Trump und andere Betrüger Die USA – ein Land der Aufschneider
Donald Trump ist kein Betriebsunfall der US-Geschichte, sondern tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt. „The Huckster“, der betrügerische Verkäufer, gehört dazu.
Donald Trump ist kein Betriebsunfall der US-Geschichte, sondern tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt. „The Huckster“, der betrügerische Verkäufer, gehört dazu.
Stuttgart - Er ist ein Geschäftstalent und Showmann mit politischen Ambitionen. Er befriedigt die Sehnsucht der Masse nach Illusionen. Was ist Lüge? Was ist Wahrheit? Hauptsache, die Story ist knackig. Und wenn’s ein bisschen anrüchig wird, ist das egal. Als Medienprofi nutzt er modernste Kommunikationsmittel. Dass er ein Bankrotteur und Betrüger ist, schadet ihm nicht.
Nein, wir reden nicht von Donald Trump. Es geht um P. T. Barnum (1810– 1891), eine der schillerndsten Figuren der USA in dem daran nicht armen 19. Jahrhundert. Barnum war Zirkuschef, Selbstvermarkter, Entertainer, Politiker und ein Lügner ersten Grades. Das ihm zugeschriebene, in den USA zum geflügelten Wort gewordene Lebensmotto lautete: „There is a sucker born every minute“ („Jede Minute wird ein Trottel geboren“). Bis 2017 tingelte der von ihm 1871 gegründete Zirkus Ringling Bros. and Barnum & Bailey durch die USA. Barnum drehte einem gutgläubigen Publikum Attraktionen wie George Washingtons 161 Jahre alte Amme an; er präsentierte ausgestopfte Meerjungfrauen, lebende Skelette, Leopardenkinder und Haarmenschen. Und dann machte er Kasse mit Büchern wie „Die Humbug-Geschichten der Welt“, in denen er seine eigenen Betrügereien aufdeckte. Eine (angeblich) reuevolle Autobiografie wie Barnum wird der jetzige US-Präsident nie schreiben.
Doch die „Washington Post“ schreibt von „Trumps P.-T.-Barnum-Methoden“. Und der Publizist Neal Gabler sagt: „Trump ist aus dem Holz von P. T. Barnum geschnitzt.“ Abseits puritanischer Loblieder auf harte Arbeit und Wohlanständigkeit gälten Typen dieses Schlags als wahre Amerikaner: „Und das könnte das wirkliche Problem der Demokraten sein. Sie sind womöglich zu tugendhaft.“ Sein Kollege Michael Winship sekundiert: „Donald Trump ist der größte Schwindler und Profitmacher aller Zeiten – und unter seinem Einfluss stehen die vielen Nachfahren der Trottel, die einst dem guten alten P. T. ein stetiges Einkommen verschafften.“ Vor allem eines hätten Trump und Barnum gemeinsam: Beide hätten es verstanden, Publikum und Medien mit immer neuen Tricks abzulenken. Der Unterschied: Barnum schaffte es im Heimatstaat Connecticut nur zum Bürgermeister von Bridgeport und republikanischen Abgeordneten – nicht bis ins Weiße Haus.
Doch schon dieses Beispiel zeigt, dass es ein Fehler wäre, Donald Trump als eine Verirrung der amerikanischen Geschichte zu sehen. Trump ist ein Kind der amerikanischen Kultur. Sein Erfolg beruht auch darauf, dass zumindest ein Teil der Amerikaner in ihm etwas Ureigenes erkennt, auf das man sogar offen stolz ist.
Schaumschlägerische, großsprecherische, skrupellose und betrügerische Figuren sind in den Vereinigten Staaten ein Teil der Ahnengalerie. Zum Bild der amerikanischen Provinz gehört der sprichwörtliche „Snake-Oil Salesman“, der „Schlangenöl-Verkäufer“, der mit seiner Wundermedizin aus dem Pferdekarren die Erlösung von allem Übel verspricht. Es gibt ein amerikanisches Wort, das diese Spezies beschreibt: Huckster. Es steht für einen Aufschneider, der mit allen Mitteln etwas verkaufen will und dabei nur sein Eigeninteresse verfolgt. Im Laufe der Zeit bekam das Wort, das ursprünglich ein neutraler Begriff für ein Verkaufstalent war, eine abwertende Bedeutung. „Hucksterismus“ nennt die „Washington Post“ Trumps Wirtschaftspolitik.
