Unruhe in Oberschwaben Mit „PR-Drecksau“ gegen großes Naturreservat

Vorbild für Oberschwaben: das Biosphärengebiet Schwäbische Alb Foto: Horst Rudel/Horst Rudel

Soll Oberschwaben ein großes Biosphärengebiet werden? Ein illustrer Berater macht Stimmung gegen die umstrittenen Pläne der grün-schwarzen Regierung. Wer steckt hinter der beispiellosen Negativkampagne?

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Andreas Müller (mül)

Wenn der „Sphärman“ zuschlägt, wird es schnell persönlich. Die Protagonisten des möglichen Biosphärengebiets Allgäu-Oberschwaben geht der Newsletter- und Blogautor gerne frontal an. Zum Beispiel den Tübinger Regierungspräsidenten Klaus Tappeser (CDU) als Chef der zuständigen Mittelbehörde. Nach seinem „Scheitern“ als Politiker nutze der „sein prunkvoll ausgestattetes Amt für exzessive Selbstdarstellung“. Womöglich brauche Tappeser das Projekt als Sprungbrett für höhere politische Weihen.

 

Oder den Leutkircher Brauereichef Gottfried Härle, einen der prominentesten Fürsprecher des Reservats. Der Grüne wird mal eben geschmäht als „Herzeigeunternehmer im Dienste herzergreifender Nachhaltigkeitspropaganda, der seinen Betrieb grüner schwindelt, als er ist“. Ihn treibe wohl die Hoffnung auf „üppige Subventionen aus allerlei Fördertöpfen“. Tappeser erscheint dazu im Bild als absolutistischer Herrscher mit Krone, Härle als „Lügenbaron“ auf der Kanonenkugel. Substanz haben Spekulationen und Vorwürfe kaum: Mit 66 Jahren dürfte der Regierungspräsident am Ende seiner Karriere angelangt sein, und bei der Brauerei geht es um die komplexe Definition von Ökostrom. Aber das scheint egal, lustvoll werden die Akteure abgewatscht.

Nichts einzuwenden gegen „medialen Auftragskiller“

Wer sich hinter dem Kunstnamen „Sphärman“ verbirgt, wird offen ausgewiesen: Marcus Johst aus Berlin, einst Journalist mit Station auch bei der Stuttgarter Motorpresse und seit Langem Kommunikationsberater. In seiner Branche gehört der gebürtige Österreicher (Jahrgang 1966) zu den schillernden Figuren. Als Spezialität nennt er „Fälle, in denen die herkömmliche PR nicht mehr hilft“. Bei Twitter firmierte er einst als „PR-Drecksau“, auch gegen die Bezeichnung als „medialer Auftragskiller“ hat er nichts einzuwenden. Wenn man im Netz nach ihm suche, sagte er in einem Interview, finde sich „viel Zeug über und gegen mich, von Leuten, die halt sauer sind“.

Tatsächlich hat er wiederholt mit illustren Kampagnen von sich reden gemacht. Mal legte er sich für einen Erfinder ins Zeug, der mit Elementarteilchen die Energieversorgung revolutionären wollte, aber schon als Sponsor des Bundespresseballs patzte, mal für einen Hersteller von Babynahrung, in dessen angeblichem Biobrei sich Rückstände von Pestiziden fanden. Die Vorwürfe habe er neutralisiert, rühmte er sich, indem er eine Stasiverbindung bei der PR-Agentur des dahinter steckenden Konkurrenten offenlegte. Unter Dauerfeuer nahm Johst einen Unternehmer, von dem er sich betrogen fühlte; in Blogs brandmarkte er ihn als „Börsenhallodri“ und „Kursvernichter“.

Vorhaben wird massiv mit Negativ-PR bekämpft

Was aber führte den Berliner ins ferne Oberschwaben? Weshalb interessiert er sich für die Überlegungen der grün-schwarzen Koalition, die Gegend um mehrere Moore als drittes Biosphärengebet neben Schwäbischer Alb und Südschwarzwald auszuweisen? Um die derzeit in einem „Prüfprozess“ befindlichen Pläne wird vor Ort zwar höchst kontrovers diskutiert, doch bis in die Hauptstadt ist der Protest wohl nicht gedrungen. Er sei auf einer Reise in Kontakt mit Betroffenen gekommen, gibt Johst an. Seither betrachtet er es als seine Mission, dem „erschütternden Informationsdefizit“ zu begegnen und den Sinn des Biosphärengebiets zu erkunden. Die Antworten auf seiner Webseite und den breit gestreuten Newslettern fallen ganz ähnlich aus wie die der Gegner: Ein „Irrsinn“ sei das Vorhaben, für die Region bedeute es keinen Mehrwert, vielmehr drohten unzumutbare Beschränkungen.

