Tierwohl und Fleischproduktion „Billigfleisch ist das Gegenteil von Mercedes“
Im Interview erklärt Volker Stefanski von der Uni Hohenheim, warum Fleisch in Deutschland bislang so günstig zu kaufen ist.
Im Interview erklärt Volker Stefanski von der Uni Hohenheim, warum Fleisch in Deutschland bislang so günstig zu kaufen ist.
Professor Stefanski, warum ist Fleisch so billig in Deutschland?
Weil wir ein sehr effizientes Produktionssystem haben. Das Ziel ist nicht Qualität, auch das Tierwohl steht nicht im Fokus. Das Ziel ist einfach nur, billig zu produzieren. Das bedeutet bei der Schweinemast: Haltung in Innenställen auf Betonspaltenboden, durch den die Exkremente fallen. Stroh und Heu würden diese Spalten nur verstopfen. Effizient heißt, eine große Anzahl von Tieren gleichzeitig zu mästen, dann kann man das Futter günstiger einkaufen und die Kosten senken. Wir geben den Tieren dabei nur so viel Platz wie nötig, um dem gesetzlichen Auftrag zu entsprechen. Das ist gerade mal ein Dreiviertelquadratmeter, das ist sehr eng. Das System ist so perfektioniert worden, dass bei den Schlachthöfen ein normierter Schlachtkörper ankommt. Wenn ein Landwirt Qualitätsfleisch produzieren wollte, würde er in dem System weniger Geld erhalten, weil sein Schwein zu viel wiegt.
Welche Auswirkungen hat diese Art von Fleischproduktion?
Bei einer großen Anzahl von Tieren kommen große Mengen von Exkrementen zusammen. Das führt zu starken Umweltbelastungen. Unter beengten Haltungsbedingungen besteht häufiger das Risiko, dass Antibiotika eingesetzt werden müssen. Außerdem werden die Schweine zum Großteil mit importiertem Futter auf Sojagrundlage gemästet. Der Flächenraub für den Anbau etwa im brasilianischen Amazonasgebiet ist sehr problematisch. Wir wären gar nicht in der Lage, die vielen Tiere allein mit in Deutschland produziertem Futter zu ernähren. Es gibt viele Probleme. Seit Beginn des Jahres müssen die männlichen Ferkel für die Kastration betäubt werden. Das ist einerseits gut. Dass die Narkose bei der Masse sicher appliziert wird, ist andererseits schon kritisch zu sehen. Dass es sich bei dem dabei verwendeten Gas um eines der klimaschädlichsten handelt, ist in der Humanmedizin ein zu vernachlässigendes Problem, bei zehn Millionen Narkosen jährlich aber eine andere Hausnummer.
Was muss das Ziel sein?
Bisher muss nur dem Tierschutz entsprochen werden: Schaden, Leiden, Schmerzen dürfen nicht auftreten. Aber das bedeutet nicht, dass es dem Tier gut geht. Wir sollten den Schweinen ein gutes Leben ermöglichen. Es braucht noch Forschung, was genau das ist. Schweine benötigen aber auf jeden Fall eine Anreicherung der Umwelt. Sie wollen Beschäftigung. Es gibt bereits Forschungsergebnisse, die zeigen, dass sie dann ein besseres Immunsystem haben und gesünder sind. Ein Beispiel wäre, dass Schweine das Futter nicht umsonst bekommen. Wildschweine sind acht bis neun Stunden am Tag damit beschäftigt, Futter zu suchen. Das ist in ihnen verankert, das würde sich sehr positiv auswirken. Es geht nicht unbedingt darum, ihnen Auslauf im Freiland zu ermöglichen. Die Tiere brauchen mehr Platz.
„Effizientes System“ klingt typisch deutsch – in diesem Fall jedoch nicht positiv.
Made in Germany steht in vielen Segmenten für höhere Qualität. Bei der Fleischproduktion konkurrieren wir dagegen in einem Massenmarkt mit geringen Standards, niedrigen Löhnen und einer Produktqualität, die den Mindestkriterien entspricht. Das ist das Gegenteil von Mercedes. Ein Wandel zu einer nachhaltigen Tierproduktion passt besser zum Markenimage von Deutschland. Der Verbraucher hat mehr davon, einen fairen Deal mit dem Schwein abzuschließen: Es hatte ein gutes Leben, dafür schmeckt es besser.