Es soll schon Trainer gegeben haben, die über Langeweile klagten, wenn sie keine Mannschaft mehr coachen können. Ramon Gehrmann gehört nicht dazu. Nachdem er auf eigenen Wunsch zum 31. Dezember 2022 beim Regionalligisten SGV Freiberg ausstieg, hatte der 49-Jährige immer noch genug zu tun.
Lehrer mit 25 Wochenstunden
Als Lehrer am Wirtemberg-Gymnasium in Untertürkeim mit 25 Wochenstunden in den Fächern Politik, Sport, Geschichte, Psychologie und Wirtschaft. Als Familienvater von zwei Kindern (11 und 9 Jahre), wobei durch seinen Sohn Tristan auch der Bezug zum Fußball erhalten blieb. Er spielt in der U12 der Stuttgarter Kickers, und Gehrmann begleitet ihn nicht nur zu den Spielen, sondern springt dabei auch immer wieder als Schiedsrichter ein.
„Kinder brauchen eigentlich gar keinen Schiedsrichter, nur die Eltern“, sagt Gehrmann, dem die Leitung dieser sogenannten Leistungsvergleiche Spaß und keinerlei Probleme bereiten: „Mit einem Fußballerauge tut man sich da leicht. Ein Trainingsspiel bei einem Regionalligisten ist schwieriger zu pfeifen“, erklärt der DFB-Fußball-Lehrer mit einem Schmunzeln.
Vorgänger von Ünal
Er kommt nach wie vor gerne zu den Blauen nach Degerloch. Auch wenn er nichts dagegen gehabt hätte, wenn er dort länger als Trainer geblieben wäre. Nachdem er am 1. Juli 2019 als Nachfolger von Tobias Flitsch (jetzt JC Donzdorf) verpflichtet wurde, kam es am 27. September 2021 zur Trennung. Sein damaliger Assistent Mustafa Ünal übernahm – und arbeitet seitdem sehr erfolgreich für den aktuellen Regionalliga-Spitzenreiter als Cheftrainer.
Gehrmann verfolgt das Geschehen weiterhin sehr aufmerksam, ist nah dran am Fußball. Ehrenamtlich führt er immer wieder Analysen durch. Meistens sind es Freundschaftsdienste wie für seinen langjährigen Wegbegleiter Christian Werner. Der frühere Sportdirektor des SGV Freiberg war zuletzt als Chefscout bei Drittligist SV Waldhof Mannheim tätig und gilt als designierter Sport-Geschäftsführer beim Waldhof-Ligarivalen TSV 1860 München. Auch einzelne Spieler, die Gehrmann früher selbst trainierte oder an der Schule unterrichtete, berät und unterstützt er auf ihrem Karriereweg. Der gebürtige Sigmaringer interessierte sich stets für seine Spieler auch als Mensch, oft verknüpft mit einer emotionalen Bindung.
Zurück auf den Platz
Gehrmann muss nicht zwingend zurück ins Trainergeschäft, doch es ist sein Plan: „Mirko Slomka hat mal gesagt, er will nicht mehr als Trainer arbeiten. Ich aber sage, dass ich ich wieder auf den Platz will. Irgendwann.“ Es müsse passen, es müsse kompatibel sein, mit seiner Lehrertätigkeit und mit der Familie.
An Anfragen mangelte es ihm nicht. Aktuell liegt ihm nach Informationen unserer Redaktion ein konkretes Angebot des Regionalligisten TSG Balingen vor. „Das ist ein sehr guter Verein, der in einer sportlich schwierigen Situation steckt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen“, erklärt Gehrmann. Die TSG hat als Tabellen-16. unter Interimscoach Denis Epstein – dem Nachfolger des entlassenen Martin Braun – bereits zwölf Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz.
Auch beim VfR Aalen wird Gehrmann gehandelt. Der Regionalligist liegt auf Platz 15, hat zwölf Punkte mehr als Balingen, kämpft aber auch gegen den Abstieg. Dort wird Interimstrainer Petar Kosturkov, der Nachfolger des entlassenen Tobias Cramer, kaum im Amt bleiben. Gehrmann hat einen guten Draht zu Marco Grüttner, dem Sportlichen Berater des VfR Aalen. Gemeinsam waren die beiden im Juni 2022 mit dem SGV Freiberg in die Regionalliga aufgestiegen – nach dem dramatischen Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Kickers.
Doch unabhängig von dieser persönlichen Bande und losgelöst davon, ob Gehrmann das schwierige Pflaster auf der Ostalb überhaupt reizen würde, kann es auch sein, dass der VfR einen ganz anderen Trainertypen sucht.