Ursachen für Rechtsextremismus Worauf der Hass gedeiht

Rechtsextreme mit Russlandflagge in Chemnitz: Die Nähe zu autoritären Persönlichkeiten wie Wladimir Putin prägt große Teile des Milieus. Foto: imago/Härtel Press

Die Neigung zu Rechtsextremismus und Rassismus hat häufig psychologische Ursachen. Politische Entscheidungsträger sollten so manchen Ängsten und Hass also nicht allzu blind folgen, sondern sich vielmehr fragen, was die eigentlichen Ursachen sind.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Hunderttausende Menschen sind in den vergangenen Wochen in zig deutschen Städten gegen Rechtsextremismus auf die Straßen gegangen. Auslöser war die Recherche des Netzwerkes Correctiv über eine Art Geheimtreffen eines rechtsextremen Netzwerkes, das demnach Menschen mit anderer Herkunft aus Deutschland vertreiben will. Das hat bei vielen Bürgern Entsetzen ausgelöst – ebenso wie das Erstarken der AfD in Umfragen.

 

Seit der Gründung der in Teilen rechtsextremen Partei haben sich viele gefragt, wie deren Aufstieg verhindert werden kann. Man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen, forderten einige. Oder: Man müsse die Partei inhaltlich stellen. Keine dieser Strategien hat bisher Wirkung gezeitigt.

Politische Meinungen basieren vor allem auf individuellen Einstellungen

Denn in der Debatte wird oft vergessen, dass es nicht nur politische Entscheidungen sind, die das Wachsen von rassistischen und rechtsextremen Meinungen auslösen. Mehr Migration bedeutet schließlich nicht automatisch, dass alle Menschen ausländerfeindlich werden. Es sind vor allem individuelle Werte und Einstellungen eines Menschen, die in Krisenzeiten ein Abdriften in menschen- und demokratiefeindliche Ansichten begünstigen.

Diese inneren Einstellungen werden allerdings häufig von realen politischen Entscheidungen verstärkt. So schüren die alten Beschlüsse des Bundestages von 1982 über das Arbeitsverbot für Asylbewerber seit jeher in Teilen der Bevölkerung Vorurteile, Geflüchtete würden es sich auf Kosten der deutschen Bevölkerung bequem machen.

Dennoch ist Xenophobie, die Angst vor Fremden, teils tief in vielen von uns verwurzelt. „Manche Eigenschaften, Gefühle und Gedanken, die wir haben, wollen wir nicht spüren“, sagte der Psychoanalytiker Werner Bohleber in einem Interview mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Die ungewollten negativen Gefühle würden häufig externalisiert und auf andere Menschen übertragen. „Dafür eignet sich der Fremde, vor allem der ethnisch Fremde, ganz gut“, so Bohleber. Ethnisch Andersaussehende lösten häufig Verlust- und Abstiegsängste sowie Gefühle von Bedrohung und Hilflosigkeit aus. „Und Hilflosigkeit ist das stärkste Gefühl, um Angst zu erzeugen.“

Die Angst vor Fremden rührt also weniger aus schlechter Bildung oder geringen wirtschaftlichen Ressourcen, wie häufig angenommen wird. Eine etwas plumpe Antwort auf den Rechtsruck und sich ausbreitenden Rassismus ist auch: „Die Ampel muss weg!“ Mancher mag dabei vergessen haben, dass in 16 Jahren Merkel-Regierung der Aufstieg der AfD begann und sich seit den Pegida-Demonstrationen die Parole „Merkel muss weg“ in rechten Kreisen verbreitete.

Zudem kämpfen fast alle westlichen Demokratien in den vergangenen Jahren mit einem Erstarken von rechten Parteien. Die Ampel oder Merkel dienen daher in Deutschland lediglich als Projektionsfläche.