Bei dem, was der Huckster verkauft, ist etwas faul. Es macht aber Spaß, ihm zuzuhören. Jenseits der moralischen Fassade hegt deshalb der „kleine Mann“ in den USA eine heimliche Bewunderung für diejenigen, die es abseits der Regeln zum Erfolg gebracht haben. Sie sind der Gegenpol zu den streberhaften Leistungsträgern, die ihm als Chefs vorgesetzt werden.
Sich schlitzohrig durchsetzen, das war nicht nur ein Rezept für den Wilden Westen, es war generell einer der Wege, die in einer Einwanderergesellschaft nach oben führten. Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden, diese Philosophie steckt hinter der viel gerühmten amerikanischen Flexibilität und Dynamik. Und wenn der Regelbruch abgleitet in die Skrupellosigkeit? Das wird in den USA oft mit Achselzucken quittiert. „Vielleicht liegt es daran, dass der amerikanische Traum so durchsetzt ist mit Ungereimtheiten, Widersprüchen und gnadenlosen Lügen, dass die Amerikaner eine Alternative konstruiert (und gelebt) haben, wo nicht die Fleißigen, sondern die Unverschämten Erfolg haben“, sagt der Publizist Neal Gabler.
In Gestalt des „Großen Gatsby“ im Roman von F. Scott Fitzgerald wurde der Typus des wilde Partys gebenden Aufsteigers in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zur literarischen Figur. „Ein mahnendes Beispiel für die dekadente Schattenseite des amerikanischen Traums“, nennt die US-Literaturkritikerin Sarah Churchwell den zuletzt 2013 verfilmten Roman über einen New Yorker Tycoon, der Geld mit undurchsichtigen Geschäften macht. Die Hollywoodfilme, die über solche charismatischen Aufschneider gedreht worden sind und die so mancher Betrügerexistenz nach ein paar Jahren Knast lukrative Berühmtheit eingebracht haben, sind zahlreich. Der Ganove als Held – das ist amerikanisch.
Man braucht da nicht gleich an den Chicagoer Gangsterboss Al Capone zu denken, den Erfinder der Geldwäsche, der in zahlreichen Filmen verewigt wurde, zuletzt 2017 in „Gangster Land“ von Timothy Woodward. Der Börsenbetrüger Jordan Belfort wurde Titelheld in „Der Wolf der Wall Street“ von Martin Scorsese. Belfort drehte in den 80er und 90er Jahren naiven Kleinanlegern wertlose Aktien an und machte nach der manipulierten Kurssteigerung Kasse. Nach dem Gefängnis tingelte er als gut bezahlter Motivationsredner durch die Welt. Frank Abagnale („Catch me if you can“ von Steven Spielberg) war in den 70er Jahren Hochstapler, Scheckbetrüger und falscher Pilot – und ging zum FBI. Die Filme über Gatsby, Belfort und Abagnale verschafften dem US-Schauspieler Leonardo DiCaprio gleich dreimal eine Hauptrolle.
In den 20er Jahren perfektionierte der italienische Einwanderer Charles Ponzi das Schneeballsystem für Finanzanlagen. Die Betrugsmethode wurde dann Ende des 20. Jahrhundert von dem auf die New Yorker Schickeria zielenden Betrüger Bernie Madoff in gigantische Dimensionen katapultiert. Er prellte Anleger um 65 Milliarden Dollar. Madoff, der 2009 im Alter von 71 Jahren zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde, wird die Verwandlung vom Verbrecher zum Betrugsgenie à la Hollywood sicher nicht als freier Mann erleben. Doch seine Story wurde schon zweimal von US-Fernsehsendern verfilmt.
Mit Elizabeth Holmes, Gründerin des Start-ups Theranos, die mit einem gefälschten Bluttest den Investoren im Silicon Valley das Geld aus der Tasche zog, hat es aktuell eine Frau in den Betrüger-Pantheon geschafft. Und, klar doch: Der Hollywoodfilm mit Jennifer Lawrence als Holmes wird schon gedreht, bevor das laufende Gerichtsverfahren zu Ende ist.
