen gegenseitig belehren. Beide müssen noch ihre Mitte finden. Schwarz’ Auftritt ist brav, Bayaz wirkt wild. Als der Finanzminister bei den Etatberatungen seinen Parteifreund Winfried Hermann abtropfen lassen wollte, kam das bei dem alten Fuchs schlecht an. Er ließ Bayaz wissen, wenn dieser nicht mehr Geld herausrücke, stelle er, Hermann, an jeder Brücke, die mangels Sanierung gesperrt werden müsse, ein Schild auf: „Danyal Bayaz ist schuld.“ Dann werde Bayaz schon sehen, wohin das führe. Mitgedacht werden durfte: nicht in die Villa Reitzenstein.

Kretschmann muss darauf hoffen, dass Strobl Caesar in der CDU bleibt. Strobls Bühne ist Stuttgart, hier liegt sein Erfolg. Strobl braucht Stabilität in der Koalition. Das nutzt Kretschmann. Ein Bundestagsabgeordneter als CDU-Landeschef hingegen würde immer versucht sein, den Landesverband gegen eine Bundesregierung in Stellung zu bringen, in der die Grünen prominent vertreten sind. Das schafft Instabilität und schadet Kretschmann. So sind die beiden aufeinander angewiesen, Strobl und Kretschmann – auch wenn der Regierungschef so tut, als sei ihm gleichgültig, was in der CDU passiert. „Zwei Jahre noch“, sagt ein CDU-Zenturio mit Blick auf Strobl. Aleae iactae non sunt. Noch sind die Würfel nicht gefallen.

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