Stuttgart - Plötzlich klickt eine Schusswaffe an der Schläfe. Eben noch hat der Polizist auf Französisch nach dem Passport und nach dem Führerschein gefragt. Und jetzt ist der Lauf einer Pistole auf seinen Kopf gerichtet. Das ist kein Halloween-Spaß. Es geht um Leben und Tod.
Eigentlich ist der Polizeibeamte Jens B. mit seiner Streifenkollegin Silvia S. auf der Suche nach Autoknackern. Doch dann geraten sie an Verbrecher von einem ganz anderem Kaliber. Allerheiligen 1994: Tage, an denen sich das tödliche Geiseldrama von Gladbeck in Stuttgart zu wiederholen droht – und die Republik den Atem anhält.
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Mit einem zivilen Dienstfahrzeug, einem VW Passat, sind die Beamten vom Revier Feuerbach am 31. Oktober 1994 morgens um vier zwischen Pragsattel und Killesberg unterwegs, um nach verdächtigen Personen Ausschau zu halten. Am Rande des Höhenparks entdecken sie auf einem Parkplatz einen Campingbus mit französischen Kennzeichen. „Der ist da vorher nicht gestanden“, sagt Jens B., 25 Jahre, Polizeimeister. Grund genug für eine Routinekontrolle. Der Heidelberger ist seit zwei Monaten auf dem Revier, seine Kollegin seit zwei Jahren. Kurz nach vier Uhr geben sie am Funkgerät die Kennung „Eigenauftrag“ ein. Das vorerst letzte Lebenszeichen.
Irgendwann fällt das Schweigen auf
Silvia S., Polizeiobermeisterin, 22 Jahre alt, zückt ihre Waffe, um ihren Streifenpartner zu schützen. Doch als ein zweiter Mann aus dem Gebüsch tritt und ihr eine Waffe ans Genick hält, gibt sie auf. Die Täter entwaffnen die Beamten und fesseln sie mit ihren eigenen Handschellen. Dann fahren der VW Passat und der Campingbus in der Morgendämmerung davon. „Wir haben wohl deren Pläne durchkreuzt“, wird Silvia S. später erkennen.
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Wo stecken sie denn? Irgendwann fällt das Schweigen der Streifenbeamten auf. „Wenn Kollegen plötzlich fehlen, fragt man sich, was da los sein kann“, sagt Michael Kühner. Sind sie irgendwo hilflos in der Nähe? Haben sie technische Probleme? „Der Fantasie sind da ja keine Grenzen gesetzt“, sagt Kühner. An jenem Tag ist der Mann, der 2006 als Polizeivizepräsident in Ruhestand ging, der stellvertretende Kripochef und Einsatzleiter in einem immer rätselhafteren Kriminalfall.
Mützen und Funkgeräte sind da, die Polizisten sind weg
Als Kühner am frühen Morgen des 31. Oktober 1994 das Polizeipräsidium am Pragsattel betritt, nur 700 Meter Luftlinie vom Tatort entfernt, herrscht bereits einige Aufregung. Die Einsatzzentrale hat eine Suchaktion ausgelöst. Um 6 Uhr wird der VW Passat gefunden. Am Bismarckturm, knapp drei Kilometer entfernt. „Eine bizarre Situation“, sagt Kühner, „der Wagen ist da, Mützen und Funkgerät liegen noch drin, aber die Kollegen fehlen.“
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Das Leben ist kein Fernsehkrimi. Denn die Polizei hat auch Stunden nach dem Verschwinden nicht die geringste Ahnung, was vorgefallen sein könnte. Sie gibt auch keine Vermisstenfahndung heraus: „Wo hätten wir da ansetzen sollen?“, fragt Kühner. 500 Beamte durchkämmen den Killesbergpark. Mit der Befürchtung im Hinterkopf, die Kollegen womöglich tot in einem Gebüsch zu finden.
Überfall – und ein Uniformierter als Komplize?
