InterviewTiernotdienste in Baden-Württemberg „Besitzer bringen Tiere immer öfter wegen Lappalien“

Von Sebastian Xanke 

Weniger Personal, strikte Arbeitszeiten und immer mehr vermeintliche Notfälle: Die Tiernotdienste in Baden-Württemberg sind unter Druck. Das hat auch mit dem Egoismus der Tierbesitzer zu tun – und der Angst, an den digitalen Pranger gestellt zu werden.

Thomas Steidl ist Präsident der baden-württembergischen Landestierärztekammer und praktiziert als Facharzt für Kleintiere. Foto: privat
Thomas Steidl ist Präsident der baden-württembergischen Landestierärztekammer und praktiziert als Facharzt für Kleintiere. Foto: privat

Stuttgart - Tiernotdienste stehen vor ähnlichen Problemen wie die Notdienste der Humanmedizin, sagt Thomas Steidl, Präsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg in Stuttgart. Der 65-Jährige ist seit 37 Jahren praktizierender Facharzt für Kleintiere und leitet eine eigene Praxis in Tübingen. Steidl arbeitet regelmäßig im Tiernotdienst. Dort gebe es „alarmierende Zeichen“ zu beobachten.

Herr Steidl, wie ist die Lage in Baden-Württembergs Tiernotdiensten?

Wir haben ein Riesenproblem. Auf der einen Seite stehen wir vor den gleichen Problemen wie die Humanmedizin. Dort sind weniger als 20 Prozent der Menschen, die in die Notaufnahmen kommen, wirkliche Notfälle. Das trifft auch auf den Tiernotdienst zu. Besitzer bringen ihre Tiere immer häufiger wegen Lappalien zu uns. Das kostet Zeit. Die Besitzer wollen häufig noch in derselben Nacht eine Diagnose. Dabei sind die Notdienste nicht für Spezialistendiagnosen zuständig. Auf der anderen Seite gibt es ein sehr strenges Arbeitszeitschutzgesetz und eine junge Generation von Tierärzten, die nicht mehr ohne Weiteres Nachtdienste schieben will.

Sehen Sie diese Entwicklungen auch in Stuttgart?

In Stuttgart ist die Lage eher weniger problematisch. Hier gibt es noch sehr gut aufgestellte Kliniken und einen optimal funktionierenden Praxisnotdienst. Das Problem betrifft eher die ländlichen Regionen.

Sie haben von „Lappalien“ gesprochen, wie sehen die für gewöhnlich aus?

Das ist tatsächlich so etwas wie Schnupfen, Husten und Heiserkeit. In der Humanmedizin nennt man das Tee- und Zwieback-Fälle. Dem einzelnen Haustierbesitzer will ich da aber auch gar keinen Vorwurf machen. Die sind meistens besorgt und nicht richtig ausgebildet. Unser Vorwurf geht eher in Richtung der Erwartungshaltungen vieler Besitzer, die noch in derselben Nacht eine vollumfängliche Diagnose verlangen. Da ist zum Beispiel die Zecke im Fell des Hundes. Das ist kein Fall für den Notdienst, der sich dem mitten in der Nacht annehmen müsste.

Viele Haustierbesitzer sind noch unerfahren, was Krankheiten bei ihren Tieren angeht und kommen aus Sorge zu den Tiernotdiensten, sagen Sie. Was raten Sie diesen Menschen?

Die können sich in einer Zeit, in der ihr Haustier nicht akut krank ist, mit ihrem Haustierarzt unterhalten und Tipps für Notfälle abholen. Die zehn wichtigsten Notfallsymptome haben wir sogar auf unseren Visitenkarten angebracht. Aber häufig haben Patienten noch nicht einmal einen Haustierarzt, weil sie es scheinbar noch nie für nötig angesehen haben, eine Routineuntersuchung bei ihrem Tier durchführen zu lassen.

Ab wann wird es denn ernst für die Tiere?

Das fängt an bei Bewusstseinsverlust, Zusammenbruch, Atemnot und Krampfanfällen, aber auch bei Problemen beim Harnlassen, dem Verschlucken von Fremdkörpern oder Giften und so weiter.

