Tod einer Oberärztin des Klinikums Friedrichshafen Der letzte Notruf

Stilles Gedenken an Elke K. vor dem Klinik-Haupteingang Foto:  

Eine Oberärztin am Klinikum Friedrichshafen prangert intern über Monate den angeblich fahrlässigen Umgang mit Patienten an. Als sie daraufhin fristlos gekündigt wird, schluckt sie eine tödliche Dosis Tabletten. Kriminalbeamte ermitteln, die Bodenseestadt ist in Aufruhr.

Politik/Baden-Württemberg: Rüdiger Bäßler (rub)

In die bedrückte Stille der Friedrichshafener Friedhofskapelle hinein spielt noch einmal der Song, den sie so gerne mochte, „Like A Rock“ von Bob Seger. Eine Hymne an die eigene Stärke und ihre Vergänglichkeit. „Stood there boldly, sweatin’ in the sun/ Felt like a million, felt like number one / The height of summer, I’d never felt that strong/ Like a rock . . .“ Bis weit vor der Tür horchen die Leute im Dezemberregen.

 

So ein Fels verformt sich nicht, wenn man auf ihn schlägt, gibt nicht nach, bleibt an seinem Platz. Oder er bricht.

Elf Jahre hat Elke K. am städtischen Krankenhaus Friedrichshafen gearbeitet, ein fröhliches, quicklebendiges Kontinuum der Sicherheit auch im hektischsten Alltag, wie alle Kolleginnen betonen, mit denen man spricht. Am Heiligen Abend übernahm die allein lebende Medizinerin immer den ärztlichen Notdienst, damit die Kollegenschaft mit Kindern feiern konnte.

In der Nacht zum 1. Dezember ist sie an einer Überdosis Tabletten gestorben. Wie danach in Etappen bekannt wurde, hat sie in den letzten Monaten bis zu ihrem Tod einen erbitterten internen Kampf mit der Klinikleitung um eine Verbesserung der Patientensituation geführt. Er ist in vielen internen E-Mails, Tagebuchaufzeichnungen, einer Gefährdungsanzeige und einem Gutachten dokumentiert, mit dem die Geschäftsführung den internen Vorwürfen der 47-jährigen Notärztin K. zunächst begegnete.

Das Krankenhaus Friedrichshafen heißt, nach einer Fusion mit der Klinik Tettnang 2014, „Medizin Campus Bodensee“. Der Stadt Friedrichshafen gehören 95 Prozent der Gesellschaftsanteile. Bald zeigte sich, dass Humpelnde nicht schneller werden, bloß weil sie zusammen gehen. Die Zahlen blieben tiefrot. Bis Ende Dezember dieses Jahres erwartet der Verbund wieder einen Jahresverlust von mehr als 16 Millionen Euro. Die Bodenseestadt, Profiteurin der Zeppelinstiftung, gleicht den Verlust mit den Dividendenmillionen des Autozulieferers ZF aus. Den Vorsitz des Klinik-Aufsichtsrats führt der parteilose Friedrichshafener Oberbürgermeister Andreas Brand.

Zu den Problemen kommen nun die schweren Vorwürfe der Ärztin K. hinzu. Öffentlich bekannt wurden sie zuerst durch den Rechtsanwalt Detlef Kröger; ihn hatte die Medizinerin diesen November nach monatelangen internen Auseinandersetzungen konsultiert, um arbeitsrechtliche Schritte, die von der Klinikleitung gegen sie eingeleitet worden waren, abzuwenden. Kröger spricht von Vorwürfen über „untragbare Zustände“ an der Friedrichshafener Klinik, die gerade wegen der Selbsttötung seiner Mandantin aufgeklärt werden müssten. Elke K. beschreibt er als „glasklar“, als „Perfektionistin“, die erfüllt gewesen sei von Verantwortungsgefühl, zugleich in schwerer Sorge um ihre berufliche Zukunft.

