Verteidiger und Opferanwalt „Das hat mich mit voller Wucht getroffen“
Wie arbeitet ein Anwalt? Jens Rabe korrigiert im Interview das Bild, das sich viele Menschen vom Alltag eines Juristen machen.
Wie arbeitet ein Anwalt? Jens Rabe korrigiert im Interview das Bild, das sich viele Menschen vom Alltag eines Juristen machen.
Waiblingen - Der Waiblinger Rechtsanwalt Jens Rabe im Gespräch über falsche Vorstellungen und die Realität seines Berufs. Er verteidigt einerseits Gewalttäter, andererseits steht er Opfern von Verbrechen oder deren Angehörigen bei. Darunter waren Eltern von Opfern des Winnender Amoklaufs, der Sohn des von der RAF ermordeten Siegfried Buback und Semiya Şimşek, die Tochter des ersten Opfers des NSU-Terrortrios.
Herr Rabe, welche Rolle liegt Ihnen eher, der Verteidiger oder der Opferanwalt?
Die Arbeit als Opferanwalt fällt mir leichter. Als Verteidiger ist es oft ein emotionaler Spagat: Ich will den Mandanten bestmöglich verteidigen und sehe gleichzeitig, dass er eine schreckliche Tat begangen hat.
Die Tat und der Täter kommen aber in einer Person auf Sie zu.
Wir Verteidiger sind an den Tätern während des Strafprozesses am nächsten dran. Zu meiner Arbeit gehört, dass ich mich meinen Mandanten mit Empathie nähere, ihnen zuhöre. Diese menschliche Zugewandtheit muss ein Verteidiger haben. Gute Verteidigung ist nur möglich, wenn eine emotional tragfähige Grundlage zwischen meinem Mandanten und mir besteht. Und gleichzeitig macht mich die Tat betroffen. Das auszuhalten finde ich anstrengend.
Wie weit können Sie Mandanten vertrauen?
Am besten gar nicht! (lacht) Nicht aus Misstrauen dem einzelnen Mandanten gegenüber, sondern aus einer professionellen Vorsicht heraus. Die gängige Vorstellung ist, wir Anwälte wissen alles und versuchen das Beste für den Mandanten herauszuholen in Kenntnis aller Umstände. Aber das ist oft nicht so.
Merken Sie, wenn Ihnen jemand etwas vormacht, obwohl er Ihre Hilfe braucht?
Zuhören ist enorm wichtig. Als Anwalt sollte man immer sehr ernst nehmen, was der Mandant einem sagt. Vielleicht ist es die Wahrheit und der entscheidende Punkt, mit dem ich die Verteidigung führen kann. Allerdings lasse ich einen „anwaltlichen Scanner“ wie eine Art „Virenschutzprogramm“ über das Gesagte laufen: Ist das Gesagte plausibel? Kann das so sein?
Was, wenn jemand sagt, ich war es, helfen Sie mir trotzdem raus?
Ja klar! Eine Freispruchverteidigung im Wissen, der Mandant war es, darf ein Verteidiger machen. Das ist zu hundert Prozent in Ordnung. Das muss er sogar, wenn der Mandant das will.
Wie reagieren Leute in der umgekehrten Situation, wenn Sie sagen, ein Freispruch ist aber nicht drin, versuchen wir es lieber mit einer anderen Taktik?
In solchen Fällen rede ich Tacheles und dann knallt es auch mal zwischen Mandant und Verteidiger. Aber wenn dabei ein vernünftiges Ergebnis herauskommt, ist es die Mühe wert. Dann kann man sich auf eine Strafmaßverteidigung einigen: mildere Strafe durch Geständnis. Natürlich gibt es aber auch Fälle, in denen ich mich als Verteidiger von dem Mandanten überzeugen lasse - trotz vermeintlich klarer Aktenlage: Dann gilt es, bei Gericht für einen Freispruch zu kämpfen! Schon oft hat sich die anfänglich wenig glaubhaft wirkende Geschichte des Mandanten im Prozess als die Wahrheit herausgestellt.
Kommt es vor, dass sie gesagt haben, eine Zusammenarbeit macht keinen Sinn?
Ja, das passiert immer mal wieder. Wenn jemand meinen Rat als Anwalt überhaupt nicht anerkennt oder die Chemie zwischen uns einfach nicht stimmt, dann ist es besser, das Mandat zu beenden.
