Neulich aß ich seit langer Zeit mal wieder Fleischkäse. Eine dicke Scheibe angebraten in der Pfanne, mit Zwiebeln und Spinat. Großer Genuss. Der Fleischkäse war über Umwege zu mir gelangt. Sein Mindesthaltbarkeitsdatum war überschritten. Der Lebensmittelmarkt konnte ihn nicht mehr verkaufen.
Dass die dicke Scheibe dennoch auf meinem Teller landete und nicht in der Tonne, habe ich meinem Mitbewohner zu verdanken. Er engagiert sich bei einer Initiative namens Foodsharing. Fast 160 000 Menschen deutschlandweit holen nach Angaben der Initiative überproduzierte Lebensmittel regelmäßig bei kooperierenden Supermärkten, Kantinen, Bäckereien oder Großhändlern ab und verteilen sie dann weiter.
Lebensmittel-Abholung beim Supermarkt
Mein Mitbewohner ist zum Beispiel dafür verantwortlich, dass bei einem Lebensmittelhändler in unserer Nähe täglich zu einem fest vereinbarten Zeitpunkt genügend Freiwillige von Foodsharing aufkreuzen, um die Lebensmittel mitzunehmen, die der Markt nicht mehr verkaufen kann.
Wer bei Foodsharing aktiv ist, kann auf einer Webseite schauen, wann es Gelegenheiten zur Lebensmittel-Abholung in der Nähe des eigenen Wohnorts gibt. Falls sich in einer Woche für den betreffenden Markt nicht genug Menschen melden, springt mein Mitbewohner selbst ein und holt das Essen ab. So landet manchmal eine Scheibe Fleischkäse in meinem Magen. Oder neulich sehr viel Sojajoghurt. Und auch immer wieder ein paar köstliche süße Stückle.
80 Säcke voller Lebensmitteln
Jeder Mensch in Deutschland wirft durchschnittlich fast 80 Kilo Lebensmittel pro Jahr in den Müll. Diese Zahl stammt vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Sicherlich haben Sie schon mal einen Kilosack Kartoffeln im Supermarkt gekauft. 80 solche Säcke voller Lebensmittel schmeißt jeder von uns pro Jahr weg, bildlich gesprochen. Darin enthalten sind allerdings auch Lebensmittelabfälle wie Schalen oder Kaffeesatz, die sich kaum vermeiden lassen. Lebensmittelverschwendung entsteht entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Der mit Abstand größte Hebel liegt bei den Verbrauchern selbst. Denn etwa 60 Prozent – also fast zwei Drittel – aller Lebensmittelabfälle entstehen in privaten Haushalten.
Kleiner Sprung nach Degerloch, an einen Ort mit dem schönen Namen Große Falterstraße. Dort steht im Hinterhof der Hausnummer vier eine kleine graue Holzhütte mit weißer Tür. Wer die Hütte betritt, sieht einen großen Kühlschrank und ein großes Regal. Mit etwas Glück liegt Essen darin, umsonst, einfach so, zum Mitnehmen. Als ich Ende Februar einmal aus Neugier vorbeigeradelt bin, war gerade nichts da. Wer nicht umsonst hinfahren möchte, kann den Lagerstand der Holzhütte im Internet erfahren. Erst vor ein paar Tagen schrieb Michaela: „Von gestern noch bisschen Grünkohl da. Ich fülle aktuell Brote und Salate auf.“ Das ist nicht das Schlaraffenland, sondern Stuttgart! Und die Konsequenz eines Systems, das Essen für den Müll produziert.
Holzhütte in Degerloch
Die Holzhütte in Degerloch ist ein sogenannter Fairteiler, eine Verteilstelle für überschüssige Lebensmittel. Auch um diese Stellen kümmert sich Foodsharing. Zehn von ihnen gibt es laut der Initiative in Stuttgart. Wer sich bei Foodsharing engagiert und nicht so viele hungrige Zimmernachbarn hat wie mein Mitbewohner, der bringt die geretteten Lebensmittel zum Beispiel zu einer der Verteilstellen. Dort kann jeder vorbeigehen und sich etwas mitnehmen.
Außerdem gibt es auf der Webseite des Vereins sogenannte Essenskörbe. Über diese Funktion können Freiwillige überschüssige Lebensmittel direkt zur Abholung im Internet anbieten. Im Stuttgarter Süden wäre gerade zum Beispiel ein großer Kilobeutel getrocknete Maulbeeren zu haben, in Hedelfingen ein Tiefkühltortenboden und in Riedenberg acht große Flaschen Hefeweizen.
Wenn der Gang in den Supermarkt ein Luxus ist, den man sich gönnt
Meine Arbeitsthese: Es wäre in deutschen Großstädten möglich, sich ausschließlich von Essen zu ernähren, das ansonsten im Müll gelandet wäre. Mein Mitbewohner hat das während seines Studium nahezu getan. Er war viel containern, holte also nachts noch genießbare Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten.
Was er dort fand, bestimmt seinen Speiseplan. Nicht weil er arm war, sondern weil er etwas gegen Lebensmittelverschwendung tun wollte. Stieß er auf eine Tonne Rosenkohl, dann zwang er sich, eine Woche lang nur Rosenkohl zu essen, wie er neulich einmal erzählte. Die meisten Menschen finden es normal, im Supermarkt einfach auszuwählen, was sie gerne mögen, und das dann zu kaufen. Mein Mitbewohner sieht das als Luxus, den er sich inzwischen gönnt.