Besichtigung zum Spatenstich: Das Interesse der Bürger war groß. . . Foto: Stefanie Schlecht
Im Westen des Landkreises Böblingen entsteht eine relevante Drehscheibe für das Stromnetz. Den Spatenstich für die Modernisierung des Umspannwerks nutzen etliche Jettinger für einen Blick hinter den Anlagenzaun – und der Bürgermeister für kritische Worte.
Käthe Ruess
04.04.2024 - 16:21 Uhr
Seit Jahren wird die Energiewende geplant – im Oberjettinger Umspannwerk wird nun einer der Bausteine „von der Papierlage in die Realität“ überführt, so Werner Götz, der Vorsitzende der Geschäftsleitung des Übertragungsnetzbetreibers Transnet BW beim symbolischen Spatenstich am Mittwochnachmittag. Der Knotenpunkt zwischen Höchstspannungsübertragungsnetz und Verteilnetzen werde dadurch zu einer „relevanten Stromdrehscheibe“.
Konkret wird die bestehende 380-Kilovolt-Freiluft-Schaltanlage bis 2031 komplett erneuert und erweitert. Die ersten Erdarbeiten entlang der Straße nach Herrenberg für das 180-Millionen-Euro-Projekt auf der zwei Hektar großen Erweiterungsfläche sind bereits zu sehen. Um den Betrieb am Laufen zu halten, wird zuerst der Erweiterungsteil errichtet. Ab 2026 werden dann die seit über 50 Jahren bestehenden sieben Schaltfelder sukzessive durch moderne Nachfolgebauten ersetzt, ebenso die beiden Transformatoren.
Blick hinter den Anlagenzaun
„Am Ende des Tages entsteht ein komplett neues Umspannwerk“ mit zwölf ausgebauten Schaltfeldern, erläuterte Transnet BW-Projektleiter Markus Bökle bei einer der Führungen durch das Werk. Mehr als 100 Interessierte nutzten den Spatenstich, um hinter den Anlagenzaun zu schauen.
Neben diesem Ersatzneubau wird auf dem Gelände bereits bis 2028 eine zusätzliche sogenannte Statcom-Anlage der neusten Generation errichtet. Diese sorgt für Spannungs- und Frequenzstabilität, wenn es zu einem Ungleichgewicht zwischen Erzeugung und Verbrauch im Stromnetz kommt. „Früher haben das die großen Kraftwerke miterledigt“, erläuterte Statcom-Projektleiter Lukas Kaiser. Mit der vermehrt dezentraleren Stromerzeugung falle diese Aufgabe nun immer mehr den Übertragungsdienstleistern zu.
. . . die Sorge der Landwirte ist es noch. Sie möchten nicht noch mehr Flächen verlieren. /Stefanie Schlecht
„Der Ehrlichkeit halber: Den Platz nehmen wir uns von der Landwirtschaft“, machte Götz beim Festakt vor dem keinen Hehl daraus, dass die Energiewende zusätzliche Flächen benötigt. Daher könne er die Skepsis, die er in den Gesichtern der Anwesenden ausmachte, gut nachvollziehen, betonte er. Diese steht vor allem in Verbindung mit der Gleichstromtrasse Südwestlink.
Mit dieser soll Windenergie aus dem Norden Deutschlands möglichst verlustarm über 730 Kilometer bis nach Jettingen transportiert werden und im Umkreis von zehn Kilometern des Umspannwerks wieder in Wechselstrom umgewandelt werden. Auch wenn der genaue Standort noch nicht feststeht, klar ist bereits, dass für diese Konverterhallen zwischen acht und 15 Hektar Fläche benötigt werden – je nachdem, ob von dort aus über eine zweite Gleichstromtrasse eine Verbindung mit der Schweiz geschaffen wird oder nicht. Wie berichtet, hat die Schweizer Seite ihre Bedarfsplanungen dazu noch nicht abgeschlossen.
Mitten im „Infrastruktur-Tsunami“
Ohne den Veranstaltungsablauf zu stören, protestierten daher Landwirte aus Jettingen mit mehreren Traktoren vor dem Gelände gegen den Verlust weiterer landwirtschaftlicher Flächen. Dass es insbesondere im von Industrie geprägten Landkreis Energie und moderne Netze braucht, darin waren sich Landrat Roland Bernhard und Jettingens Bürgermeister Hans Michael Burkhardt in ihren Grußworten einig. Allerdings: „Es darf nicht zu viel werden“, machte Burkhardt für seine Kommune deutlich – denn die Gemeinde befinde sich inmitten eines „Infrastruktur-Tsunamis“.
Die 2011 freigegebene nördliche Umgehungsstraße, das interkommunale Gewerbegebiet auf und neben der ehemaligen Eisbergkaserne, die Pläne einer Schienenverbindung zwischen Herrenberg und Nagold sowie 20 Prozent der Gemarkungsfläche als Vorrangfläche für Windenergie – für all diese Vorhaben würden Flächen auf der Gemarkung beansprucht, zählte Burkhardt auf.
Was kriegt die Gemeinde?
Mit Blick auf die „gute alte EVS“ und ihr damals begehrtes Umspannwerk, das in den 1970ern im Paket mit Arbeitsplätzen, Gewerbesteuereinnahmen sowie Mitarbeiterwohnungen in die Gäugemeinde kam, gab der Rathauschef den Transnet BW-Vertretern mit auf den Weg, an das damalige „Erfolgskonzept“ anzuknüpfen. Denn die Gemeinde wolle für die Übernahme gesamtgesellschaftlicher Verantwortung „auch etwas von diesem Projekt haben“. Die Zusage von Werner Götz, im weiteren Planungsprozess offen und ehrlich zu kommunizieren sowie zuzuhören und „soweit es technisch und genehmigungsfähig möglich ist, Ihre Belange zu integrieren“ konnten die Anwesenden immerhin schon mal mitnehmen.