Die Lesezahlen sind bisher überschaubar, doch Johsts Aufwand dürfte erheblich sein. Ausführlich und mit vielen Insiderinformationen berichtet er über das Geschehen vor Ort, fast durchweg tendenziös. Noch selten dürfte ein Vorhaben der Politik derart systematisch mit Negativ-PR bekämpft worden sein. Mit den Online-Spenden, zu denen der Autor aufruft, dürfte sich die Arbeit kaum finanzieren lassen. Immer lauter wird daher in Oberschwaben nach möglichen Auftrag- und Geldgebern hinter ihm gefragt. Gäbe es sie, dann wäre die Kampagne ein Verstoß gegen gleich mehrere Standards der PR-Branche – vorneweg das Gebot der „Absendertransparenz“. Das Publikum soll wissen, wer welche Botschaften verbreiten lässt. Gibt es Auftraggeber? Von Johst erfährt man dazu nichts, auf mehrere Anfragen unserer Zeitung reagierte er nicht.

Die Allianz der Gegner will nicht dahinterstecken

In der Region selbst ist die Suche kaum ergiebiger. Gegner und Skeptiker haben sich in einer Allianz der Landeigentümer und Bewirtschafter formiert, vor allem aus Waldbesitzern, Forstleuten und Bauern. Sie fürchten „existenzielle Einschränkungen“, wenn das Biosphärengebiet kommt; über ihre Heimat werde dann in Stuttgart, Berlin oder Brüssel entschieden. Zuletzt forderte das Bündnis sogar einen Stopp des ergebnisoffenen Prüfprozesses. Sein Sprecher Michael Fick ist der Förster des Fürstenhauses Waldburg-Zeil, dessen Chef schon früh einen Protestbrief an den Ministerpräsidenten geschickt hatte. Ob die Allianz den PR-Experten beauftragt habe und bezahle? Nein, versichert Fick. Bei den einzelnen Mitgliedern habe er freilich keinen Einblick. Johsts Darstellungen seien „inhaltlich korrekt“, Stil und Ton wolle man nicht kommentieren. Das Bündnis bevorzuge einen anderen Stil, nämlich den „sachlichen Dialog“.

Ob sein Chef und dessen Firmen, Erich Fürst von Waldburg zu Zeil und Trauchburg, hinter dem „Sphärman“ stecke? Die Nachfrage dazu bleibt unbeantwortet, ebenso wie eine Anfrage beim Bauernverband Allgäu-Oberschwaben. Dessen Chef Franz Schönberger kandidiert wie Fick bei den Kommunalwahlen für die CDU. In der Partei gibt es freilich nicht nur offene Gegner des Reservates oder Skeptiker wie Agrarminister Peter Hauk und den Abgeordneten Raimund Haser, sondern auch Fürsprecher. Der Bürgermeister von Fleischwangen, Timo Egger, warnte eindringlich vor einem Stopp des Prüfprozesses: Man solle Vor- und Nachteile gründlich abwägen und erst dann entscheiden; gegen den klaren Willen der Betroffenen geschehe nichts. Im Grunde, sagt der Sprecher der Rathauschefs in dem Verfahren, gehe es doch „um ein Angebot des Landes an uns“.

Was weiß die „Schwäbische Zeitung“?

In der aufgeheizten Debatte hat es auch das Heimatblatt, die „Schwäbische Zeitung“, nicht leicht. Ihr Mitverleger ist einerseits der Fürst Waldburg-Zeil, bei dem der Sprecher der Kritiker angestellt ist. Andererseits wirft ihr der „Sphärman“ vor, einseitig die regierungsamtliche Sichtweise zu verbreiten und das Projekt kaum zu hinterfragen. Tatsächlich bemüht sich die Redaktion erkennbar um einen neutralen, alle Lager berücksichtigenden Kurs. Auf die Aktivitäten von Johst ist sie bisher nicht eingegangen. Nur ein Satz findet sich in einem Beitrag des zuständigen Redakteurs: „Von Kritikern des Biosphärenreservats wurde außerdem ein PR-Spezialist auf das Vorhaben angesetzt.“ Weiß die Zeitung womöglich mehr? Nicht „im Detail“, teilt deren Chefredakteur Jürgen Mladek mit. Wie auch sonst sei man bei dem Thema unabhängig: Es gebe keinerlei Vorgaben für die damit betrauten Kollegen.

Die Attackierten vermeiden es derweil, direkt auf die Angriffe einzugehen; das würde den Verfasser nur unnötig aufwerten. Einmal hat der Brauereichef Härle einen Anwalt beauftragt, gegen eine glatte Falschbehauptung vorzugehen; die Unterlassungserklärung sei wie gefordert abgegeben worden. Der Regierungspräsident Tappeser bemüht sich derweil, die Wogen zu glätten. In dem „hochdemokratisch“ angelegten Verfahren kämen alle zu Wort, man möge, mahnt er, „respektvoll miteinander umgehen“.

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