St. Ulrich in Stuttgart-Fasanenhof Seltenes Ereignis: Katholische Kirche wird offiziell entweiht

Das Gemeindezentrum ist einst für 6000 Gläubige gebaut worden, inzwischen sind es aber nur noch 1600. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die katholische Gemeinde Fasanenhof feiert am Dreikönigstag zum vorerst letzten Mal Gottesdienst in ihrer Kirche St. Ulrich. Ein Abschied und Neubeginn.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Es ist ein seltenes Ereignis. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind bisher nur sehr wenige Gotteshäuser entweiht worden. Am Dreikönigstag wird Pfarrer Martin Uhl die sogenannte Profanierung der katholischen Kirche St. Ulrich vornehmen. Das bedeutet, dass sie von einem sakralen in einen weltlichen, also profanen Raum überführt wird. Der Bischof hat den Pfarrer damit beauftragt – keine ganz leichte Aufgabe für Uhl. „Für mich ist das etwas Neues“, sagt er. Er habe sich erst einmal informieren müssen, welchen Ritus es für eine Profanierung gibt, wie so etwas genau abzulaufen hat.

 

Zunächst muss der Tabernakel geleert werden, in dem die Eucharistie, das Heilige Brot, aufbewahrt wird. Danach werden die Reliquien aus dem Altar entnommen. Dabei handelt es sich um Überreste von verstorbenen Heiligen. Sie befinden sich in einem kleinen Metallgefäß und müssen dem Bischof zurückgebracht werden. „In fast jedem Altar in einer katholischen Kirche gibt es Reliquien. Meistens sind es kleine Knochen oder Knochenstücke. In der Regel stammen sie allerdings nicht von berühmten Heiligen, sondern von sogenannten Katakombenheiligen, die in der Zeit des frühen Christentums den Märtyrertod gestorben sind“, erklärt Uhl. Auch im Fall von St. Ulrich geht der Pfarrer davon aus, dass die Reliquien von Unbekannten stammen.

Die Kirche wird nur temporär entweiht

Uhl möchte den Abschiedsgottesdienst und die Zeremonie am Dreikönigstag sehr festlich gestalten. „Mit vielen Gruppen und viel Musik“, sagt er. Am Ende werden die Tücher und das Kreuz vom Altar entfernt und symbolträchtig die Kerzen gelöscht. „Es wird viel Wehmut dabei sein, und es werden Tränen fließen“, ist sich der Pfarrer sicher. Er betont aber auch: „Die Kirche wird nur temporär entweiht. Wir als Gemeinde sind weiterhin vor Ort präsent, wir verkleinern uns nur.“ Die Grundform des Gotteshauses, sozusagen die Hülle, bleibt bestehen, ebenso der Turm und die Marienkapelle. In das Gebäude kommen unter anderem der Kindergarten, Gemeinderäume und das Pfarrbüro. Der sakrale Raum wird also kleiner, von 600 bleiben nur noch 150 Sitzplätze übrig.

Der Hintergrund ist, dass die Gemeinde auf dem Fasanenhof von ehemals 6000 Mitgliedern in den 1960er Jahren auf nur noch 1600 Mitglieder geschrumpft ist. „Wir können den großen Kirchenraum nicht mehr füllen“, sagt Uhl. Eine Sanierung der Kirche und des kompletten Gemeindezentrums wäre weder ökonomisch noch ökologisch zu rechtfertigen. Viele Menschen auf dem Fasanenhof haben einst selbst beim Aufbau der Kirche mitgewirkt, Spenden gesammelt, dafür Kuchen gebacken, Hand angelegt, dort große Feste gefeiert. „Sie sind traurig, aber die meisten sind auch sehr verständnisvoll“, sagt der Pfarrer.

Es braucht einen neuen Altar und eine neue Orgel

Mehrere Künstler beteiligen sich an der Gestaltung des künftig viel kleineren Andachtsraums. „Es wird wieder schön“, ist sich Uhl sicher. Es braucht einen neuen Altar und eine neue Orgel. Die derzeitige Orgel wird nach Augsburg verkauft. Der Organist, der vor 50 Jahren auf ihr das erste Konzert in St. Ulrich gespielt hat, hat am 1. Advent auch das letzte Konzert gespielt. „Das war ein besonderer Moment“, sagt der Pfarrer. Was von der mittlerweile eingelagerten Kirchenkunst im neuen sakralen Raum noch Platz hat, bleibt abzuwarten.

Während in der Kirche umgebaut wird, feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste im Gemeindezentrum. Wenn der Plan aufgeht, ist der neue Andachtsraum fertig, bevor das Gemeindezentrum abgerissen wird. Denn dieser Teil des Geländes ist an das Siedlungswerk verkauft. Auf dem 5500 Quadratmeter großen Gelände entsteht in den kommenden Jahren ein neues Quartier mit etwa 70 Wohnungen, einer Wohngruppe für Jugendliche mit Behinderung, mit einer Tagespflege und einem Quartiersraum, und zwar in vier Baukörpern, welche als Polygone die Grundform der Kirche aufnehmen sollen.

Heimat für viele Gläubige

Profanierung
Der feierliche Gottesdienst am Samstag, 6. Januar, beginnt um 10 Uhr in der Kirche St. Ulrich am Delpweg. Im Anschluss gibt es ein Mittagessen im Gemeindesaal und Gelegenheit, Fotos und Geschichten von der Altarweihe bis zur Profanierung auszutauschen.

Ukrainische Gemeinde
Die St.-Ulrich-Kirche war seit mehr als 50 Jahren auch die Heimat der ukrainischen Kirche in Stuttgart. Aus der gesamten Region kamen Gläubige zum Gottesdienst. Seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine wurden im Gemeindezentrum Fasanenhof etwa zwei Tonnen an Hilfsgütern gesammelt. Pfarrer Martin Uhl wird in einem letzten Gottesdienst am Samstag, 6. Januar, 17 Uhr, auch die ukrainische Gemeinde verabschieden. Sie wird künftig in St. Michael in Sillenbuch die Messe feiern.

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