Wie gut funktionieren in so einer Situation die polizeiinternen Informationskanäle über Landesgrenzen hinweg? Denn es gibt erste Spuren – die Ermittler sehen sie nur nicht. Um fünf Uhr spielt sich an der Raststätte Wunnensteinan der A 81 bei Heilbronn ein ungewöhnlicher Überfall ab: Ein BMW-Fahrer wird seines Autos beraubt. Um 7.20 Uhr ereilt einen Mercedes-Fahrer an der Rastanlage Spessart bei Rohrbrunn im Kreis Aschaffenburg das gleiche Schicksal. Die Besonderheit in beiden Fällen: Die Opfer werden von einem uniformierten Polizisten angesprochen, dann zückt sein angeblicher ziviler Kollege eine Schusswaffe. Einer dieser Autofahrer wird die dritte Geisel.
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Der von Zeugen beschriebene 1,90 Meter große uniformierte Polizist passt haargenau auf Jens B. – doch ist das überhaupt möglich? Ein Kollege soll mit Gangstern unter einer Decke stecken? Für Verwirrung sorgen außerdem die bayerischen Kollegen mit der Fehlinformation, dass sie einen gestohlenen BMW aus Böblingen sichergestellt hätten. Dabei ist es der vom Rasthof Wunnenstein. Informationschaos statt Puzzleteile, die sich zusammenfügen.
Erinnerung an den Bierteufel-Mörder
Kurz vor zehn Uhr wird eine Volksbank im hessischen Fulda überfallen. Die Täter, ein uniformierter Polizist und sein „Kollege Schneider von der Kripo“, entkommen mit 286 500 Mark, umgerechnet 147 000 Euro. Jetzt fällt es den Stuttgartern wie Schuppen von den Augen. Die verschwundenen Kollegen müssen in Fulda sein. Von Schwerverbrechern entführt – und als Lockvögel und Schutzschilde eingesetzt. Und die Täter, die kennen sie auch. Vor allem einen. Und das verheißt nichts Gutes. Der Bierteufel-Mörder.
Am 18. März 1991 spielte sich in Stuttgart ein grausames Verbrechen ab. Ein Stuttgarter Gastronom und Betreiber einer Kette von „Bierteufel“-Lokalitäten wurde von vier Männern aus Jena entführt. Bei den Tätern handelte es sich um seinen Jenaer Statthalter, mit dem sich der 40-Jährige überworfen hat, und um einen Mann fürs Grobe: Raymond A., Jahrgang 1962, aus Apolda/Thüringen, in der Volksarmee der DDR ausgebildeter Einzelkämpfer, Fallschirmjäger und Taucher, vorbestraft.
Die Ausbrecher aus Santa Fu
Der entführte Stuttgarter Gastronom hatte keine Chance. An der A 6 im fränkischen Schnelldorf wurde er aus dem Kofferraum gezerrt und hingerichtet. Raymond A. erdrosselte den 40-Jährigen mit einem Geschirrtuch, schnitt ihm mit einem Langmesser den Kopf ab. Die Leichenteile wurden verscharrt – und die gefassten Täter im September 1992 vom Landgericht Stuttgart verurteilt. Raymond A. bekam lebenslänglich.
Allerdings bleibt er nicht lange hinter Gittern. Im Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel lernt er den Schweizer Gerhard P., Jahrgang 1959, kennen. Der Mann gilt als Ausbrecher-König – und sein Ruf ist gerechtfertigt. Am 10. Oktober 1994 brechen die beiden aus dem „Santa Fu“ aus. 21 Tage später halten sie sich mit einem französischen Wohnmobil in Stuttgart auf, Gerhard P. hat dort eine Freundin. Die Ausbrecher wollen offenbar ins Ausland – bis Silvia S. und Jens B. auftauchen. Das Geiseldrama wird zu einer Irrfahrt quer durch die Republik, 1300 Kilometer.
Eine Geisel bekommt 10 000 Mark zugesteckt
Es heißt, die Geiselgangster seien höflich mit ihren Geiseln umgegangen, von denen sie in 42 Stunden insgesamt acht einsammeln. Im thüringischen Hötzelsroda etwa entführen die Täter ein älteres Ehepaar, stürmen später die Wohnung einer vierköpfigen Familie. Tut uns leid: Raymond A. bietet Silvia S. 2000 D-Mark als Entschädigung an, aus der Beute vom Banküberfall. Eine durch einen Schuss an der Hand verletzte Geisel bekommt 10 000 Mark zugesteckt.