Als Pflichtverteidiger geht das aber nicht so einfach?
Nein, erst in dem Moment, wenn ich wegen völliger Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses meine Entpflichtung beantragen kann.
Dem Verteidiger sind Grenzen gesetzt. Bestimmte Sachen sind nicht erlaubt?
Klar gibt es Grenzen! Ich darf zum Beispiel keine Beweise verschwinden lassen. Wenn jemand festgenommen worden ist und zu mir sagt, in der Garage ist noch ein Kilo Koks, bitte räumen Sie das weg. Das ist natürlich nicht drin. Aber solche Fragen werden gar nicht so selten an mich herangetragen.
Sie müssen aber auch nicht zur Polizei gehen und sagen, dort liegt noch ein Kilo?
Wenn wir etwas preisgeben, dann immer in Absprache mit dem Mandanten. Umgekehrt gilt: was wir sagen, muss stimmen. Darum sagt ein guter Anwalt im Plädoyer nie, ich bin überzeugt von der Unschuld meines Mandanten. Der Profi sagt, die Beweislage reicht nicht aus, um meinen Mandanten zu verurteilen. Daran ist ja nichts Falsches, selbst wenn ich weiß, er war es.
Angenommen, jemand will unbedingt reinen Tisch machen und alles sagen?
Gerade bei Tötungsdelikten kann es hochgefährlich sein, gegenüber den Ermittlungsbehörden „ungeschützt“ Angaben zu machen. Möglicherweise offenbart der Mandant Umstände, die seine Verurteilung wegen Mordes und damit zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe möglich machen. Das muss gut überlegt sein. Als Verteidiger versuche ich zu verhindern, dass jemand aus seiner Emotion heraus oder gar unter Druck aussagt. Möchte ein Mandant aber nach reiflicher Überlegung und aus freien Stücken ein Geständnis ablegen, so bremse ich ihn nicht.
Es gibt clevere und sagen wir mal schlichte Menschen. Wer ist für Sie schwieriger?
Für den Verteidiger ist es immer leichter, wenn der Mandant versteht, wo die Probleme seines Falles liegen. Ich erfinde keine Lügengeschichten für einen Mandanten. Ich darf ihm aber sagen, dass er lügen darf. Und ich erkläre ihm die rechtliche Situation: Wenn Sie das so formulieren, dann wird das nachteilig für Sie sein. Wäre es hingegen so und so gewesen, dann wäre die Tat nicht nachweisbar. Der kluge Täter macht sich dann darauf seinen Reim, ohne dass ich mehr sagen muss. Der weniger clevere Mandant fragt mich: Wie soll ich es jetzt sagen Herr Rabe? Dem kann ich dann auch nicht helfen.
Handeln Mandanten manchmal auch gegen Ihren Ratschlag?
Ja, das gibt es. Wenn die Aktenlage dünn ist, wäre es besser für den Mandanten zu schweigen, was ich ihm rate. Jetzt sitzt der aber im Prozess und wie er so ist, platzt er gleich bei der zweiten Zeugin heraus mit einem Zwischenruf und hat sofort etwas preisgegeben. Mit Menschen, die ein gewisses Auftreten beherrschen, ist es leichter zu arbeiten.
Stimmt es, dass eloquente Menschen vor Gericht mit milderen Strafen wegkommen?
Ja, das ist meine Erfahrung.
Sind die anderen im Nachteil?
Der Blender hat die besseren Chancen.
Das klingt hart.
Dazu stehe ich. Ich kann Richtern und Staatsanwälten keinen Vorwurf machen. Sie sind ja auch Menschen und reagieren auf das Gegenüber.
Wie ist es, wenn ein Mandant auf Sie abscheulich wirkt?
Natürlich begegnet man als Strafverteidiger so richtig fiesen, gefühlskalten und brutalen Menschen. Und das beeinflusst einen schon. Meiner emotionalen Einstellung zu Mandanten muss ich zu jeder Zeit des Verfahrens Beachtung schenken. Von Sympathien und Antipathien darf ich mich nicht leiten lassen. Der Mandant ist vielleicht das größte Arschloch, aber vielleicht in der Angelegenheit doch unschuldig.
Zum Gegenteil: Sie haben Eltern von fünf Opfern des Winnender Amoklaufs als Nebenkläger vertreten.
