TV-Tipp: Arte-Doku über Gerhard Schröder Vom Underdog zum Bundeskanzler

Von red/KNA 

Gerhard Schröder war der letzte Kanzler der SPD, sein Name steht bis heute für die tief greifenden Agenda-2010-Reformen. Die Arte-Dokumentation „Gerhard Schröder: Kämpfer und Kanzler“ versucht eine kritische Betrachtung des Altkanzlers.

Berlin, 22. November 2005: Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder übergib das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel. Foto: picture alliance/dpa/Peer Grimm
Berlin, 22. November 2005: Der bisherige Bundeskanzler Gerhard Schröder übergib das Bundeskanzleramt an die neue Kanzlerin Angela Merkel. Foto: picture alliance/dpa/Peer Grimm

Straßburg - Gerhard Schröder spaltet bis heute. Er hat in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation Entscheidungen getroffen, die das Land bis heute prägen. Die Folgen seiner Sozialreformen mit Leiharbeit, Minijobs und Werksverträgen werden immer noch von vielen kritisiert. Auch seine Partei, die SPD, leidet im Gegensatz zu ihrem damaligen grünen Koalitionspartner unter dem Image, die eigene Klientel verraten zu haben. Der Zuspruch bei den Bundestagswahlen sinkt seit 2005 kontinuierlich.

In seiner 53-minütigen Dokumentation „Gerhard Schröder: Kämpfer und Kanzler“ versucht Torsten Körner eine kritische Betrachtung des Altkanzlers. Arte strahlt sie am 14. Juli um 21.45 Uhr aus. Körner zeichnet Schröder als Machtmenschen, der schon früh zielstrebig an seiner politischen Karriere feilte und für ein positives Bild in der Öffentlichkeit selbst das Privatleben instrumentalisierte. In den entscheidenden Momenten rückte er sich selbst ins Zentrum der Öffentlichkeit und griff entschlossen zu, wenn Posten zu verteilen waren. Dies bescheinigen ihm etliche Weggenossen, die ausführlich zu Wort kommen. Insbesondere Gesine Schwan, Vorsitzende der Grundwertekommission der SPD und ehemalige Bundespräsidentschaftskandidatin, gelingt es dabei, auch den Menschen hinter dem Politiker zu charakterisieren.

Ein herzliches Verhältnis zu Putin

In seiner Außenpolitik bleibt Schröder seiner Partei und ihrem pazifistischen Denken trotz des deutschen Engagements im Kosovo treu. Zu Wladimir Putin hat er ein herzliches Verhältnis, was sein Verhältnis zu Russland bis heute prägt. Diesen Aspekt von Schröders Politik arbeitet der Autor gut heraus. Er überlässt dabei aber dem Zuschauer die Beantwortung der Frage, inwieweit die Aufgabe dieser Prämisse zum Absturz der Partei in der Wählergunst beigetragen hat.

Die Auseinandersetzung um die Sozialreformen wird auf die unterschiedlichen Politikansätze von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine zugespitzt und deren Einführung als Teil eines weltweiten neoliberalen Trends eingeordnet, der auch die Politik von Bill Clinton und Tony Blair gekennzeichnet habe.

Hier verschenkt die Dokumentation leider ihr Potenzial, einen stärker dialektischen Denkansatz zu nutzen. Schließlich war eine Reform des Arbeitsmarktes in Deutschland damals wahrscheinlich unverzichtbar. Der SPD ist es aber nie gelungen, selbstbewusst zu diesen Entscheidungen zu stehen und in einem veränderten ökonomischen Umfeld Veränderungen am Hartz-IV-System durchzusetzen.

Die Corona-Pandemie und ihre Verwerfungen kommen nicht vor

Offenbar ist die Reportage schon länger fertig gestellt. Dafür spricht, dass die sozialen Verwerfungen durch die Corona-Pandemie nicht erwähnt werden – von den Skandalen mit den Erkrankungen von Vertragsarbeitern in der Fleischindustrie bis zur sozialen Situation von Minijobbern.

Der Autor Torsten Körner wollte eine Dokumentation liefern, doch sein Beitrag ist eher ein Porträt Schröders, bei dem selbst die fünf Ehen nicht fehlen. Politische Wegstationen und Entscheidungen werden dabei wie am Fließband aufgereiht, eine Einordnung unterbleibt weitgehend. „Gerhard Schröder: Kämpfer und Kanzler“ passt von seinem gedanklichen Ansatz eher als Beitrag zu Ehren eines runden Geburtstages.

Der Film bedient auch das Klischee, das jüngst dem CDU-Politiker Philipp Amthor zum Verhängnis wurde: Politiker aus kleinen Verhältnissen umgeben sich danach gerne mit den Bossen der Industrie und erliegen deren Einflüsterungen. Allerdings ist eines auch klar: Jeder Ministerpräsident wird das Gespräch mit den Automobilherstellern seines jeweiligen Bundeslandes suchen und versuchen, die dortigen Arbeitsplätze zu erhalten. Dieser gedankliche Ansatz vereinte ja gerade erst CSU, CDU, Grüne und SPD.




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