Die Ärztin prangerte die Personalsituation an

Die Vorwürfe umfassen im Wesentlichen drei Komplexe: Einer betrifft die Arbeitspraxis um einen leitenden Herzspezialisten, der 2019 nach Friedrichshafen gekommen war und der neue Operationsmethoden einführte. Es geht dabei um das Einsetzen spezieller Clips ins Herz, um den Blutfluss zu verbessern, sowie von winzig kleinen Pumpen, die demselben Zweck dienen. Beide Hilfsmittel werden von der Oberschenkelarterie aus mit einem Katheter ins Herz vorgeschoben. Doch diese Eingriffe sollen laut Ärztin K. ohne das vorgeschriebene Back-up eines herzchirurgischen Spezialistenteams gemacht worden sein; bei unerwarteten Zwischenfällen wie einer schweren Gefäßverletzung hätten Patienten rasch per Hubschrauber in andere Kliniken geflogen werden müssen.

In ihren Aufzeichnungen, die Anwalt Kröger gegenüber unserer Zeitung offenlegte, beschreibt K., wie im März 2022 ein Mann nach einem Herzkathetereingriff nach einem „Gefäßverschluss mit kardiogenem Schock“ verstarb. Sie sei durch den Fall „nachhaltig traumatisiert“ worden. Der Vorwurf: „In unserem Haus kann eine Komplikation wie obige (. . .) nicht behandelt werden. Wir haben weder Herzchirurgie noch VA-ECMO (Herz-Lungen-Maschine).“

„Sehe mich in der Pflicht, durch die Anzeige Schaden von Patienten abzuwenden“

Die Klinik-Geschäftsführung und Aufsichtsratschef Brand wollten sich auf schriftliche Anfragen unserer Zeitung nicht dazu äußern. – Der zweite Komplex betrifft die Aufnahme von Notfallpatienten. Die Friedrichshafener Kardiologie, so K., habe für die vielen einbestellten Herzpatienten, die mit Clips oder Pumpen versorgt wurden, immer überproportional viele Krankenbetten frei gemacht. In der Folge seien Notfallpatienten oft abgewiesen worden, hätten sich andere Kliniken suchen müssen.

Zu diesem Vorwurf immerhin äußert sich eine Sprecherin des Medizin Campus: „Notfallpatienten werden hierdurch nicht abgelehnt“, so die Auskunft. Unserer Zeitung liegt wiederum die schriftliche Erklärung eines früheren Arztes vor, der im vergangenen Jahr in Friedrichshafen kündigte und Medizinerin K. gut kannte. Dass Notfallpatienten zugunsten der profitablen Kardiologie immer wieder abgewiesen wurden, „kann ich in vollem Maße (und gern vor Gericht) bestätigen“, so die Aussage des Ex-Mitarbeiters.

Schließlich und drittens prangerte Ärztin K. intern wiederholt die schlechte Personalsituation und Ausbildung in der Versorgung von Notfall- und Intensivpatienten an. Dieses Jahr stellte sie deswegen bei der Klinikgeschäftsführung eine Gefährdungsanzeige im Rahmen des Arbeitschutzrechts. Auch deren Wortlaut liegt unserer Zeitung vor. Darin beschreibt sie detailliert „durch fachlich ungeeignete Kollegen verursachte grob fahrlässig herbeigeführte critical incidents“. Aufgearbeitet werde davon meist nichts, denn: „Erschwert wird die Aufarbeitung dieser Ereignisse durch zum Teil existierende sprachliche Barrieren (. . .). Ich sehe mich in der Pflicht, durch diese Anzeige Schaden von meinen Patienten abzuwenden.“

Die Kriminalpolizei Friedrichshafen hat eine Sonderermittlungsgruppe gegründet

Wenn eine Gefährdungsanzeige eingeht, muss der Arbeitgeber handeln. Das geschah im Fall der Anzeige der Oberärztin K., und zwar durch Einholung eines Gutachtens beim Leipziger Universitätsklinikdirektor und Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, Holger Thiele. Am 20. Oktober verschickt Thiele seine neunseitige Stellungnahme. Die Vorwürfe von K. gegen gegen die ärztliche Leitung in Friedrichshafen seien „auf Basis der mir vorliegenden Unterlagen völlig haltlos“. Weiter: „Vielmehr handelt es sich hier um den Versuch einer nicht qualifizierten Oberärztin (. . .), eine üble Nachrede oder Verleumdung in massiver Art und Weise zu übermitteln.“ Thiele empfiehlt „arbeitsrechtliche Konsequenzen“.