Damals war ich 34 Jahre alt und diese Aufgabe hat mich mit voller Wucht getroffen, obwohl ich schon Erfahrung als Opferanwalt hatte. Ich war damals in der glücklichen Situation eines jungen Menschen, dass es in meiner Familie keinerlei Einschläge gab durch Unfälle oder schlimme Krankheiten. Die ersten Berufsjahre waren vorbei. Dann kam Winnenden und die Leichtigkeit war weg. Ich habe so viel Leid der Eltern mitbekommen, die ja jede Woche bei mir waren oder die ich zuhause besucht habe. Ich will den Betroffenen nah sein, sonst kann ich sie nicht richtig vertreten. Mir war es nicht mehr möglich, privat und Geschäft zu trennen. Die Trauer zog auch in mein Leben ein, obwohl ich persönlich nicht betroffen war. Es zu verarbeiten, hat Jahre gedauert.
Ihr Leben war nach Winnenden nicht mehr dasselbe?
Ja, die gefühlte Sicherheit im Leben ist weg. Ich weiß jetzt, es braucht oft nur wenige Sekunden, und das ganze Leben ändert sich von Grund auf. Es gibt keine Sicherheiten. Das wirkt sich auch auf meinen Alltag aus. Durch den Beruf bin ich vorsichtiger geworden.
Haben Sie noch Kontakt zu den Winnender Eltern?
Als Opferanwalt muss ich den Mandanten auch menschlichen Halt geben. Ich bin kein Therapeut, aber in den ersten Monaten nach der Tat stehe ich mit den Betroffenen an vorderster Front. Bei den Winnender Eltern war es besonders eng und zu den meisten habe ich noch Kontakt. Das finde ich schön.
Wie sieht es mit Mandanten aus, die Sie verteidigen?
Da bin ich deutlich distanzierter. Ein Espresso an der Ecke nach der Verhandlung ist okay, aber mehr nicht. Das ist für mich eine notwendige Form der Abgrenzung. Die brauche ich bei Opfern nicht, da entwickeln sich zum Teil sehr intensive Beziehungen, sogar Freundschaften.
Bei einem Mammut-Prozess wie dem NSU-Prozess stelle ich es mir schwer vor, den Mandanten klar zu machen, was möglich ist und was nicht.
Es ist eine der wichtigsten Aufgaben des Opferanwalts, die Realität in den Gerichtssälen so ehrlich wie möglich zu erklären und die Erwartungen nicht ins Unermessliche schießen zu lassen. Jeder Betroffene stellt sich vor, es muss doch Gerechtigkeit geben, ich bekomme Gerechtigkeit. Da muss man ehrlich sagen: was ist Gerechtigkeit? Gibt es das im Leben wirklich? Trotzdem ist es für die Betroffenen wichtig zu kämpfen.
Was dürfen sie stattdessen erwarten?
Als Opferanwalt begleitet man Mandanten auf dem Weg, die Wahrheit herauszufinden und auf Dauer mit der Tat zu leben. Das Gerichtsverfahren spielt hierfür eine entscheidende Rolle. In Winnenden haben wir das recht gut geschafft – auch weil das Landgericht Stuttgart auf die Opfer eingegangen ist. Es geht aber immer darum, realistische Ziele zu setzen. Und klar zu machen, dass man darüber oft nicht hinauskommt. Aus meiner Sicht ist das der entscheidende Punkt, dass es diesen Menschen am Ende gelingt, mit einem positiven Gefühl weiterzuleben. Im Gegenteil kann es passieren, dass durch zu hohe Erwartungen am Ende das Gefühl entsteht, einmal mehr das Opfer, einmal mehr verraten worden zu sein. Bei den Opfern des NSU sehe ich dieses Gefühl heute teilweise sehr deutlich.
Die meisten Menschen haben kaum Ahnung von unserem Rechtssystem. Stimmen Sie dieser Behauptung zu?
Das Wissen war wahrscheinlich nie sonderlich gut. Aber jetzt wird es durch die Medien noch verstärkt: Der Anwalt springt im Prozess mit wehender Robe auf und schreit dazwischen. Nicht immer ist der lauteste Anwalt der beste. Die Frage ist, hilft das Spektakel dem Mandanten
Das Gespräch führte Thomas Schwarz