Abwertender Narzissmus begünstigt rechtsextreme Tendenzen

Entsprechende Einstellungen entstehen selten nur durch politische Entscheidungen – vielmehr sind sie bereits unterschwellig vorhanden. So kam zum Beispiel eine Studie von Politikwissenschaftlern der Universität Mainz 2020 zu dem Ergebnis, dass Menschen mit einer Ausprägung des Narzissmus, die mit einer starken Fremdabwertung und Rivalität als Persönlichkeitsmerkmal einhergeht, viel stärker zur Unterstützung von rechtsradikalen Parteien neigen als andere. Der Narzissmus beeinflusst das Wahlverhalten dabei nicht direkt, sondern über die persönliche Einstellungen,schreiben die Autoren in ihrer Studie, die im „European Journal of Personality“ veröffentlicht wurde.

Innerpsychische Gründe für autoritäres und extremistisches Gedankengut haben bereits der Philosoph und Soziologe Theodor Adorno und seine Kollegen im Rahmen der Studie „The Authoritarian Personality“ aus dem Jahr 1950 erforscht. Ihre Theorie der autoritären Persönlichkeit bezeichnet ein Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potenzial haben, antidemokratische und faschistische Einstellungen sowie Verhaltensweisen im Leben zu entwickeln. Als Ursache sahen die Wissenschaftler damals negative emotionale Erfahrungen in der Kindheit und Jugend sowie familiäre Prägungen.

Psychische Faktoren spielen eine Rolle

Heute wird noch immer gestritten, wie Autoritarismus entsteht, auch wird nicht mehr von einem „autoritären Charakter“ an sich gesprochen. Dennoch gilt Autoritarismus als das wichtigste Konzept zur Erklärung menschen- und demokratiefeindlicher Einstellungen. Der Sozialpsychologe Oliver Decker, Direktor des Kompetenzzentrums für Demokratieforschung und Rechtsextremismus an der Universität Leipzig, der mit seiner Arbeitsgruppe die „Mitte-Studien“ – Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen in der deutschen Gesellschaft – durchführt, meint: Wer verstehen wolle, woher die innere Bereitschaft so vieler Menschen komme, heute rassistischen und antidemokratischen Stimmen zu vertrauen, der müsse Theorien heranziehen, die gesellschaftliche Verhältnisse ebenso einbeziehen wie innere psychische Prozesse und die Verschränkung beider Faktoren.

Die Psychologin Anne Otto („Woher kommt der Hass? Die psychologischen Ursachen von Rechtsruck und Rassismus“) schreibt, dass kein anderer Faktor den Hang zu Rassismus, Menschenfeindlichkeit und rechtsextremen Einstellungen so gut voraussagt wie die Zustimmung zu „autoritärer Aggression“ und „autoritärem Gehorsam“ – dies münde in Gedanken wie „Gegen Nichtstuer sollte in unserer Gesellschaft mit aller Härte vorgegangen werden“ oder dem Wunsch nach einem „starken, aggressiven Führer“. Und in diesem „autoritären Prinzip“ bilde sich eine ambivalente Dynamik ab, meint Otto: „Sie kippt zwischen Kuschen und Austeilen. Diese innere, psychische Dynamik ist im Moment aktuell wie eh und je.“

Nach oben buckeln, nach unten treten

Dieses bekannte Prinzip „Nach oben buckeln, nach unten treten“ wird in der Psychologie als „abwärtsgerichteter Vergleich“ bezeichnet, es geht für viele Menschen mit einer Steigerung des eigenen Selbstbewusstseins einher. Rechtsextreme Kreisen beschweren sich viel häufiger darüber, dass Flüchtlinge „von ihrem Steuergeld“ ein iPhone kaufen würden, als darüber, dass Superreiche eigentlich kaum Steuern zahlen. In sehr linken Zirkeln ist der Kapitalismus an allem schuld – da vergleicht man sich eher aufwärtsgerichtet.

Menschen mit einer eher autoritären Persönlichkeitsstruktur suchen die Schuld selten bei sich, sie bevorzugen Sündenböcke wie die „faulen Griechen“, „Frauen vergewaltigende arabische Nordafrikaner“ oder „ukrainische Bürgergeldempfänger, die dem Staat auf der Tasche liegen“. Diese müssen als Projektionsfläche für die eigenen Frustrationen und negativen Gefühle herhalten.

