Türkische Gemeinde in Stuttgart Das Deutsch-Türkische Forum setzt sich für Dialog ein

Viele Menschen in der Türkei und in Deutschland  gehen derzeit auf die Straßen. Foto: EPA
Viele Menschen in der Türkei und in Deutschland gehen derzeit auf die Straßen. Foto: EPA

Die Türkei ist in der Krise, Präsident Erdogan hat den Ausnahmezustand verhängt. Viele Menschen mit türkischen Wurzeln erleben Spannungen - auch vor ihrer Haustür in Stuttgart. Thema Zivilgesellschaft: Kerim Arpad vom Deutsch-Türkischen Forum setzt sich weiter für Dialog ein.

Aus den Stadtteilen : Cedric Rehman (cr)
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Stuttgart - Die türkische Band steht beim Festival der Kulturen auf dem Stuttgarter Marktplatz auf der Bühne, als Kerim Arpad die ersten Nachrichten vom Militärputsch auf seinem Smartphone liest. „Ich musste dann auf die Bühne und den Menschen sagen, dass es noch keine genauen Informationen gibt“, sagt der Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Forums (DTF) wenige Tage später. Eigentlich hätte es ein fröhlicher, ausgelassener Abend mit 8000 Besuchern werden sollen. Stattdessen konnte er beobachten, wie die Musiker hinter der Bühne versuchten, ihre Familien in der Türkei zu erreichen. Viele Gäste starrten auf ihre Mobiltelefone. „Man denkt in dem Moment, was passiert auf der Welt“, erzählt Arpad.

Seine Arbeit ist sicherlich schon einmal leichter gewesen. Arpad berichtet von einer Zurückhaltung in der Stuttgarter Kulturszene, wenn es um Kooperationen mit der Türkei geht, die er früher so nicht kannte. Auch deshalb sollte der Türkische Abend beim Festival der Kulturen ein Zeichen setzen, dass aus der Türkei nicht nur schlechte Nachrichten kommen, sondern auch kulturelle Vielfalt. Die Realität kann gemein sein.

Kerim Arpad ist der Sohn des Heinrich-Böll-Übersetzers Ahmet Arpad. Interesse für Kultur wurde ihm in die Wiege gelegt. Ihn schmerzt es, dass – wie er meint – die Unbeliebtheit des türkischen Präsidenten in Deutschland die Künstler und Intellektuellen aus der Türkei trifft. „50 Prozent sind bei den Wahlen gegen Erdogan. Das vergessen wir und sehen nur die AKP und ihre Anhänger“, sagt Ahmet Arpad. Was alle Türken müde mache, ob hier in Stuttgart oder in der Türkei, ob Anhänger Erdogans oder nicht, sei der oft belehrende Unterton der Deutschen, sagt Arpad.

Zusammenbringen, was auseinanderstrebt

Das Bild von der türkischen Gesellschaft in Deutschland hat sich innerhalb von zwei Jahren gewandelt. Während der Gezi-Proteste, als Millionen Türken gegen die Regierung auf die Straße gingen, sprachen Stuttgart-21-Gegner empathisch ihre Solidarität mit den Brüdern und Schwestern im Geiste in der Türkei aus. Drei Jahre später kämpft Kerim Arpad nicht zuletzt dagegen, dass mancher froh zu scheint, dass die Türkei wieder in eine der gängigen Schubladen passt und fremd und bedrohlich wirkt. Der Geschäftsführer des Deutsch-Türkischen Forums ist etwas ratlos, wie zusammengebracht werden kann, was immer vehementer auseinanderstrebt. Er erlebt, wie sowohl die Gräben in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland, in der Türkei und auch die zwischen Deutschen und Deutschtürken immer tiefer werden. Statt Neugier aufeinander und Freude am Diskurs sieht er ein bockiges Beharren auf eigenen Positionen bei allen Akteuren.

Das Rad dreht sich, aber aus Kerim Arpads Perspektive in die falsche Richtung. „Wir waren schon mal weiter“, sagt er. Dann verspricht er, dass das Deutsch-Türkische Forum sein Engagement für die Verständigung fortsetzen wird. Jetzt erst recht.




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