Und so kommt es. Der Betriebsrat des Klinikums, von Ärztin K. um Hilfe gebeten, rekapituliert die Geschehnisse im Rückblick schriftlich so: Zunächst sei K. im November die Versetzung in die zentrale Notaufnahme angekündigt worden, verbunden mit einer Beförderung zur Leitenden Oberärztin. Sie habe jedoch abgelehnt, habe weiter mit dem Hubschrauber Christoph 45 Einsätze fliegen wollen. „Der Betriebsrat hat dieser Versetzung nicht zugestimmt. Der Arbeitgeber hat daraufhin ein Zustimmungsersetzungsverfahren beim Arbeitsgericht eingeleitet. Die Verhandlung hätte demnächst stattgefunden. Am 30.11.2023 erhielt der Betriebsrat dann einen Antrag auf fristlose Kündigung.“ Laut Betriebsrat war der Grund der Kündigung zunächst nicht ausformuliert. Er schreibt weiter: „Wir waren fassungslos (. . .). Eine Aufarbeitung der geschilderten Fälle hat nun höchste Priorität.“

Auch Krankenkassen sind nach Information unserer Zeitung hellhörig geworden

Die Staatsanwaltschaft Ravensburg hat bereits reagiert. Sie leitete laut Sprecherin Christine Weiss „Vorermittlungen“ zur Aufklärung der Vorwürfe durch Elke K. ein. Welche Stoßrichtung genau verfolgt wird, sagt sie nicht. Doch sie bestätigt, dass die Kriminalpolizei Friedrichshafen eine Sonderermittlungsgruppe gegründet hat. Auch Krankenkassen sind nach Information unserer Zeitung hellhörig geworden. Am Donnerstag vergangener Woche tritt dann der Klinik-Aufsichtsrat zu einer Sondersitzung zusammen. Im Anschluss wird eine „öffentliche Erklärung“, unterschrieben von OB Brand und Klinik-Geschäftsführer Franz Klöckner, verbreitet: Darin heißt es, man stimme überein, „dass die Aufklärung im Interesse des Vertrauens in ihre Unvoreingenommenheit extern gesteuert werden muss“. Damit sei die Strafrechts- und Compliance-Kanzlei Feigen Graf beauftragt worden. Etwa „Ende März“ sollen Ergebnisse vorliegen. Nachfragen wollen Brand und die Klinik-Geschäftsführung unserer Zeitung auch diesmal nicht beantworten.

Für Elke K. kommt all das zu spät. Am Abend nach Eingang ihrer fristlosen Kündigung ist sie am Telefon nicht mehr erreichbar. Eine beunruhigte Kollegin ruft die Polizei. Die Feuerwehr öffnet die Tür zur hell erleuchteten Wohnung, Rettungssanitäter eilen herbei, reanimieren den leblosen Körper – zu spät. In einem Abschiedsbrief schrieb die Frau von ihrer Hoffnung, „Frieden finden“ zu können.

Die Trauerfeier in Friedrichshafen ist fast zu Ende, Christoph 45 zieht eine Schleife dicht über dem Friedhof. Ein unüberhörbarer letzter Salut für die tote Ärztin, die in diesem Hubschrauber mehr als tausend Mal zu Kranken und Verletzten aufgebrochen war.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 und unter https://ts-im-internet.de/ erreichbar. Eine Liste mit Hilfsangeboten findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention: https://www.suizidprophylaxe.de/

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