Vor dem Eingang der Brauerei, die 1888 von Carl Dinkelacker gegründet wurde, steht auch schon Colin. In Jeans und T-Shirt gekleidet, reicht er den Schlüssel durch das Drehkreuz und gewährt Eintritt in sein neues Reich – wobei so neu ist es für ihn ja gar nicht. „Ich bin ja quasi hier aufgewachsen“, erzählt der Ur-Urenkel des Gründers lachend.
„Der Chefposten kam unerwartet“
Seit September ist der 29-Jährige nun mit seinem Geschäftsführer-Kollegen Ralph Barnstein an der Spitze des Familienunternehmens. Er ist verantwortlich für die Bereiche Verwaltung, Vertrieb und Marketing. „Der Chefposten kam unerwartet“, gibt Colin zu und ergänzt, dass es ihm aber richtig viel Spaß machen würde. Nach Mode in Metzingen und Schokolade in Waldenbuch ist er nun für Bier verantwortlich – und das während einer weltweiten Pandemie.
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Viele Mitarbeiter kennt er schon seit Ewigkeiten, denn seinen ersten „Arbeitstag“ hatte er bereits mit 15 Jahren. „Ich habe in den Herbstferien in der Produktion und Flaschensortierung gearbeitet“, erzählt er. Nach dem Abi folgt ein kleines Praktikum. „Richtig schön ist, dass ich die Leute hier schon seit Ewigkeiten kenne – und sie mich auch, seit ich ein Knirps bin.“
„Es gibt noch viel zu tun“
Welche Vorteile man als Spross einer Familienbrauerei hat, konnte Colin mit 15 Jahren erfahren, als er mit seinen Kumpels von Mitarbeitern ins Volksfestzelt reingeschmuggelt wurde. Und doch zeigt er sich bescheiden und bodenständig, will sich nicht mit einem Namen schmücken, der in Stuttgart von fast jeder Fassade grüßt und so manche Gastro schmückt.
Im Besprechungsraum, der im Erdgeschoss der Brauerei liegt, schmückt etwas ganz anderes die Wände. Dort hängt – fein und künstlerisch aufgemalt – die neue Unternehmensstrategie als buntes Plakat. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt Colin und erzählt von der toughen Corona-Zeit, in der der studierte Betriebswirt als Geschäftsführer übernahm.
Die Deutschen trinken immer weniger Bier
„Wir sind noch nicht wieder am gleichen Niveau, es gibt keine Feste, keine Clubs, das Volksfest wurde wieder abgesagt.“ Doch er nutzt die Zeit mit seinem Team und arbeitet eine neue Strategie aus, die man nun an der Wand bewundern kann. „Durch die Workshops haben wir uns alle auch gleich richtig kennengelernt“, sagt er.
Auf dem Plakat steht auch das Wort Angriff. „Wir wollen die Brauerei mit dem besten Kundenerlebnis werden“, sagt Colin und erzählt, dass sich die Brauerei nun wieder vermehrt mit dem Konsumenten beschäftigen will. Der Biermarkt ist seit 1993 rückläufig, die Menschen trinken jedes Jahr immer weniger Bier. „Eine richtige Schande“, sagt Colin lachend.
„Wir wollen Wulle“ als Auto-Ohrwurm
Gerade, weil Bier rückläufig ist, will Colin nächstes Jahr neue Getränkesorten erschließen. „So können wir vom Biermarkt unabhängiger werden“, erklärt der Geschäftsführer. Hard Seltzer lautet die Zauberformel. Dabei handelt es sich um kohlensäurehaltiges Wasser, Alkohol und Geschmacksrichtungen wie Limette, Passionsfrucht oder Minze.
Den Trend, Getränke für Rapper zu machen, findet Colin cool, denn so könne man Künstlern eine Plattform bieten – und die Konsumenten würden auch gut darauf reagieren. Auf die Frage, wer denn sein liebstes Bier-Testimonial wäre, kommt prompt eine Antwort. „Auf jeden Fall die Stuttgarter Punkrock-Band Schmutzi“, so Colin. Er hört ihren Song „Wir wollen Wulle“ gern beim Autofahren – zum Leidwesen seiner Freundin, die sich dann über den Ohrwurm beklagt. „Zum Glück gibt es auch noch eine CD von Andrea Bocelli“, sagt Colin, der sich als Klassikfan outet.
Weißwurstfrühstück im Lautenschlager
CD, Schwaben Bräu, Wulle, Sanwald, Cluss und Haigerlocher – die Dinkelacker-Produktpalette bietet so einiges, doch was trinkt Colin eigentlich am liebsten? „Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, gibt es für mich nichts Besseres als ein gekühltes Wulle, in der Gastro trinke ich gern ein frisch gezapftes Pils oder das Schwaben Bräu Original aus der Ploppflasche.“
Apropos Gastro: Wo trifft man den Brauerei-Chef, wenn er nicht gerade an neuen Produkten feilt? „Zum Frühstück in der Metzgerei, mittags Pizza am Marienplatz oder abends zu José y Josefina – wir sind sehr experimentierfreudig“, erzählt er. Besonders auf das Weißwurstfrühstück im kürzlich eröffneten Lautenschlager freut er sich. „Es ist auch ein Wahnsinn, wie sich die Tübinger Straße zur Gastromeile entwickelt hat – man kann im Prinzip von der Königstraße bis zum Marienplatz Zickzack laufen.“ Und mittendrin ist seine Brauerei, die mit einem 29-jährigen Geschäftsführer und seinem Hund Anton ziemlich gut in die hippe Gegend passt.
„Die Stadt kann ein wenig Grün vertragen“
Was hat sich für ihn persönlich geändert, seitdem er Chef ist? „Von der Einstellung und im Umgang nichts, ich arbeite hier so wie alle anderen auch“, so Colin. „Klar, die Verantwortung hat zugenommen, besonders während Corona bin ich mit vielen Gedanken ins Bett gegangen und auch wieder mit ihnen aufgewacht. Man denkt auch am Wochenende ans Büro. Aber es ist gut, denn alle ziehen mit“, sagt er mit sichtlichem Stolz, während wir zum Ausgang laufen. Auf dem Weg nach draußen hält er plötzlich an und zeigt auf Tröge in der Einfahrt. „Wir haben hier Hopfen angepflanzt“, sagt er stolz und streichelt über die Pflänzchen. „Stuttgart kann ein wenig Grün vertragen.“