Umstrittener Imagefilm für Ulm Fassungslosigkeit über Werbevideo mit Neonazi

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Die Stadt Ulm präsentiert auf ihrer Homepage einen neuen Werbefilm – in dem ein Nazi-Symbol prominent zur Geltung kommt. SPD und Grüne im Gemeinderat sehen sich überrumpelt, Facebook-User protestieren.

Einer der Darsteller stellt im Film einschlägige Tattoos zur Schau. Foto: Stadt Ulm/Youtube
Einer der Darsteller stellt im Film einschlägige Tattoos zur Schau. Foto: Stadt Ulm/Youtube

Ulm - Der neue städtische Film „Ulm – wir sind alle Vielfalt“ ist ein Bildschirmseitenfüller; wer neuerdings die Homepage der Stadt anklickt, dem springt er förmlich ins Gesicht. In den drei Minuten, die der Streifen dauert, ist ein betender Muslim zu sehen, eine zerlumpte ältere Flaschensammlerin, Einzel- und Mannschaftssportler, ein Junge mit Handicap, der mit dem Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) Schach spielt und ihn besiegt. In der Hauptrolle aber agiert ein gescheitelter jüngerer Herr, dessen Gesinnung an zwei Tätowierungen in Kragenhöhe kenntlich ist: eine schwarze Sonne, Symbol der rechtsextremen Szene, sowie ein nachgeahmtes Eisernes Kreuz.

Die Szenen, nur von elegischem Gesang untermalt, entwickeln sich in schnellen Schnitten, im Wechsel von Zoom und Totale. Alle haben ihren Platz in dieser Stadt, sollen die Bilder sagen, egal welcher Hautfarbe und Religion, gleich ob arm oder reich, ob im Licht oder im Schatten stehend. Irgendwann ist ein blondes krankes Mädchen zu sehen, das von einem nicht deutsch aussehenden Arzt behandelt wird. Es ist, wie sich kurz darauf aufklärt, wohl die Tochter des Rechtsradikalen. Er schläft zum Ende des Films an ihrer Seite ein, sie gesundet. Gemeinsam verlassen sie das Krankenhaus, vom ebenso milden wie wissenden Blick einer Ordensschwester begleitet. Schnitt, Einblendung des Schriftzugs „Weil Menschlichkeit verbindet“ – und Schluss.

Im Netz melden sich auch Fürsprecher

Martin Rivoir, Ulmer SPD-Landtagsabgeordneter und Gemeinderatsmitglied, hält den Film für komplett verfehlt. „Ich bin wirklich entrüstet“, sagt er. „Die Botschaft des Films ist doch, Neonazis sind Teil unserer Gesellschaft.“ Die Stadt habe sich zum Preis von 50 000 Euro „ein Ei ins Nest legen lassen“. In einem förmlichen Antrag forderte die gesamte SPD-Fraktion, „den Film sofort aus dem Angebot der Stadt zu löschen und ihn zu überarbeiten“. Er könne nicht fassen, dass so etwas in der Stadt der Geschwister Scholl und der Weißen Rose habe geschehen können, legt Rivoir nach. Auf der Facebook-Seite der Stadt Ulm jagen sich seit dem Wochenende die Kommentare. „Damit demonstriert ihr Offenheit und Diversität??? Mit Nazisymbolen?“ fragt einer. Aber es gibt auch eine größere Zahl von Fürsprechern des Films. Man solle, heißt es etwa, nicht auf die „Nörgler“ hören, nicht „auf der Symbolik rumreiten“.

Der Oberbürgermeister Czisch verteidigte den Film rasch mittels einer schriftlichen Erklärung. Der Drei-Minüter sei „mutig, weil er ein tabuisiertes Thema anspricht“. Die Netzproteste seien Zeichen einer sich gefährlich verstärkenden „Empörungsgesellschaft“. Und weiter: „Die Szene rauszunehmen wäre deshalb ein Fehler.“ So sieht das auch der Geschäftsführer der beauftragten Ulmer Filmproduktionsfirma „Cinematicz“, Hosam Sidou Abdulkader. Eine nachträgliche Bearbeitung „würde das Ziel verfehlen, die Problematik zu thematisieren“. Er habe an der Filmfigur ursprünglich ein Nazi-Tattoo zeigen wollen und nicht die gemeinhin unbekanntere schwarze Sonne. „Ich wollte mehr polarisieren.“ Doch der Stadtverwaltung sei das im Entstehungsprozess dann doch zu heftig gewesen.

Der Gemeinderat ist aufgerüttelt

Die Ulmer SPD besteht weiter darauf, der Imagefilm in dieser Form müsse weg. Am Montagabend tagte zum Thema der Ältestenrat; mit unversöhnlichem Ausgang. Danach forderten auch die Grünen im Stadtrat die Löschung des Films. Am Dienstag stellte Czisch per Machtwort klar, die Stadt werde „den Film auf ihren Kanälen in der ursprünglich veröffentlichten Form belassen“. Er bedaure „ausdrücklich die entstandenen Irritationen und Missverständnisse“. Anfang Dezember soll es nun eine öffentliche Diskussionsrunde zum filmischen Aufreger geben. Fachkundige Teilnehmer dafür, heißt es aus dem Rathaus, würden gesucht.