Verunsicherung bei Mercedes Experte: Mercedes braucht einen wie Pistorius

Mercedes-Chef Ola Källenius: Wo baut er die Jobs der Zukunft auf? Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Mercedes schreibt zwar ordentliche Zahlen, aber selten war so unklar, wohin die Reise geht. Der Betriebsrat sorgt sich um die Jobs der Zukunft. Autoexperte Willi Diez erklärt, warum sich die Mercedes-Führung ein Beispiel am beliebten Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius nehmen sollte.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau : Klaus Köster (kö)

Die Verunsicherung, wo die Jobs der Zukunft entstehen sollen, ist groß bei Mercedes. Autoexperte Willi Diez sieht die Führung ebenso gefragt wie den Betriebsrat.

 

Herr Diez, der Betriebsrat von Mercedes befürchtet, dass bald die Weichen für eine Verlagerung von Arbeitsplätzen nach 2030 gestellt werden, wenn die heutige Jobsicherung in Deutschland ausläuft. Sind diese Sorgen berechtigt?

Diese Sorgen kann ich gut nachvollziehen. Schon jetzt geht die Beschäftigung zurück, allein in den zwölf Monaten bis Ende September sank sie um 3000 Mitarbeiter. Und das, obwohl es dem Unternehmen sehr gut geht. Daran zeigt sich bereits, in welche Richtung die Entwicklung läuft.

Wie sieht es perspektivisch aus?

Das China-Engagement der Autohersteller ist heute Risiken ausgesetzt, die man lange unterschätzt hat. Zu verlockend waren die hohen Wachstumsraten, die alle Hersteller mitnehmen wollten. Die Folge ist heute eine hohe Abhängigkeit von diesem inzwischen sehr politischen Markt, die sich nicht einfach beseitigen lässt. Es ist Zeit, sich geopolitisch neu zu orientieren.

Das heißt?

Man darf die USA nicht aus den Augen verlieren. Sie sind ebenfalls ein großer und kaufkräftiger Markt, in dem zudem das Premiumsegment, das für Mercedes besonders wichtig ist, seit jeher eine bedeutende Rolle spielt.

Zwischen den USA und China, den für Mercedes wichtigsten Ländern, gibt es massive handelspolitische Spannungen. Was kann das für Mercedes bedeuten?

Die beiden größten Mercedes-Aktionäre sind chinesische Investoren, denen zusammen fast 20 Prozent der Anteile gehören. Das erhöht das Risiko, im Fall eines Handelskonflikts zwischen die Fronten zu geraten – vor allem, falls Donald Trump die Präsidentschaftswahlen gewinnen sollte und dann versucht, an Mercedes ein Exempel zu statuieren. Dass Trump Mercedes auf seinem Radar hat, zeigte er bereits vor Jahren, als er sich darüber beschwerte, dass auf der Fifth Avenue in New York viele Mercedes-Fahrzeuge unterwegs seien, während es in Deutschland kaum US-Autos gebe. Mercedes muss seine Produktion in den USA ausbauen, um klar zu signalisieren: Wir sind ein Teil dieses Landes und schaffen neue Arbeitsplätze.

Einerseits ist Mercedes von China abhängig, andererseits locken die USA. Droht der Industriestandort Deutschland zwischen diesen Wirtschaftsmächten zerrieben zu werden?

Der Druck ist immens. Chinesische Hersteller haben einen riesigen Kostenvorteil wegen ihres Zugangs zu günstigen Rohstoffen fürs E-Auto. Um am Standort Deutschland beim E-Auto wettbewerbsfähig zu sein, müsste man die Kosten hier nicht um fünf, sondern eher um 30 bis 40 Prozent senken. Solche Einsparungen lassen sich weder durch Zugeständnisse der Arbeitnehmer noch durch ein sinkendes Niveau der Strompreise erreichen. Sowohl China als auch die USA bieten im Hinblick auf die Rohstoffsituation bessere Voraussetzungen. Und sie bieten ein Arbeitskräftepotenzial in Bereichen, die für die Zukunft der Automobilindustrie von großer Bedeutung sind, nämlich in der Elektrochemie und in der Informatik.

BMW setzt nicht auf ein möglichst schnelles Ende des Verbrennungsmotors und will bis 2030 nur mindestens die Hälfte seines Absatzes mit E-Autos erzielen, während Mercedes dann möglichst rein elektrisch sein will. Setzt Mercedes zu vieles auf eine Karte?

