Elke B. hat ein zweigeteiltes Leben: Da ist zum einen diese lebenshungrige 65-Jährige, die Reisen unternimmt – meist in den Süden, wo es warm ist und sie im Meer schwimmen kann. „Ich brauche meine Freiheit“, sagt die Stuttgarterin. Gerade weil sie diese stets aufs Neue erkämpfen muss: Elke B.s Leben wird seit mehr als 40 Jahren von einer Krankheit mitbestimmt, die ihrem Körper immer engere Grenzen setzt: Im Alter von 20 Jahren erhielt sie die Diagnose rheumatoide Arthritis.
Derzeit liegt Elke B. im Katharinenhospital des Klinikums Stuttgart auf der Orthopädie. Ihr Kniegelenk musste ersetzt werden. „Ich muss zum elften Mal in meinem Leben das Laufen neu erlernen“, sagt sie. Und es fällt ihr zunehmend schwerer. Zu oft wurde sie an Sprunggelenk, Hüfte und Knie operiert. Die rheumatischen Entzündungen sind überall: Rückenschmerzen gehören zu Elke B.s Alltag dazu, ebenso wie die verformten Hände mit Fingern, ebenfalls mehrfach operiert, aus denen jegliche Kraft gesogen zu sein scheint. „Ich fühle mich oft sehr erschöpft.“
Lange stand die Medizin der Erkrankung hilflos gegenüber
Elke B. gehört zu den Patientinnen, die Ärzte als Beispiel dafür nehmen, wie noch vor wenigen Jahrzehnten das typische Schicksal eines Rheumapatienten ausgesehen hat: lebenslang Schmerzmittel, Gelenkimplantate, Rollstuhl. So hilflos stand die Medizin der chronischen Erkrankung gegenüber – von der es mehr als 100 Erscheinungsformen gibt. Bei den meisten attackiert das Immunsystem fälschlicherweise körpereigenes Gewebe. Dies ruft chronische Entzündungen hervor, deren Symptome sich vor allem im Bewegungsapparat zeigen. Aber auch Blutgefäße, Bindegewebe sowie Organe wie Herz, Lunge oder Nieren können betroffen sein.
Doch heute sind Patienten der Krankheit nicht mehr ausgeliefert: „Die vergangenen zwei Jahrzehnte waren für die Rheumatologie eine Revolution“, sagt Anton Hospach von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie. „Wir haben mittlerweile hochwirksame Medikamente, mit denen wir Rheumaerkrankung in unterschiedlichsten Erscheinungsformen fast zum Stillstand bringen können.“
Nur 100 Meter Luftlinie von Elke B.s Patientenzimmer entfernt leitet Hospach das Kinderrheumazentrum des Klinikums Stuttgart, eines der vier größten Zentren bundesweit. Dort werden jährlich mehr als 1000 Patienten bis zum 18. Lebensjahr betreut. Die Devise: früh und entschlossen handeln. Studien haben gezeigt, dass ein früher Therapiestart bei Kindern, aber auch bei Patienten, die erst als Erwachsene erkranken, die Chance auf ein uneingeschränktes Leben erhöht. Therapiert wird oft mit Methotrexat, kurz MTX, einem Immunsuppressivum. Es bändigt das überaktive Immunsystem so effizient, dass die Entzündungen im Körper gestoppt werden können. Für ein schnelleres Ansprechen wird das Medikament anfangs mit niedrig dosiertem Cortison kombiniert.
Es gibt gentechnisch hergestellte Eiweißstoffe, die helfen
Schlägt dies nicht an, raten die ärztlichen Leitlinien, nach drei bis sechs Monaten auf Biologika umzustellen. Das sind gentechnisch hergestellte Eiweißstoffe, die in das Immunsystem des Patienten eingreifen und gezielt bestimmte entzündungsfördernde Substanzen im Körper abfangen oder blockieren.
Zudem gibt es eine weitere Medikamentengruppe in Tablettenform: die Januskinase-Inhibitoren. Sie haben eine breite antientzündliche Wirkung, weil sie Botenstoffe in ihrer Funktion hemmen. Bislang werden sie bei Schuppenflechtenrheuma, rheumatoider Arthritis und für entzündliche Wirbelsäulenerkrankungen wie Morbus Bechterew eingesetzt. Ganz frei von Nebenwirkungen sind sie nicht. Sie bergen, auf niedrigem Niveau, ein höheres Infektrisiko. Doch der Benefit überwiege, so Hospach: „Es hat sich gezeigt, dass durch diese neuen Therapeutika das Rheuma häufig in eine inaktive Form gebracht werden kann und das Risiko für Begleiterkrankungen zurückgegangen ist.“
Viele Patienten werden schon in einem frühen Stadium operiert
Von diesen Errungenschaften kann Elke B. nicht mehr profitieren. Ihre Gelenkentzündungen sind weit fortgeschritten, die Knorpel zerstört. Knochen reibt auf Knochen. Das schmerzt. Hinzu kommen die Krankheitsschübe, die Tage andauern können. „Dann bin ich nur im Bett.“ An guten Tagen zieht es sie hinaus. „Mir ist es wichtig, unter Menschen zu kommen.“ Allein mit ihrer Krankheit zu sein, ist für sie ein Graus.
Viele Rheumapatienten können in einem frühen Stadium operiert werden
Sie weiß, dass sie mit der Schwere ihrer Erkrankung ein gewisses Alleinstellungsmerkmal hat. Aufgrund der zielgerichteten Rheumamedikamente hat sich die operative Versorgung geändert: „Wir ersetzen kaum noch Gelenke, sondern machen größtenteils Eingriffe, die die Gelenkfunktion erhalten“, sagt Patrik Reize, einer der beiden Ärztlichen Direktoren der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädie am Klinikum Stuttgart.
Viele Rheumapatienten können schon in einem frühen Stadium operiert werden – etwa um krankheitsbedingte Fehlstellungen zu korrigieren oder um entzündete Gelenkinnenhaut entfernen zu lassen. „So kann sie als gesundes Gewebe nachwachsen, und das Gelenk findet zur normalen Funktion zurück“, so Reize. Gleichzeitig könne eine Gelenkinnenhautentfernung dem Körper dabei helfen, die rheumatischen Entzündungen in den Griff zu bekommen. Nachuntersuchungen haben gezeigt, dass Operierte auch nach Jahren keine wesentlichen Beschwerden hätten.
Vor Elke B. liegen weitere Wochen in der Klinik und ein Reha-Aufenthalt. Wie gut sie dann ihre Glieder bewegen kann, ist unklar. „Hauptsache, ich komme zu Hause zurecht und kann verreisen.“