Gibt es wie bei den Notaufnahmen der Humanmedizin auch bei den Tiernotdiensten Menschen, die nur zu Ihnen kommen, weil es schneller geht als mit einem regulären Termin?

Ja, das haben wir auch. Da gibt es dann Begründungen wie: „Ich muss morgen arbeiten und dachte, ich komme jetzt eben vorbei.“ Das ärgert einen dann natürlich sehr. So etwas kommt zwar immer wieder vor, die Regel ist das jedoch nicht. Es blockiert aber bei der Arbeit für die wirklichen Notfälle.

Behandeln Sie diese Tiere dann trotzdem?

Natürlich. Ich werde mit Sicherheit nicht sagen: „Das ist kein Notfall, gehen Sie wieder.“ Da müsste man immer damit rechnen, an den digitalen Pranger gestellt zu werden.

Sie sagen, es dass immer weniger Tierärzte gibt, die bereit sind, Notdienste zu übernehmen. In meiner Grundschulzeit war einer der am meisten genannten Berufswünsche die Arbeit als Tierarzt, wie kann das sein?

(Lacht) Stimmt, das ist eine ganz schöne Diskrepanz. Die Einzige in der Klasse meiner Tochter, die nicht Tierärztin werden wollte, war sie selbst. Aber tatsächlich ist es so, dass Tierärzte grundsätzlich zwar eine hohe Reputation und ein hohes Vertrauen genießen. Wenn sich der Haustierbesitzer allerdings schlecht behandelt fühlt oder denkt, er müsse zu viel zahlen, wird auf den Tierarzt verbal eingeschlagen.

Was müsste sich denn aus Ihrer Sicht verändern?

Ein Ansatz wäre, dass Notdienste mehr Geld verdienen dürfen. Wir haben eine Gebührenordnung für Tierärzte, die seit 20 Jahren nicht mehr dem Reallohn angepasst wurde. Das wäre dann zumindest ein finanzieller Ausgleich – den aber auch die Tierbesitzer tragen müssten. Auf der anderen Seite sollte klarer vermittelt werden, was Notfälle sind und was nicht. Und dass der Haustierbesitzer durchaus einmal 50 bis 60 Kilometer bis zum nächsten Notdienst fahren muss. Ein Beispiel: Vor eine Weile hat mich eine Vogelbesitzerin wegen ihres wohl kranken Wellensittichs angerufen. Ich hatte zu der Zeit keinen Notdienst und habe ihr den zuständigen Kollegen empfohlen.

Und wie war ihre Antwort?

Sie sagte, das sei ja zehn Kilometer weit weg, und außerdem wäre das an diesem Wochenende eine Praxis, die nicht auf Vögel spezialisiert sei. Diese Erwartungshaltungen, diese Forderungen sind es, denen wir nicht beikommen können. Die Tierkliniken können das Ganze mit zu wenig Personal, gesetzlich streng vorgeschriebenen Arbeitszeiten und steigenden Fallzahlen nicht mehr stemmen. Seit 2015 haben uns in Baden-Württemberg 15 Kliniken ihre Klinikzulassungen zurückgegeben. Und da muss sich auch der Staat fragen lassen, ob er nicht mehr Unterstützung leisten sollte. Der Tierschutz ist immerhin als Staatsziel im Grundgesetz verankert.

Was heißt das konkret?

Wir sollten zum Beispiel höhere Gebühren verlangen und flexibler mit unseren Arbeitszeiten umgehen dürfen. Momentan werden wir Tierärzte mit Schornsteinfegern, Bäckern und anderen Dienstleistern zusammengeworfen und profitieren nicht von den flexibleren Arbeitszeitgesetzen, die für die Humanmedizin gelten. Wir hatten sogar schon Fälle, in denen Kliniken sehr hohe Strafen zahlen mussten, weil die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten nicht eingehalten haben, um den Notdienst leisten zu können. Es geht nicht um die Abschaffung dieser Regelungen, sondern darum, dass sie flexibler werden müssen. In Baden-Württemberg gibt es jetzt noch 13 Tierkliniken – das sind alarmierende Zeichen. In Sachsen-Anhalt gibt es zum Beispiel gar keine Tierkliniken mehr.

Unsere Empfehlung für Sie