Tutty Tran im Wizemann Wir sind so frei: Erst lachen, dann denken

Thomas To Truong Tran alias Tutty Tran hat im Stuttgarter Wizemann Witze gemacht. Foto: MNK/Marc Meinke

Der Comedian Tutty Tran macht auf der Bühne vor nichts Halt und geht bei seinem Auftritt im Stuttgarter Wizemann gerne dahin, wo es wehtut.

Lokales: Matthias Ring (mri)

Die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy sind häufig fließend. Im ausverkauften Wizemann am Mittwochabend aber, wo das Renitenztheater Tutty Tran veranstaltet, der auf der eher klassischen Kleinkunstbühne schon den Silbernen Besen gewonnen hat, ist der Unterschied so laut und deutlich, dass man rote Ohren bekommen kann. Und das liegt nicht nur daran, dass vor der Show ein DJ einheizt – in einer Lautstärke, die sich sogar mit den Heavy-Metal-Komödianten Nanowar of Steel messen könnte, die nebenan den kleinen Club beschallen.

 

„Der bekannteste Reisbürger“ Tutty Tran ist mit seinem neuen Programm „Hai Dai Mau“ da, was man vornehm ins Hochdeutsche mit „würdest du jetzt bitte nichts mehr sagen“ übersetzen könnte. Der Comedian parodiert damit den Dialekt seines Vaters, denn er ist das Kind vietnamesischer Boatpeople, die Deutschland zum Dank ihren in Neukölln geborenen Sohn Thomas genannt haben. Das ist schon mal eine schöne Vorlage, frei nach Sönke Wortmanns Filmkomödie „Der Vorname“ darüber zu sinnieren, wie es sein würde, wenn sie ihn noch ganz anders genannt hätten, Adolf etwa. Und Thomas To Truong Tran hat auch keine Hemmungen, seinen Vater im Kino den Namen Schwarzenegger so laut und undeutlich aussprechen zu lassen, dass er fast verboten klingt.

Erfahrungen mit Rassismus

Wenig zitierfähig geht es unter die Gürtellinie, aber als „Kind der 90er“ auch auf eine rührige Reise zurück in die Zeit, als man alle Telefonnummern auswendig kannte und nach dem Essen raus auf die Straße ging. Da heutzutage vieles politisch und unkorrekt ist, kann sich Tutty Tran krass aufregen. Natürlich habe er selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht: einerseits in der Schule „Ching, Chang, Chong, Chinese im Karton“ hören müssen. Andererseits habe sich seine Freundin – „blond, blauäugig, Dresden“ – lange nicht getraut, sich über sein Äußeres lustig zu machen. Und wenn ihm im Hier und Heute bei einer Open-Stage-Veranstaltung zugerufen werde, er sei rassistisch, dann sind das „wahrscheinlich dieselben Menschen, die morgens um sieben auf der Straße kleben oder mit Maske Fahrradfahren.“

Manches aber, was auf Tik-Tok und Youtube funktioniert, zieht sich auf der Bühne in die Länge, allein die halbstündige Publikumsbegrüßung, mit der nicht nur Herkunft und Alter gecheckt werden, sondern bei der Tutty Tran auch sagt: „Sind Rollstuhlfahrer da? Alle mal aufstehen“, um dann in der von 600 Zuschauern geforderten Zugabe zu erzählen, ein Rollstuhlfahrer habe sich mal beschwert, dass keine Witze über ihn gemacht würden, obwohl er als „Querschnitt“ genauso Teil der Gesellschaft sei und ein Recht darauf habe. Ja, das Credo des Comedians, „man darf Witze über alles machen, wenn man auch über sich selbst lachen kann“, wird heftig ausgereizt und kann wehtun, es sei denn, man fühlt sich für einen Abend ganz befreit nach der Devise: „Das beste Lachen kommt, bevor man nachdenkt.“

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