Aalen - Die Pflichtspielpremiere war erfolgreich absolviert. Uwe Wolf klatscht nach dem 2:1 im WFV-Pokal-Erstrundenspiel beim Oberligisten 1. Göppinger SV jeden seiner Spieler erleichtert ab. In den spannenden gut 90 Minuten davor war er ständig an der Seitenlinie aktiv. Der Wolf brüllt wieder. „Ich bin längst wieder der Alte und voll im Saft“, sagt der Trainer des VfR Aalen. Am kommenden Samstag (14 Uhr) steht das erste Saisonheimspiel in der Fußball-Regionalliga gegen den TSV Schott Mainz an, nachdem der Auftakt beim FSV Mainz 05 II mit 1:3 verloren ging. „Wir haben einen Dreijahresjahresplan, innerhalb dieser Zeit wollen wir ans Tor zur dritten Liga anklopfen, vielleicht können wir aber auch schon in dieser Runde für eine Überraschung sorgen“, sagt der 54-Jährige. Er wirkt topfit, sprüht vor Tatendrang, so wie man ihn kennt aus seiner Zeit als Bundesliga-Profi bei 1860 München und dem 1. FC Nürnberg oder als Trainer beim KSV Hessen Kassel und Wacker Burghausen.
Ein Rauswurf mit gravierenden Folgen
Doch es gab auch eine Zeit, da war Wolf außer Gefecht. Er litt an einem Burnout-Syndrom und rutschte in eine Depression. Auslöser war der Rauswurf im März 2017 in Burghausen. „Wir hatten ein gutes menschliches Verhältnis, wir waren ein verschworener Haufen, die Trennung traf mich extrem hart. Es war, als würde mir einer die eigenen Kinder wegnehmen“, sagt der Fußball-Lehrer auch noch mit gut vier Jahren Abstand.
Sogar Mourinho war Wolf egal
Mit ein paar Wochen Verzögerung war er nach dieser Enttäuschung in ein Loch gefallen. Am tiefsten Punkt war er über Weihnachten vor vier Jahren angekommen. Über die Feiertage schaute er sich mit seiner Freundin in England Premier-League-Spiele an. Wolf bekam im Stadion Platzangst, litt unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Das zweite Spiel hieß FC Everton gegen Manchester United. Wolf und seine Partnerin waren im gleichen Hotel untergebracht wie ManUnited. „Statt aber zu versuchen, mit Trainer Jose Mourinho ins Gespräch zu kommen, war mir das völlig gleichgültig. Im Normalfall wäre das eindeutig ein Höhepunkt für mich gewesen“, erinnert sich Wolf. Statt wie ursprünglich geplant, noch ein drittes Spiel anzuschauen, reiste das Paar zurück nach Deutschland.
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Seine Lebensgefährtin und seine Familie ermunterten den gebürtigen Pfälzer, zum Arzt zu gehen. „Bei einem Neurologen wurde festgestellt, dass ich an Depressionen erkrankt bin. Ich war daraufhin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München in Behandlung und da in den besten Händen“, erzählt Wolf. Er musste Tabletten nehmen – morgens und abends. Durch die Medikamente nahm er zu, das Gewicht des 1,82-m-Mannes stieg von seinen gewohnten 78 bis 82 Kilogramm auf knapp 100 Kilogramm an. „Das war eine sehr harte Zeit. Ich war immer der, der anderen geholfen hat, jetzt musste ich mir selbst aus einem tiefen Tal heraushelfen lassen, das hätte ich mir nie vorstellen können“, sagt Wolf. Vor allem seine Freundin gab ihm Halt. „Sie hat nicht nur einmal im Auto vor der Klinik übernachtet, weil sie Angst hatte, ich würde abhauen“, berichtet Wolf.
Comeback in der achten Liga
Im Mai 2020 hatte Wolf das Gröbste längst überstanden. Er war wieder bereit für einen Trainerjob – und stieg beim SV Mehring ein, in der Kreisliga 2 Inn/Salzach. Es war ein Freundschaftsdienst vor den Toren Burghausens in der achten Liga und gleichzeitig eine Art Wiedereingliederungsmaßnahme. „Ich blühte auf, merkte, was mir so wahnsinnig gefehlt hat“, so Wolf, „teilweise trainierten wir fünf Mal in der Woche, doch es war von vornherein ausgemacht, dass ich bei einem höherklassigen Angebot gehen werde.“
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Das kam im März diesen Jahres vom VfR Aalen. Geschäftsführer Giuseppe Lepore hat den Kontakt zu Wolf seit gemeinsamen Zeiten bei Hessen Kassel nie abreißen lassen und lotse Wolf als Nachfolger von Roland Seitz auf die Ostalb. Wolf führte den Verein in der 22 Clubs starken Liga auf Platz 13. Jetzt will er mehr. Sein Ehrgeiz ungebrochen. Ob er irgendwelche Sicherungen eingebaut hat, um nicht irgendwann wieder in einen Erschöpfungszustand zu fallen? Wolf wird nachdenklich: „Das sagt man so einfach. Aber wenn man seinen Beruf liebt, wenn man wie ich für den Fußball geboren ist, rund um die Uhr für den Fußball lebt und erfolgreich sein will, trifft es einen eben leichter.“
Mit Emilio Butragueño in Mexiko am Ball
Im Hintergrund schreit während des Gesprächs Söhnchen Emilio, knapp zwei Jahre alt und nach Emilio Butragueño benannt. Mit dem ehemaligen spanischen Weltklasse-Stürmer spielte Wolf Mitte der 1990er Jahre gemeinsam in Mexiko. „Natürlich gibt es noch wichtigeres als den Fußball“, sagt Wolf und macht eine kleine Pause, um seine Wort noch ein bisschen mehr wirken zu lassen, „die Familie und die Gesundheit.“
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Wolf war schon immer für seine offenen Wort bekannt. „Riesig, wie du immer die Wahrheit sagst“, hat ihm mal einer seiner Co-Trainer mitgeteilt, „aber sag nicht immer die Wahrheit, wenn sie nicht gefragt ist.“ In diesem Fall ist sie sogar sehr gefragt, weil Wolf damit anderen Menschen helfen möchte. „Ich kann nur jeden Betroffenen dazu ermutigen, über die Krankheit zu reden. Keiner sollte sich zu schade sein, sich helfen zu lassen. Depressionen sind leider immer noch ein wenig ein Tabu-Thema.“
Dabei kann die Krankheit jeden treffen. Nicht nur Fußball-Lehrer, die 24 Stunden am Tag für einen Job leben.