Die Kapitalmärkte geben eine klare Antwort: Die Aktie von BMW ist der von Mercedes im vergangenen Jahr weit davongeeilt. Offenbar findet die Aussage von BMW-Chef Oliver Zipse, ein Unternehmen benötige bei den Antriebstechnologien mehrere Standbeine, heute mehr Anklang als das Verkünden eines plakativen Enddatums für den Verbrenner. Nun, da die E-Mobilität hinter den Erwartungen zurückbleibt, schiebt Mercedes-Chef Ola Källenius die Ziele zeitlich nach hinten, Autos mit Verbrennungsmotoren werden wieder aktiv beworben. Die Strategie selbst wird aber nicht geändert; vielmehr spricht Källenius von „taktischer Flexibilität“.

Der Mercedes-Betriebsrat erklärt, er vertraue der Strategie, werde sich aber sehr deutlich zu Wort melden, falls sie aus Sicht der Beschäftigung nicht aufgeht. Reicht das aus?

Der legendäre Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats Herbert Lucy hat dem damaligen Daimler-Chef Edzard Reuter die Gefolgschaft verweigert, als der den Rüstungskonzern MBB gekauft hat, weil ihm die damit verbundenen Risiken zu groß waren. Bekanntlich hat er Recht behalten. Seit Beginn der Ära Schrempp Mitte der 90er Jahre haben die Betriebsräte vor allem die Auswirkungen auf die Beschäftigung im Blick.

Sollte sich der Betriebsrat heute wieder mehr um die Strategie kümmern?

Die Position, wir kümmern uns um die Beschäftigung und das Management ist für die Strategie zuständig ist zu kurz gesprungen. Die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat sind auch für strategische Entscheidungen verantwortlich.

Können mit einer neuen Strategie die Arbeitsplätze abgesichert werden?

An verstärkten Investitionen in China und den USA wird Mercedes nicht vorbeikommen. Durch eine ausgeglichenere Strategie lässt sich das Unternehmen aber stabiler aufstellen, auch in Deutschland. Die Beschäftigungsabsicherungsabkommen sind allerdings in einer Zeit entstanden, in der die Rahmenbedingungen für das Automobilgeschäft relativ stabil und vorhersehbar waren. Jetzt befindet sich die Branche in einer Phase der technologischen Transformation, die gleichzeitig noch von vielen geopolitischen Verwerfungen begleitet wird. In einer solchen Situation sind starre Beschäftigungssicherungsabkommen wie bisher nicht mehr möglich. Sie müssen sehr viel flexibler gestaltet werden, wobei sich dann allerdings die Frage stellt, ob sie ihren Sinn, nämlich den Mitarbeitern Sicherheit zu geben, überhaupt noch erfüllen.

Lässt sich eine solche Botschaft in diesen unruhigen Zeiten noch an die Belegschaft vermitteln?

Das Risiko, dass rechtsextreme Kräfte im Betrieb Oberwasser gewinnen, ist am größten, wenn die Ungewissheit überhand nimmt. In der Politik lässt sich beobachten, wie sehr die Menschen es schätzen, klare Aussagen zu erhalten, und seien sie unbequem. Es ist kein Zufall, dass der beliebteste Politiker derzeit Verteidigungsminister Boris Pistorius ist. Er verspricht keine Wohltaten, sondern erklärt im Gegenteil, Deutschland müsse wieder kriegstüchtig werden, um einen Angriff abwehren zu können. Auch bei Mercedes ahnen viele Menschen längst, dass schwere Zeiten bevorstehen. Einer, der wie Pistorius unangenehme Wahrheiten klar ausspricht, täte dem Unternehmen gut und könnte auch die Suche nach realistischen Wegen zum Erhalt von Arbeitsplätzen voranbringen.

Manager und Wissenschaftler

Manager
Willi Diez war von 1979 bis 1991 Daimler-Manager und dann bis 1997 persönlicher Berater von Mercedes-Chef Helmut Werner.

Wissenschaftler
1991 baute er den automobilwirtschaftlichen Studiengang an der Hochschule Nürtingen-Geislingen auf und später das Institut für Automobilwirtschaft. 2018 übergab er die Leitung an Stefan Reindl.

Weitere Themen