Bezeichnend ist dabei das Phänomen, dass gerade die Menschen, die sich stets damit brüsten, „selbst zu denken“ und nicht „dem linksgrünen Mainstream zu folgen“, häufig besonders anfällig dafür sind, Pseudoführern oder Diktatoren quasi blind zu folgen – ganz gleich, welche Entgleisungen die sich auch leisten. Dies zeigt sich auffällig an der Figur Donald Trump: Er selbst staunte darüber, dass er auf der Straße jemanden ermorden könne – seine Anhänger würden ihm trotzdem treu bleiben. Menschen mit autoritären Persönlichkeitszügen neigen dazu, andere autoritäre Menschen zu verherrlichen – übrigens paradoxerweise völlig unabhängig davon, ob diese den eigenen stets propagierten Wunsch nach individueller Freiheit überhaupt erfüllen.

Aber warum nehmen diese Extreme zu? Die Forscher Jost Stellmacher und J. Christopher Cohrs schreiben dazu in ihrer Analyse „‚Nie wieder Faschismus!?‘ – Zur Psychologie des Autoritarismus“, dass autoritäre Neigungen zunächst eigentlich kein Problem darstellen. Diese könnten aber in Situationen, die als Krise oder Bedrohung wahrgenommen werden, in „intolerantem, antidemokratischem oder diskriminierendem Verhalten“ münden. Es brauche Auslöser, die die „schlafenden Wachhunde wecken und zum Beißen bringen“.

Globale Krisen sind Auslöser – aber oft nicht die Ursache

Diese Auslöser waren und sind globale Krisen wie die Klimakrise, die Coronapandemie und der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Interessant ist dabei, dass Menschen mit autoritären Neigungen dazu tendieren, politische Maßnahmen gegen solche Krisen teils als Angriff gegen sich selbst zu werten. Hinter Aggression und Hass stecken oft also keine Ängste, sondern tiefe persönliche Kränkungen. Dies war insbesondere bei Teilen der Querdenker-Bewegung zu beobachten, sie wollten sich nicht vom Staat „bevormunden“ lassen, sagen sie.

Dies erklärt übrigens in Teilen, warum vor allem die Partei Bündnis 90/Die Grünen in rechtspopulistischen Kreisen das Feindbild Nummer eins ist. Die Grünen versprechen ein aktives Lösen der Krisen – ob es ihnen gelingt, ist eine andere Frage. Viele rechtspopulistische Parteien versprechen hingegen, dass die Welt so bleibt, wie sie in der vermeintlich glorreichen Vergangenheit war.

Ein ganz entscheidender Auslöser für den zunehmenden Hass in der Gesellschaft ist daher der immense gesellschaftliche Wandel, den viele westliche Gesellschaften durchlaufen. Das Aufbrechen von bislang traditionellen Ordnungen und festen Strukturen, in denen lediglich die Mehrheitsgesellschaft Privilegien hatte, ist für viele ein Angriff auf ihre Identität. Nicht mehr Nationalität und Geschlecht – in der Vergangenheit vor allem deutsch und männlich – sind ausschlaggebend für gesellschaftlichen Erfolg. Bisherige Minderheiten fordern die ihnen ohnehin zustehenden Rechte ein – und verteidigen sie.

Die Entwicklung dahin, dass jeder Mensch unabhängig von Identitätsmerkmalen gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft sein möchte, löst bei vielen Menschen mit autoritären Neigungen die unter der Oberfläche schwelenden Verlust- und Abstiegsängste aus, die in Aggression und Hass münden.

Eine gesellschaftliche Spaltung gab es schon immer – sie verlief zwischen der Mehrheit und den sehr lange sehr stummen Minderheiten. Und genau das hat sich in vielen westlichen Ländern geändert: Nun verläuft sie quasi zwischen „woke“ – politisch wach und engagiert gegen Diskriminierung – und „unwoke“. Die Auslöser für Rechtsextremismus und Rassismus sind letztlich komplex – historische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen spielen eine wichtige Rolle. Aber die innerpsychischen Mechanismen sind der Nährboden, auf dem rechtsextremes und rassistisches Gedankengut erst gedeihen.

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