Vaihingen und Ludwigsburg ausgezeichnet Aus einem öden Gleis soll ein Blüh-Paradies werden

Mit Blütennahrung und Unterschlupf wollen die Preisträger Insekten und anderen Kleintieren helfen. Foto: dpa/Uwe Zucchi

Das Insektensterben nimmt dramatische Ausmaße an. Nach Umweltschützern versuchen vermehrt auch Kommunen, mit engagierten Projekten gegenzusteuern. Vaihingen und die Grüne Nachbarschaft Ludwigsburg haben dafür jetzt hohe Geldpreise bekommen. Was zeichnet ihre Projekte aus?

Vaihingen an der Enz - Gerhard Haffner sagt es geradeheraus. „Den Insekten geht’s richtig dreckig“, kommentiert der Fachmann vom Bezirks-Imkerverein in Vaihingen/Enz. Und er weiß auch: Lebensräume für Tiere und Pflanzen zu schaffen, während sie andernorts durch extensive Landwirtschaft, Baulanderweiterungen oder Straßenbau zerstört werden, das gleicht einer Sisyphosarbeit.

 

Dass an ihr dennoch kein Weg vorbeiführt, erkennen nach Artenschützern und Umweltverbänden auch immer mehr Kommunen. Vaihingen gehört schon länger dazu und hat allein in den vergangenen zehn Jahren 80 monotone Grünflächen in bunte Blühparadiese umgewandelt, um Insekten Nahrung zu bieten. „Inzwischen“, berichtet Bernd Boosz von der Stadtgärtnerei, „verstehen die Leute auch, warum es nicht zu jeder Jahreszeit wie im Blüba aussieht.“ Etwa, wenn Stauden erst zurückgeschnitten werden, bevor sie wieder austreiben, damit vorher Insekten darin überwintern können.

25 000 Euro Starthilfe

Mehrfach ist Vaihingen für sein Engagement schon mit Preisen bedacht worden, etwa im Förderwettbewerb „Natur nah dran“ oder mit der Auszeichnung „Goldene Wildbiene“.

Über den jüngsten Meriten-Zuwachs freuen sich der Oberbürgermeister Gerd Maisch und seine Mitstreiter – darunter die Technischen Dienste und die Naturschutzabteilung der Stadt, die Lokale-Agenda-Gruppe „Vaihingen blüht auf“, der Nabu und die Imker – jedoch besonders: Als eine von 40 Kommunen in Deutschland hat die Stadt jetzt beim bundesweiten Wettbewerb „Naturstadt – Kommunen schaffen Vielfalt“ reüssiert.

Neben einem warmen Gruß von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) per Videobotschaft – die Verleihung in Berlin fiel wegen Corona aus – bringt die Auszeichnung vor allem 25 000 Euro für ein Projekt, das Vaihingen in der Pipeline hat und das die Stadt, so Gerd Maisch, ohne dieses Fördergeld zwar auch irgendwann hätte anpacken wollen, „aber in diesem Ausmaß sicher nicht hätte anpacken können“. Für den Rathauschef zählt bei der Auszeichnung überdies die Metaebene: Er sieht sie als Würdigung für die Qualität der Vaihinger Umweltschutz- und Artenvielfalt-Bemühungen insgesamt.

Geplant: ein kleines Paradies für Tier und Mensch

Mit dem Preisgeld will die Stadt im Teilort Kleinglattbach entlang stillgelegter Gleise ein Paradies für Insekten, Vögel, Amphibien und Fledermäuse schaffen – und für die Bürger, in denen Freude und Interesse an dem wiederbelebten Areal erwachen soll. Momentan dümpelt die 6000 Quadratmeter große Fläche als nicht mehr sonderlich wertgeschätzte Wiese vor sich hin, die eher mit Gräsern als mit einer blühenden Blumenvielfalt aufwartet. Darauf stehen Obstbäume, die einst von enthusiastischen Einwohnern und der Stadt als Geburts- und Taufbäume gepflanzt wurden. Das Interesse an der Pflege erlahmte mit der Zeit merklich.

Bald soll es dort ganz anders aussehen: Ein Baum-Lehrpfad, ein Sand-Lehm-Hügel für Bodeninsekten, eine Natursteinmauer für Eidechsen, Totholzhaufen für Spinnen oder Igel, Nisthilfen für seltener werdende Vogelarten, Fledermauskästen und Insektenhotels sind geplant. „Logis reicht aber nicht, man muss auch gute Kost anbieten“, sagt der Bienen-Spezialist Haffner. Das ist eingepreist: einheimische Wiesenblumen werden gepflanzt, weitere Obstbäume kommen hinzu.

Landkreis Ludwigsburg ist gleich zweimal dabei

Ehrenamtliche Imker-, Nabu- und Agenda-Helfer wollen die Stadt tatkräftig dabei unterstützen; Nabu-Vorsitzender Lothar Grau zimmert bereits Nistkästen im Akkord. Er hofft auf geflügelte Gäste wie Halsbandschnäpper oder Gartenbaumläufer. „Ohne Kooperationspartner“, sagt OB Gerd Maisch, „könnten wir das nicht schaffen.“ Zumal, wenn es dort später einmal Führungen und Projekte Kindergartengruppen oder Schulklassen geben wird.

Bei den drei „Naturstadt – Kommunen schaffen Vielfalt“-Preisträgern aus Baden-Württemberg ist der Landkreis Ludwigsburg sogar doppelt prominent vertreten: Die Stadt Ludwigsburg hat die Auszeichnung stellvertretend für die „Grüne Nachbarschaft“ bekommen – für ihre gemeinsame Projektidee zur Förderung von Stadtnatur und Insekten in fünf Siedlungsräumen. Die Grüne Nachbarschaft, bei der sich Ludwigsburg, Tamm, Bietigheim-Bissingen, Ingersheim, Remseck und Freiberg zusammengeschlossen haben, wollen die 25 000 Euro 2021 und 2022 in ein wachsendes Mosaik artenreicher Pflanzungen und die Biotopvernetzung investieren.

Dazu sollen zum Beispiel Friedhofsgrünflächen mit gebietsheimischem Saatgut zu artenreichen Wiesen umgewandelt werden. Außerdem ist geplant, Baumbestände zwischen den Kommunen um Wildobstgehölze und weitere Pflanzungen zu ergänzen und Mitmachaktionen auf die Beine zu stellen.

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