War der blutige Streit unter Jugendlichen vor der Stadtbibliothek am Mailänder Platz vor zwei Monaten eine zufällige Eskalation? Oder braut sich da weiter etwas zusammen in Stuttgart? Die zunächst gute Nachricht: Der Mailänder Platz zählt noch nicht zu den fünf gefährlichsten Orten, die von der Polizei als solche erkannt worden sind. Die schlechte: „Für das Jahr 2023 deutet sich bisher ein Anstieg der Gesamtstraftaten sowohl im Stadtteil Europaviertel als auch am Tatortbereich Mailänder Platz an“, sagt niemand Geringeres als Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU). Dazu legt er eine Schwarzliste vor, die auch verrät, zu welchen Zeiten es wo gefährlich wird.
Unsere Berichterstattung über die Messerstecherei unter Jugendgruppen am 17. November 2023 vor der Stadtbibliothek, bei dem 20 bis 30 Angreifer auf eine fünfköpfige Personengruppe losgingen, hat den FDP-Landtagsabgeordneten Friedrich Haag nicht ruhen lassen. In einer Kleinen Anfrage forderte er eine Einschätzung der Sicherheitslage ein – und bekam interessante Details zur Antwort.
Etwa dass sich zwischen Hauptbahnhof und Stadtbibliothek die meisten Rohheitsdelikte nicht etwa in der Nacht, sondern zwischen 7 und 19 Uhr abspielen. Die Zahl von 213 Straftaten 2022 dürfte in der nächsten, noch nicht veröffentlichten Polizeistatistik höher ausfallen, heißt es in dem 16-seitigen Papier von Innen- und Justizministerium, das unserer Zeitung vorliegt.
Die ersten drei Plätze der gefährlichen Orte
In den Top 5 der Liste der gefährlichsten Orte sieht die Polizei allerdings andere Bereiche und Quartiere. Die meisten in der Innenstadt. Trauriger Spitzenreiter mit insgesamt 6600 Straftaten im öffentlichen Raum ist der Bereich Hauptbahnhof und Oberer Schlossgarten. Dabei ist jedes sechste Delikt eine Gewalttat, die sich am Wochenende zwischen 19 und 7 Uhr abspielt. Das Alarmsignal des Innenministers: Auch hier wird 2023 ein Anstieg der Kriminalität befürchtet. Auch die Zahl von 35 Messerangriffen ist dem Vernehmen nach weiter gestiegen – die Messerverbotszone dürfte somit nicht unbedingt präventiv wirken.
Auf Platz zwei mit 2542 Delikten liegt die Klett-Passage. Hier gibt es meistens Drogendelikte, hauptsächlich zwischen 12 und 22 Uhr an allen Tagen. Auch dort soll die Polizei für das Jahr 2023 mehr Straftaten registriert haben. Rund ums Rathaus bis hinüber zur Altstadt sind knapp 1900 Fälle registriert – Platz drei. Das Gros sind nächtliche Gewaltdelikte. Und auch hier: Straftaten und Messerdelikte dürften auch 2023 zugenommen haben, heißt es in dem Papier.
Und dann geht der Blick nach Zuffenhausen
Dass der Stadtgarten und das Quartier rund um die Universität auf Platz fünf gelandet sind, mit 354 Straftaten im Jahr 2022, dürfte Experten wenig überraschen. Meist sind es Drogendelikte und Diebstähle – mit sinkendem Trend im vergangenen Jahr. Eher bemerkenswert ist Platz vier der Stuttgarter gefährlichen Orte: Zuffenhausen – mit über 500 Straftaten im öffentlichen Raum in den Quartieren Hohenstein, Am Stadtpark und Zuffenhausen-Mitte. Meist geht es um Drogen und Diebstähle, aber auch nächtliche Rohheitsdelikte.
Das ist auf den zweiten Blick nicht unbedingt überraschend. Seit anderthalb Jahren macht Zuffenhausen als Zentrum einer schießwütigen Straßenkrieger-Gruppierung von sich reden, mehrfach fielen dort Schüsse. Im März 2023 wurde ein Opfer lebensgefährlich verletzt. Der Täter ist bis heute unbekannt. In Bürgerumfragen der Stadt empfanden mehr als 28 Prozent der Zuffenhausener ein eher mulmiges Sicherheitsgefühl. Im Heimat-Check unserer Zeitung rangiert Zuffenhausen beim Thema Sicherheitsgefühl auf dem letzten Platz. Immerhin hat sich der Trend für 2023 offenbar verbessert: Laut Auskunft Innenministerium ist ein Rückgang der Gesamtstraftaten und der Messerangriffe im öffentlichen Raum zu verzeichnen.
FDP-Mann Haag: Orte dürfen keine No-go-Areas werden
Die Schwarzliste ist für den FDP-Landtagsabgeordneten Haag durchaus alarmierend: „Das zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Minister Strobl dafür sorgen muss, dass die unbesetzten Stellen auf den Polizeirevieren in der Landeshauptstadt schnellstmöglich besetzt werden“, sagt er. „Es muss unbedingt verhindert werden, dass sich diese Orte in Stuttgart zu No-Go-Areas entwickeln.“
Die Stuttgarter Polizei stellt immerhin fest, dass man die gefährlichen Orte im Blick habe. „Wir reagieren da sofort, wenn sich bei den Brennpunkten etwas verlagert“, sagt Polizeisprecher Stephan Widmann. Das heißt: Konzept und Einsatzkräfte werden entsprechend angepasst. Wer in den letzten Wochen genauer hingeschaut hat, wird erkennen: In Zuffenhausen häufen sich die Polizeikontrollen.