Eine Linie, die sich durch all diese Biografien hindurchzieht, ist das Verkaufstalent. Clevere „Verkaufe“ hat in den USA ein größeres Prestige als in Deutschland. Wer nichts mehr verkaufen kann, das zeigt Arthur Millers berühmtes Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“, der ist ein Nichts. Ob nun gefälschte Zirkusattraktionen wie bei P. T. Barnum, windige Börsenpapiere wie beim Wolf der Wall Street oder durch verlogene Tweets verkaufte Politik wie bei Donald Trump – immer ist marktschreierisches Marketing ein Schlüssel zu diesen Figuren. Als Tummelplatz für halbseidene Verkäufer gilt auch die Politik. „Die Wähler wussten, was für ein Huckster Trump war, als sie ihn wählten. Aber es sollte uns nachdenklich stimmen, was es über Amerika sagt, dass so viele von uns einen Jordan Belfort oder Frank Abagnale – in anderen Worten: einen Betrüger – bereitwillig als unseren obersten Politiker akzeptieren“, schrieb der konservative, trumpkritische Kolumnist Max Boot in der „Washington Post“.
Der Südstaat Louisiana ist beispielsweise seit Generationen eine Brutstätte von Mini-Trumps, die sich auf robuste Unterstützung durch die Wähler stützen können. In der Tradition des „Snake-Oil Salesman“ tourte dort in den 40er und 50er Jahren der demokratische Bundesstaatssenator Dudley J. LeBlanc mit seinem Vitamin-Wundermittel Hadacol durch die Lande, das in „trockenen“ Gegenden den Charme hatte, legal zwölf Prozent Alkohol zu enthalten. Angeblich als Konservierungsmittel. Von den 60er Jahren bis Ende der 90er zeigte dann der dreimal als Gouverneur wiedergewählte und am Ende wegen Korruption im Gefängnis gelandete demokratische Politiker Edwin Edwards, dass hemdsärmeliger Populismus in den USA nicht nur bei Republikanern blüht. Trotz Lügen, Bestechlichkeit und Frauengeschichten war der heute 91-jährige weiße Südstaatler auch bei schwarzen Amerikanern populär.
Charles M. Blow, afroamerikanischer Kolumnist der „New York Times“ und einer der schärfsten Trump-Kritiker, analysiert die Faszination solcher Figuren am Beispiel seiner eigenen Mutter, die durch dick und dünn den betrügerischen und korrupten Politiker unterstützte. Sie sei eine hochmoralische Frau gewesen, bei Edwards habe sie jedoch alles entschuldigt: „Ich glaube, dass das funktioniert hat, weil Edwards erreicht hat, was wenige Politiker schaffen: Er hat die politische Sphäre und die Spielregeln der normalen Welt überwunden und ist in die strahlende Liga der Volkshelden aufgestiegen.“
Für derartige Figuren gälten in den USA die üblichen Regeln nicht, schreibt Blow: „Die Leute legen an sie nicht dieselbe Messlatte an. Ein Verhalten, das sie in ihrem normalen Leben nie tolerieren würden, bereitet ihnen beim Volkshelden ein diebisches Vergnügen.“ Blow schreibt das als Warnung an die Trump-feindliche Hälfte der Amerikaner, die seiner Meinung nach das Risiko der Wiederwahl des derzeitigen Präsidenten unterschätze: „Ich glaube, dass es ein Fehler ist zu glauben, dass Trumps Unterstützer dessen Lügen und Korruption nicht sehen. Natürlich tun sie das. Aber für sie macht das einen Teil der Show und der Legende aus.“ Blow erinnert daran, dass brutale Verbrecher wie Bonnie und Clyde, John Dillinger oder Sundance Kid zum Mythos wurden.
Die bisher genannten Ganoven kamen meist ohne Gewalttaten aus. Und es gibt wohlgemerkt auch das ehrliche Amerika, das Halunken nicht zu Helden verklärt. Doch solange sich die USA als Land der unbegrenzten Möglichkeiten verstehen, gibt es viel Toleranz für diejenigen, die dabei einige Abkürzungen nehmen. „Wenn man behauptet, dass Amerikaner anfällig dafür sind, zu Schwindlern zu werden, erkennt man einfach auch an, dass sie mehr Möglichkeiten haben, ihrem Ehrgeiz zu frönen, als jedes andere Volk der Geschichte – ob mit ehrlichen oder unehrlichen Mitteln“, sagt der US-Historiker Walter McDougall, der diese Mentalität schon im 18. Jahrhundert verortet. Das von ihm alternativ zum Huckster gebrauchte Wort Hustler hat neben der Bedeutung „Schwindler“ die positive Konnotation „Wühler“. Diese Doppelbödigkeit bringt die US-Kultur auf den Punkt.