Der Schwerpunkt der nach Alter und Geschlecht repräsentativen Befragung habe darauf gelegen, die Themen Wohnungsversorgung und Fachkräftemangel zusammenzudenken, so der PwC-Standortleiter Marcus Nickel. Man wolle das „aus dem Gefühl herausholen“ und die eigene Beratungsleistung mit Fakten unterlegen. Finden Arbeitskräfte keine geeignete und bezahlbare Wohnung, leben und arbeiten sie eben woanders – das ist die Vermutung, die Nickel bestätigt sieht. In der Pflege- und Gesundheitsbranche, aber auch im öffentlichen Dienst sei die Wohnungsversorgung „ein zentrales Thema für Menschen mit geringeren Einkommen“. Es geht also vor allem um Branchen, in denen schon heute Fachkräfte fehlen, darunter Handwerk, Gastronomie und Erziehung.
Großstadt nur noch für Großverdiener?
„Wenn die Mieten in den Ballungsräumen weiterhin steigen, werden sich nur noch Gutverdiener das Leben in der Stadt leisten können“: Dieser Aussage stimmen neun von zehn Befragten zu. Andere würden sich außerhalb einen Arbeitsplatz suchen. In eine ähnliche Richtung zeigte im Vorjahr bereits eine städtischen Erhebung zu Wanderungsmotiven mit 14 400 Befragten: Nach dem Arbeitsplatzwechsel waren zu hohe Wohnkosten der am häufigsten genannte Grund, aus Stuttgart wegzuziehen.
Stuttgart hat dieses Problem nicht exklusiv. PwC hat ähnliche Ergebnisse für Berlin und das Rhein-Main-Gebiet ermittelt. Hier wie dort zeigen die Befragten mit dem Finger auf die öffentliche Hand, die den sozialen Wohnungsbau lange vernachlässigt habe. „Das Thema ist nicht wirklich in der politischen Diskussion“, analysiert Marcus Nickel, „das frustriert gerade viele – vor allem in den niedrigeren Einkommensschichten.“ Wegen hoher Baukosten könne die Lösung nur in sozial gefördertem Wohnraum liegen, „sonst gibt es eine Abstimmung mit den Füßen“.
Das zweite Kind als Knackpunkt
Tatsächlich ziehen schon seit 2012 wieder mehr Stuttgarter in die Region. Seit 2020 schrumpfen viele Großstädte, Stuttgart tat dies um etwa 11 000 Einwohner. Setzt sich dieser Trend nach der Pandemie fort?
„Ein Knackpunkt ist insbesondere bei Familien oft die Geburt des zweiten Kindes“, sagt Marcus Nickel. Wenn die Wohnung zu eng wird, das größere Heim nicht verfügbar oder unbezahlbar ist – dann kommt es zum Wohnort-, oft auch zum Arbeitgeberwechsel. Ganz neu ist das nicht, in der Krise aber ein größeres Problem – weil Arbeitgebern womöglich der Spielraum fehlt, hohe Wohnkosten mit Lohnsteigerungen aufzufangen.
Das sagt Nopper
Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) sagte zu der Studie, Stuttgart sei „eine Boomtown mit allen Vor- und Nachteilen“. Wenn mehr Arbeitnehmer und Studierende dazukommen als Wohnungen, sei das „unter dem Aspekt der sozialen Ausgewogenheit und des Gewinnens und Haltens von Fachkräften hochproblematisch“.
Wo aber sollen die neuen, bezahlbaren Wohnungen entstehen? Zwar gibt es im Stadtgebiet noch unbebaute Flächen, die müssen jedoch vielfach für die Frischluftzufuhr des Talkessels freigehalten werden. Der Erhalt von Natur und Landschaft spielt auch für die Einwohner eine Rolle: Die von PwC Befragten beispielsweise sind gespalten in der Frage, ob in der Region Stuttgart neue Wohngebiete oder Naturschutz Vorrang haben sollen – im Rhein-Main-Gebiet würden zwei Drittel eher die Natur schützen.
Sozialwohnungen ein „gewaltiger finanzieller Kraftakt“
Frank Nopper verweist auf „geradezu einzigartige Chancen im Bereich Stuttgart-Rosenstein und der sogenannten Neckarcity“. Zur Kritik, die öffentliche Hand tue zu wenig, sagt der OB, die in den neuen Quartieren geplanten 2400 bezahlbaren Wohnungen der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft SWSG seien „ein gewaltiger finanzieller Kraftakt“, an dem die Stadt festhalten wolle.
Will die Stadt keine Arbeitnehmer verlieren, bleibt ansonsten nur noch Nachverdichtung. Bis zu 18 800 zusätzliche Wohneinheiten seien möglich, hat die städtische „Potenzialanalyse Wohnen“ ergeben – bei einem Bedarf von 13 400 bis 22 400 Wohnungen, je nach Bevölkerungsentwicklung. Damit möglichst niemand wegzieht, weil er keine Wohnung findet, sieht Marcus Nickel von PwC die Verwaltung in der Pflicht, etwa beim Thema Baugenehmigungen. Und er hat einen Tipp: Die Wirtschaft realisiere gerade, dass Fachkräfte- und Wohnungsmangel zusammengedacht werden müssen, „und viele Unternehmen sind bereit, Verantwortung zu übernehmen“ – sprich zu investieren.