Ungleiche Bildungschancen: Zu viele Migrantenkinder auf der Förderschule

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Migrantenkinder werden unverhältnismäßig häufig auf Sonderschulen geschickt. Das beklagt die SPD in Baden-Württemberg. Doch die Regierung erkenne das Problem gar nicht.

Flüchtlinge lernen in eigenen Sprachlernklassen Deutsch. Foto: dpa
Flüchtlinge lernen in eigenen Sprachlernklassen Deutsch. Foto: dpa

Stuttgart - Unverhältnismäßig viele Kinder mit Migrationshintergrund besuchen in Baden-Württemberg eine Sonderschule. 37,5 Prozent der Schüler an den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) haben ausländische Wurzeln. Das geht aus einer Antwort des Kultusministeriums auf eine Anfrage der SPD-Landtagsfraktion hervor, die unserer Zeitung vorliegt.

Besonders hoch ist der Anteil mit mehr als 40 Prozent an den Förderschulen für lernschwache Schüler. Der Prozentsatz stieg der Statistik zufolge von 35,7 im Schuljahr 2014/15 auf 38,5 im Schuljahr 2016/17 und lag im vergangenen Schuljahr bei 40,3 Prozent. An den Sonderschulen mit Förderschwerpunkt Sprache hatten im Schuljahr 2017/18 gut 35 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund.

Überproportional stark vertreten sind Kinder mit ausländischen Wurzeln auch an Haupt- und Werkrealschulen. Dort hat fast jeder zweite Schüler (48,3 Prozent) einen Migrationshintergrund, an den Gymnasien sind es 13,5 Prozent. Das Statistische Landesamt beziffert den Migrantenanteil in der Bevölkerung im Südwesten im Jahr 2017 auf 30,9 Prozent.

SPD verlangt Unterstützungsstrukturen

Die SPD im Land beklagt gegenüber unserer Zeitung, die Antwort des Ministeriums zeige „wie massiv das Defizit an Bildungsgerechtigkeit im Land ist“. Der Bildungsexperte Gerhard Kleinböck hält fest: „Baden-Württemberg ist ein Einwanderungsland, unser Schulsystem trägt dieser Realität aber offensichtlich nicht ausreichend Rechnung.“

Sein Abgeordnetenkollege Daniel Born fordert, „wir müssen nachhaltige Strukturen aufbauen, um die Kinder mit Migrationshintergrund besser zu unterstützen“. Er sieht den Schlüssel in der Sprachförderung: „Die muss bereits in der Kita beginnen“, sagt Born. Ein Drittel der Kinder zeige bei der Einschulungsuntersuchung intensiven Sprachförderbedarf. „Trotzdem erhöht die Landesregierung die Mittel in diesem Bereich nur um 3,5 Millionen Euro“, bemängelt Born. „Wenn die gezielte Förderung im Kleinkind- und Vorschulalter ausbleibt, kämpfen die Kinder oft direkt ab der Einschulung in vielen oder gar allen Fächern“.

Die SPD fordert außerdem, dass die etwa 1000 Lehrer, die Flüchtlingsklassen unterrichten und nur befristet eingestellt sein, dauerhafte Verträge erhalten.

Kultusministerin legt Schwerpunkt auf Sprachförderung

Die Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) teilt den Befund, hält aber bei den Ausgaben dagegen. In dem neuen Pakt für gute Bildung und Betreuung werde nicht nur die Sprachförderung sondern auch die elementare Förderung intensiviert. Dazu gehören Motorik, soziale Fähigkeiten und mathematische Vorläuferkompetenzen. Insgesamt gebe das Land dafür sieben Millionen Euro mehr aus.

Aktuell sind im Landesetat 27,5 Millionen Euro für die frühe Sprachförderung reserviert. „Die Förderung der deutschen Sprache steht im Mittelpunkt unserer Bildungspolitik, wir setzen bewusst einen Schwerpunkt auf die frühe Sprachförderung“, sagte Eisenmann unserer Zeitung. Unter Berufung auf aktuelle Bildungsstudien betonte sie: „Eine frühzeitige, intensive deutsche Sprachförderung ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass herkunftsbedingte Ungleichheiten in der Bildung nicht weiter zunehmen.“ Das gelte für Kinder mit und ohne Migrationshintergrund.