Virtuelles Geburtstagsdiner in Stuttgart Monarchen liebten deftige Küche

Edith Neumann und Albrecht Ernst speisen wie einst die Könige am württembergischen Hofe. Foto: Schöll
Edith Neumann und Albrecht Ernst speisen wie einst die Könige am württembergischen Hofe. Foto: Schöll

Das Stuttgarter Stadtpalais gewährt Einblicke in die Tischkultur des letzten württembergischen Königs. Die war üppig, so hatten die gekrönten Häupter mit ihren Pfunden zu kämpfen.

Stuttgart - Speisen wie ein König – wer würde das nicht gerne ausprobieren? Vor Kurzem war es soweit. Das Stadtmuseum Stadtpalais hatte anlässlich von König Wilhelms 173. Geburtstag zu einem digitalen Diner nach Art des württembergischen Hofs eingeladen. An der herrschaftlichen Tafel Platz nahm als Gastgeberin Edith Neumann, die Sammlungsleiterin des Museums für Stuttgart, sowie, virtuell ihr gegenüber, der stellvertretende Abteilungsleiter im Hauptstaatsarchiv, Albrecht Ernst.

Lachs aus dem Rhein, Gemüse aus dem Hofgarten

Der Clou: Wer wollte, konnte via Youtube nicht nur an der Tür zum königlichen Speisesaal lauschen und dabei erfahren, was die beiden in den Rollen einer Palastdame und des königlichen Hofarchivars ausplauderten, sondern sich das fünfgängige Königsmenü auch selbst schmecken lassen: Kraftbrühe, Chicorée vom Hofgarten, im Hauptgang Rheinsalm (Lachs) an Kräutersoße, den obligatorischen Käse im Anschluss und als Dessert Pfirsich nach Helene. Dazu roten Landwein und Tokajer. Das Restaurant Zauberlehrling im Bohnenviertel schlüpfte in die Rolle der Hofküche, die im Vorfeld der Veranstaltung für 65 Euro je Menü Bestellungen „to go“ entgegennahm.

Gespeist wurde im großen Kreis

Wie also tafelten Württembergs letzter Monarch und seine Gemahlin Charlotte? Wie stand es um die Tischkultur bei Hofe? Welche kulinarischen Vorlieben hatte der sogenannte Bürgerkönig? Sicher ist: Wilhelm II. und Charlotte saßen, anders als Albrecht Ernst und Edith Neumann an diesem Abend, fast nie allein an der herrschaftlichen Tafel. Nicht beim mittäglichen Dejeuner und auch nicht beim Diner. Über das Frühstück ist wenig bekannt. „Beim Abendessen gegen 18 standen grundsätzlich bis zu 20 Couverts, also Gedecke, auf dem Tisch“, erzählt die stellvertretende Leiterin des Stadtpalais. Anwesend waren zumeist Adlige, Militärangehörige und Familienmitglieder. Bei kleineren Anlässen nahmen bis zu 40 Gäste an der königlichen Tafel Platz. Woher wir das heute noch wissen? Wie es im Sommersitz in Friedrichshafen am Bodensee oder im Stuttgarter Wilhelmspalais bei Tisch zuging, verraten noch heute recht detailliert die Hofdiarien, eine Art offizielles Tagebuch über die Vorkommnisse am Hofe.

Schmalhans war selten Küchenmeister

So weiß man, dass es zum Diner selten weniger als fünf Gänge gab, bei Geburtstagen oder Festen gerne auch mal bis zu zwölf. Und der König war wohl kein Kostverächter. Deftig durfte es bei dem leidenschaftlichen Jäger auf dem Teller zugehen. „Wir lesen von Rehrücken, Hasenbraten, Hirschkalbnuss und Damwildschnitten“, berichtet Albrecht Ernst. Ebenso war Fisch aller Art gern gesehen. Und Wilhelm selbst verschmähte auch schwäbische Hausmannskost nicht. Beim Truppenbesuch bescheidete er sich vergnüglich mit „Sauerkraut und Blutwurst“.

Das Königspaar war schwergewichtig

Wilhelms Hofhaltung einschließlich der Küche war für die Stadt ein echter Wirtschaftsfaktor: Regelmäßig wurden Hofbälle, Jubiläumsfeste, Empfänge für Gesandte abgehalten. Das kostete – wen auch immer. „Die königliche Küche war voll ausgelastet“, berichtet Edith Neumann. Beim Hofball im Januar 1897 waren 870 Gäste geladen. „Die mussten alle mit Getränken versorgt werden. Diniert haben 630 Personen.“ Dass so viel reichliches Essen nicht ohne Folgen blieb – auch das erfährt man. Sowohl Charlotte als auch Wilhelm hatten mit ihren Pfunden zu kämpfen: „Beide waren übergewichtig“, erzählt Edith Neumann. Die Versuche der Gattin, den Monarchen etwas kürzer zu halten, misslangen. „Wilhelm ist dann nachts in den Keller gegangen und hat sich in der Küche selbst versorgt.“ Mit welchen Worten die beiden Monarchen ihre Tischgäste verabschiedeten, verrieten weder die Palastdame noch der Hofarchivar. Ein „Ciao“ wie am Ende des digitalen Diners dürfte es eher nicht gewesen sein.




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