Türkische Gemeinde in Stuttgart Die Aleviten fühlen sich bedroht

Die Türkei im Ausnahmezustand. Foto: EPA
Die Türkei im Ausnahmezustand. Foto: EPA

Die Türkei ist in der Krise, Präsident Erdogan hat den Ausnahmezustand verhängt. Viele Menschen mit türkischen Wurzeln erleben Spannungen – auch in Stuttgart. Die Aleviten in der Stadt fühlen sich zunehmend bedroht.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)
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Stuttgart - Gizem Eligül hat ihre Eltern fest in den Arm genommen, als sie das letzte Mal zu Verwandten in die Türkei geflogen ist. „Früher haben sie mir eine gute Reise gewünscht, jetzt ist es so, als könnte es das letzte Mal gewesen sein, dass wir uns sehen“, sagt die Studentin. Sie sitzt Anfang Juli mit Gemeindemitgliedern im Zentrum der Alevitischen Glaubensgemeinde an der Bad Cannstatter Glockenstraße und redet über den IS-Anschlag am Istanbuler Flughafen. Der ist kaum verarbeitet, da vermelden am 15. Juli die Medien die Nachricht vom Putsch in der Türkei.

„Wäre das, was Freitagnacht passiert ist, ein Film gewesen, hätte er bestimmt einen Oscar gewonnen“, schreibt Nursen Polat Yilmaz in einer E-Mail wenige Tage später. Auch sie ist bei dem Gespräch über den Riss durch die türkische Gemeinde an der Glockenstraße vor einigen Wochen dabei gewesen. Ihre Äußerung legt nahe, was viele Aleviten denken: Der Putsch sei eine Inszenierung von Recep Tayyip Erdogan. Von der Verhängung des Ausnahmezustands fühlen sie sich nun bestätigt. Der sei ein weiterer Akt des Ausbaus der Erdogan’schen Diktatur, schreibt Ruhan Karakul, die stellvertretende Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde in Baden-Württemberg.

Vom Kult um Erdogan ausgenommen

Die religiöse Minderheit nimmt sich vom Erdogan-Kult aus. Ruhan Karakul hat Ende Juni andere Vereinsmitglieder zum Gespräch geladen. Es ist eine Runde, in der Frauen den Ton angeben. Es wirkt fast so, als wollte die Gemeinde zeigen, dass sie Gleichberechtigung wirklich lebt.

Gizem Eligül berichtet begeistert, dass die Aleviten in diesem Jahr auf dem Christopher Street Day (CSD) in Mannheim mit dabei sein werden. Sie rollt mit den Augen, als sie die Haltung des Jugendverbands des türkischen Moscheeverbands Ditib zu solchen Aktionen schildert. Allerdings weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die Türkische Gemeinde nun auch den CSD in Stuttgart mitfeiern will. Tatsächlich gibt es von Sunniten Häme, dass sich Aleviten nur als die „besseren Muslime“ vermarkten wollten. Ruhan Karakul weist das zurück. Sie wirft den Deutschen vor, oft zu tolerant gegenüber Sunniten zu sein.

Die Trennung zwischen Aleviten und Sunniten zieht sich wie ein roter, bisweilen blutroter Faden durch die türkische Geschichte. Noch in den 90er Jahren verübten Extremisten Anschläge auf Aleviten – etwa in Sivas 1993. Obwohl die Aleviten den Koran frei interpretieren, tauchen sie bis heute in türkischen Statistiken nur als „Muslime“ auf. Bei vielen ruft das ein Bedürfnis hervor, sich von Sunniten zu distanzieren. Aleviten und Sunniten gehen in Stuttgart vielleicht in den gleichen türkischen Läden einkaufen. Ansonsten sind die Berührungspunkte rar. „Man bleibt unter sich“, sagt Ruhan Karakul. Auf die Frage, ob die Alevitische Gemeinde etwas dazu beiträgt, dass in Stuttgart der Streit nicht weiter eskaliert, antwortet sie mit dem Hinweis auf die mangelnde Dialogfähigkeit der anderen Seite. Die wachsende Macht Erdogans führt dazu, dass sich Aleviten stärker mit Deutschland identifizieren. „Ich will vorerst nicht in die Türkei reisen. Solange Erdogan das Sagen hat“, sagt Ruhan Karakul.

Die Meinung der Türken aus der Mauserstraße zum Thema lesen Sie hier.

Die Meinung der Kurden zum Thema lesen Sie hier.

Die Sichtweise des Deutsch-Türkischen Forums lesen Sie hier.




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