Tim Kneule von Frisch Auf Göppingen Warum der Frisch-Auf-Kapitän im Alter immer besser wird

Die Melsunger Kai Häfner und Tobias Reichmann (re.) versuchen, den durchsetzungsstarken Frisch-Auf-Spielmacher Tim Kneule (li.) zu stoppen. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Es ist seine 16. Bundesligasaison mit Frisch Auf Göppingen. Und noch nie war der Kapitän Tim Kneule wertvoller für den Handball-Bundesligisten, als heute. Woran liegt diese Topform mit 35 Jahren?

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Göppingen - Tim Kneule sagt im Laufe des Gesprächs einen Satz, den im Zusammenhang mit ihrer körperlichen Befindlichkeit die wenigsten Menschen auf diesem Planeten genauso formulieren können: „Ich habe das Gefühl, dass im Alter alles besser wird.“ Der Spielmacher von Frisch Auf Göppingen bezieht dies auf seinen Fitnesszustand. Und der ist bei ihm mit 35 Jahren tatsächlich nur schwer zu toppen. Der Rückraum-Allrounder befindet sich in der Form seines Lebens und ist für den Handball-Bundesligisten so wertvoll wie noch nie in den 15 Jahren, in denen er nun schon das Trikot des Traditionsclubs trägt. „Tim ist ein Phänomen, auf ihn ist immer Verlass, ihn kannst du um 3 Uhr nachts wecken, und er ist voll da. So einen Spieler will jeder in seiner Mannschaft haben“, schwärmt Trainer Hartmut Mayerhoffer von seinem Kapitän. Kneule ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass Frisch Auf vor dem Auswärtsspiel an diesem Donnerstag (19.05 Uhr) beim SC DHfK Leipzig mit 10:4 Punkten einen richtig guten Saisonstart hingelegt hat.

 

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Denn aufgrund der Personalnot lastet enorm viel Verantwortung auf seinen Schultern, der Rechtshänder bekommt sowohl im Angriff als auch in der Abwehr nur ganz wenige Verschnaufpausen. Seine Spezialität sind die kraftvollen Durchbrüche, bei denen er sich mit unglaublicher Dynamik in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzt und zum Torabschluss kommt. Für die dafür erforderliche Robustheit schiebt er zusätzliche Einheiten im Kraftraum, doch auch die Pflegetermine beim Physiotherapeuten haben zugenommen. „Man entwickelt im Laufe der Karriere eine bessere Sensibilität für regenerative Maßnahmen“, sagt Kneule. Zumal bei dem Mann mit den 418 Handball-Bundesligaspielen auch der theoretische Hintergrund gegeben ist.

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Sein Sportwissenschaftsstudium hat er 2015 abgeschlossen, aktuell befasst er sich via Fernuniversität mit dem Thema Gesundheitsmanagement. Kein Wunder, dass der gebürtige Reutlinger auf gesunde Ernährung achtet, zeitweise stellt er diese auch auf low carb (Kohlenhydratreduzierung) um. Aber, damit kein falscher Verdacht aufkommt: Der Familienvater lässt auch mal fünfe gerade sein. „Mit den Kindern geht’s gemeinsam schon einmal in einen Fast-Food-Laden zum Eis oder Pommes essen“, sagt er. Seine Frau Julia, die Kinder Ida (8), Emil (6) und Lotta (1) sind auch der Grund, dass es den gebürtigen Reutlinger, der in Dettingen/Erms wohnt, nach menschlichem Ermessen nicht mehr aus der Region wegzieht. Sein Vertrag bei Frisch Auf läuft am Saisonende aus. Die Gespräche über eine Verlängerung laufen auf Hochtouren. „Ein oder zwei Jahre kann ich mir schon noch vorstellen, zu spielen. Wenn die Zahlen und Fakten stimmen, spricht einiges für eine weitere Zusammenarbeit“, sagt Kneule. Die Einigung scheint nur Formsache: „Gespräche mit Tim sind wenig kompliziert. Da gibt es keine große Feilscherei“, betont der Sportliche Leiter Christian Schöne.

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Ein anderes Thema hat Kneule dagegen ad acta gelegt: die Nationalmannschaft. Als er für den 50-Mann-Kader für die Olympischen Spiele in Tokio berufen werden sollte, griff er zum Telefon und rief Bundestrainer Alfred Gislason an: Er stehe nicht mehr zur Verfügung, da er sich auf den Verein konzentrieren wolle. Nicht nur einmal stand der 25-malige A-Nationalspieler kurz vor der Teilnahme an einem großen Turnier. Nie hat es geklappt, immer kam irgendetwas dazwischen. Als der Unvollendete sieht er sich deshalb nicht. „Ich habe viermal mit Frisch Auf den EHF-Pokal gewonnen, das ist auch nicht so schlecht“, sagt der Modellathlet, der zwei größere Verletzungen in seiner Karriere zu beklagen hatte: einen Kreuzbandriss 2011 und einen Riss des Syndesmosebandes 2016.

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Seitdem ist er verletzungsfrei, denkt nicht ans Aufhören – und dennoch hat er sich auch schon Gedanken über die Zeit nach der Karriere gemacht. Was ihm vorschwebt? Dem Sport will er verbunden bleiben, aber nicht im Trainerbereich. „Ich werde mich nach freien Wochenenden sehnen, an denen ich zum Beispiel auch meine Kinder auf Wettkämpfe begleiten kann“, sagt Kneule. Schließlich will er nicht nur in Bezug auf seinen Fitnesszustand sagen können: Im Alter wird alles besser.

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