Nikolaus Tschenk, der Abgeordnete der Grünen im Landtag, hat am Mittwoch, 5. Dezember, im Paracelsus-Gymnasium Hohenheim unterrichtet.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)

Plieningen - Der Aushilfslehrer bemüht sich um die Aufmerksamkeit der vorletzten Reihe. Denn dort wird getuschelt und auf dem Handy herumgetippt. Nikolaus Tschenk erklärt gerade den Unterschied zwischen Bundestag und Bundesrat. Und er sagt, dass es zustimmungspflichtige Gesetze gibt. Was darunter denn zu verstehen sei? „Weiß das die vorletzte Reihe vielleicht?“, fragt Tschenk. „Ja klar“, sagt einer der fünf Jungs. „Gesetze, die eine Zustimmung brauchen.“ Die Klasse lacht.

Das klingt nach normalem Schulunterricht. Ist es aber nur fast. Denn der Lehrer dieser Doppelstunde am Paracelsus-Gymnasium Hohenheim (PGH) war am Mittwoch, 5. Dezember, Nikolaus Tschenk, Landtagsabgeordneter der Grünen. Er hat bei der Jahrgangsstufe 1 – früher die elfte Klasse – eine Doppelstunde Gemeinschaftskunde unterrichtet.

Tschenk sucht den Kontakt zu den Jugendlichen

Das kann Tschenk von Berufs wegen. Der 59-jährige Sonnenberger hat bis zum vergangenen Schuljahr an der Waldorfschule Backnang gearbeitet. Er ist aber nicht nur gekommen, weil ihm sein Platz an der Tafel fehlt. „Ich kann auch gut ohne“, wird er nach den beiden Schulstunden im PGH sagen. Tschenk ist der Einladung gefolgt, weil er den Kontakt zu den Jugendlichen sucht. „So können sie Politiker hautnah kennenlernen“, sagt er.

Die Jungs in der vorletzten Reihe hören auf, Autoembleme zu zeichnen, als die anderen in der Klasse über die NPD diskutieren. Das finden die Jugendlichen spannend, da gehen die Arme nur so in die Höhe. Die einen sagen, die Partei gehöre verboten, weil sie gezielt junge Leute verführe. Andere erwidern, dass in Deutschland auch Parteien zugelassen sein sollten, die andere Meinungen vertreten als die Mehrheit der Bürger. So geht es hin und her. Und Nikolaus Tschenk steht vorn, hört zu, nickt und ruft den Nächsten auf.

Es gibt ganz offensichtlich Themen, bei denen die PGH-Schüler das Handy beiseite legen, um mitzureden. Dazu gehört auch die Bildungspolitik. In Baden-Württemberg wird diese seit einer Weile von zwei Themen beherrscht: Ganztagsschule und Gemeinschaftsschule. „Hat denn schon mal einer uns Schüler gefragt?“, fragt einer. Das Stimmungsbild scheint eindeutig: gegen die Gemeinschaftsschule. Die Schüler befürchten einen Mischmasch der Leistungen, das Niveau sinke automatisch.

Kein Wahlkampf im Klassenzimmer

Mit dieser Haltung sind sie gegen die Position, die Tschenks Partei und die SPD vertreten. Doch dies soll hier nichts zur Sache tun. Schließlich will Nikolaus Tschenk im Klassenzimmer keinen Wahlkampf machen. Sein Besuch am PGH ist übrigens nicht der einzige aus der Welt der Politiker. So waren in der Vergangenheit bereits die Bundestagsabgeordneten Ute Vogt (SPD) und Stefan Kaufmann (CDU) am Plieninger Gymnasium. „Wenn die Schule auf Ausgewogenheit achtet“, sieht Tschenk bei solchen Terminen keine Probleme. Er plant, möglichst alle weiterführenden Schulen in seinem Wahlkreis auf den Fildern zu besuchen. Und auch zu den Grundschulen will er den Kontakt suchen.

Die vorletzte Reihe ist mit der Zeit tatsächlich aufmerksamer geworden. Dafür albern nun die Jungs in der letzten Reihe herum. Ein Mädchen kämmt sich und lässt sich hinterher von einer Freundin einen Zopf flechten. Dass vorn ein Abgeordneter steht, stört sie nicht. Der ruft die letzte Reihe auf. Dabei grinst er, als wollte er damit sagen: Nur weil ich im Landtag sitze, kenne ich trotzdem die Tricks der Lehrer. Den Schüler dann dran nehmen, wenn er nicht damit rechnet.

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