Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern Stuttgarter Schlossgarten als Gefahrenzone?
Im Schlossgarten tummeln sich Radfahrer und Fußgänger. Daten der Polizei zeigen nun erstmals, wie viele Unfälle dort passieren – und wo.
Im Schlossgarten tummeln sich Radfahrer und Fußgänger. Daten der Polizei zeigen nun erstmals, wie viele Unfälle dort passieren – und wo.
Stuttgart - Im kürzlich aktualisierten Unfallatlas des Statistischen Bundesamts ist der Stuttgarter Schlossgarten eine unfallfreie Zone. Zwar werden auf der Karte mittlerweile fürs gesamte Bundesgebiet sämtliche von der Polizei erfassten Unfälle mit Personenschaden einzeln verortet – aber eben nur Straßenverkehrsunfälle. Wenn es auf Waldwegen oder in Parks kracht, können die Koordinaten nicht zugeordnet werden. Der Unfall wird nicht dargestellt.
Daten der Polizei, die das Statistische Landesamt unserer Zeitung zur Verfügung gestellt hat, zeigen: zwischen 2016 und 2020 wurden im Schlossgarten 74 Unfälle gezählt mit 20 Schwer- und 66 Leichtverletzten. In 69 Fällen waren laut Einschätzung der vor Ort eingesetzten Beamten Rad- oder Pedelecfahrer Schuld, in fünf Fällen Fußgänger.
Laut Statistik stießen in den vergangenen fünf Jahren im Schlossgarten 18 Mal Radfahrer und Fußgänger zusammen. Ist der Schlossgarten also eine Gefahrenzone, ein Unfallschwerpunkt? Nicht im Terminus der Fachleute, die eher Kreuzungen betrachten. Die Unfälle verteilen sich denn auch auf die gesamten Parkanlagen. Zumindest zur gefühlten Wahrheit mag es für viele jedoch gehören, dass das Neben- und Miteinander von Fuß und Rad im Schlossgarten unfallträchtig ist.
Für die 74 von der Polizei erfassten Unfälle im Park liegen die exakten Koordinaten vor. Der genauere Blick zeigt, dass einige Stellen offenbar gefährlicher sind als andere. Vor allem im Oberen und Mittleren Schlossgarten sowie bei der Jugendverkehrsschule ballen sich die Unfallspots. Die meisten Unfälle werden am Ferdinand-Leitner-Steg gezählt, ähnlich viele am Eckensee und an der Jugendverkehrsschule. Sind das die Hotspots im Schlossgarten?
Die Verkehrspolizei relativiert: Beim Ferdinand-Leitner-Steg seien in vier Fällen Radfahrer alleine verunglückt und dabei teils alkoholisiert gewesen; am Eckensee sei meist ein nasser Untergrund das Problem. An der engen Stelle bei der Jugendverkehrsschule kämen sich Radler und Fußgänger in verschiedenen Konstellationen in die Quere, teils auch Radfahrer mit Radfahrern.
Die Gründe für die Crashs sind also vielfältig. Neu ist das Thema Unfälle im Schlossgarten nicht. „Radfahrer – eine Gefahr für Fußgänger“, überschrieben im Juli 1983 die Stuttgarter Nachrichten einen Beitrag zur Verkehrssicherheit im Schlossgarten, wenig später zog die Stuttgarter Zeitung fast gleichlautend nach. Die Zahl der Unfälle stieg jahrelang, ebenso die der Beschwerden von Fußgängern über Radfahrer „in Wildwest-Manier“, über die die Cannstatter Zeitung im September 1991 berichtete.
Tatsächlich sind nach Einschätzung der Polizei Radfahrer im Schlossgarten eher die Unfallverursacher als Fußgänger. Was tun? Schon vor 40 Jahren dachte man über Markierungen auf den asphaltierten Wegen nach, um Rad- und Fußverkehr zu entflechten – ohne Ergebnis. Ein Mitarbeiter der Straßenverkehrsbehörde wurde mit den Worten zitiert, man könne nur an die Vernunft der Radfahrer appellieren.
Könnte man den Rad- und Fußverkehr nicht entflechten? Schon 1983 hieß es in der Stuttgarter Zeitung, „nur einzelne Wege für Radfahrer zuzulassen, hat sich nicht bewährt“. Eine Polizeisprecherin erklärt jetzt, getrennte Rad- und Fußwege seien „grundsätzlich zielführend, aber in den Anlagen selbst räumlich nicht umsetzbar“. Auch die Radfahrervereinigung Zweirat hält eine Teilung „nicht für sinnvoll, da die Wege zu Stoßzeiten bereits stark ausgelastet sind“. Stattdessen schlägt sie einen Radschnellweg auf der B14 vor, der auf Kosten des Platzes für Autofahrer ginge.
Konsens ist, dass der Ferdinand-Leitner-Steg ein gefährliches Nadelöhr ist. Eine Verbreiterung scheide aus Denkmalschutzgründen aus, heißt es von Polizei und Verkehrsbehörde. Die Radfahrer würden dagegen die Verkehrssicherheit höher gewichten und „sehen den Denkmalschutz auch nicht als ausreichendes Argument, um eine sichere Lösung gar nicht erst zu versuchen“. Möglicherweise könne der Verkehr über den Gebhard-Müller-Platz und dann weiter über die Willy-Brandt-Straße (B 14) geführt werden. Entsprechende Pläne für den Bereich Planetarium und Innenministerium gibt es bereits.
Als „systematischen Fehler“ bezeichnet Zweirat „die Durchmischung von Hauptradroute und Naherholung mit grundsätzlich unterschiedlichen und auch widersprüchlichen Anforderungen an den Verkehrsraum“. Das sieht man auch in der Stadtverwaltung so, nur dass dort niemand über einen Radweg auf der B14 spricht.
Das Konzept müsse stimmig sein, unter den gegebenen Umständen sei aber nichts Besseres möglich. Im Rathaus bezweifelt man auch, dass Radfahrer wirklich auf die zum Rosensteinpark ansteigende Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Allee umsteigen würden, wenn diese für den Fußverkehr im Gegenzug die anderen Wege für Radfahrer gesperrt würden. Zumal der von der Neckarstraße kommende Radverkehr erst dorthin geleitet werden müsse.
Stattdessen baue man darauf, dass dank Stuttgart 21 eines Tages die Bahntrasse frei wird, heißt es aus dem Rathaus. Dort soll irgendwann der Radschnellweg verlaufen. Bis es soweit ist, begegnen sich Spaziergänger, Freizeitradler und Radpendler auf denselben Wegen. Drei bis vier Zusammenstöße von Radfahrern und Fußgängern pro Jahr sind der Preis dafür.