Gentleman-Gangster? Die Polizistin wird später sagen, dass man fair behandelt worden sei, dass sie sich mit den Tätern in dieser Fluchtsituation „aber nicht verbündet gefühlt“ habe. Immerhin hatte Gerhard P. immer wieder eine Handgranate vorgezeigt, seinen „Joker“. Das Martyrium der Stuttgarter Polizisten endet nach gut neun Stunden in einem Wald zwischen Eisenach und Bad Salzungen in Thüringen. Sie werden an Handschließen gefesselt zurückgelassen. „Sie wünschten uns“, sagt Jens B. später, „noch viel Erfolg in unserem weiteren Berufsleben.“
Wo die lange Flucht endet
Es ist schon Allerheiligen, als sich die Täter mit neuen Geiseln eine unheilige Verfolgungsjagd mit der Polizei liefern – auf einer Irrfahrt nach Cottbus, dann zurück über Eisenach ins hessische Driedorf. Im Freizeitpark Heisterberger Weiher endet das Drama. Am Nachmittag des 1. November spüren Bereitschaftspolizisten Gerhard P. im Unterholz auf. Er leistet keinen Widerstand. Um 22.10 Uhr stellt sich Raymond A. den Einsatzkräften.
Gerhard P. wird am 21. Dezember 1995 vom Stuttgarter Landgericht zu 13 Jahren Haft verurteilt. Raymond A. bekommt zu seiner lebenslangen Freiheitsstrafe weitere elf Jahre dazu. Beide sind heute wieder auf freiem Fuß. Raymond A. wurde vorzeitig aus der Haft entlassen. Er steht bis 2023 unter Bewährung.
Was denkt die entführte Polizistin heute?
Die heutige Polizeioberkommissarin Silvia L. hat das Drama nach all der Zeit offenbar gut überstanden. „Der Fall holt mich nicht ein, ich habe keine Spätfolgen zu verzeichnen“, sagt sie in einem Gespräch mit Michael Kühner, mit dem sie sich in seiner Funktion als Vorsitzender des Polizeihistorischen Vereins nach vielen Jahren wieder trifft. Kameradschaft und gute Kollegen hätten ihr sehr geholfen, sagt sie. „Ich habe trotz allem keinen Tag bereut.“ Sie sei heute immer noch eine so begeisterte Polizistin wie damals: „Aber ein bisschen erfahrener vielleicht.“
Gefangen in einer Ausnahmesituation
Die Lehren
Die Entführung der Polizisten zeigt, dass auch normale Kontrollsituationen plötzlich brandgefährlich werden können. Die Absicherung des Kollegen oder der Kollegin gehört daher zu einer der wichtigsten Grundlagen der Aus- und Fortbildung. Allerdings hatte die Beamtin angesichts der Bedrohung von zwei Seiten keine Chance und tat gut daran, die Situation nicht eskalieren zu lassen.
Die Fehler
Wenn es denn Manöverkritik nach der überstandenen Geiselnahme gegeben hat, dann wohl am ehesten in der Anfangsphase. Die Polizeiführung erkannte auf der Suche erst nach Stunden, dass ihre fieberhaft gesuchten Beamten längst in weitere Straftaten der beiden Geiselgangster eingebunden waren. Das polizeiinterne Informationssystem hatte zu viele Puzzleteile und widersprüchliche Informationen, die sich erst spät zu dem Bild zusammenfügten.
Die Fragen
Der spektakuläre Fall mit Polizeigeiseln wirft aber auch Fragen auf: Wie kann es sein, dass ein Polizeibeamter beim Raubüberfall auf eine Bank oder auf einen Autofahrer an der Raststätte als Komplize mitspielt? Handelt es sich hier um eine Folge des sogenannten Stockholm-Syndroms? Der Begriff bezeichnet die Veränderung des Verhaltens einer Geisel während einer Geiselnahme, wobei diese Sympathie und Verständnis gegenüber ihrem Peiniger entwickelt. Dies sei aber nicht der Fall gewesen, sagen beide Beamte. Man habe die Situation nicht eskalieren wollen.