Vize-Europameisterin über 5000 Meter Kira Weis zeigt Studium in USA die kalte Schulter

Die Medaille ist Silber, das Lächeln ist Gold: Kira Weis bei der Siegerehrung bei der U-20-EM in Jerusalem. Foto: IMAGO//Tobias Lackner

Kira Weis, Vize-Europameisterin über 5000 Meter bei der U 20, beginnt ein Studium in Stuttgart – dabei hat die 19-Jährige verlockende Angebote für ein Stipendium in den Staaten erhalten.

Sport: Jürgen Kemmner (jük)

Wenn sich Kira Weis an den 10. August erinnert, schlägt ihr Herz schneller und Glückshormone jagen durch ihre Adern. „So ein Rennen habe ich noch nie abgeliefert, ich hatte nie eine so starke Konkurrenz“, erzählt die Leichtathletin aus Gebersheim, „ich hätte nie gedacht, dass ich Zweite werde.“ Unverhofft kommt oft, und wenn es sich um eine positive Überraschung handelt: umso besser. An jenem 10. August feierte die 19-Jährige mit Silber bei der U-20-EM über 5000 Meter in Jerusalem ihren größten Erfolg ihrer ansteigenden Karriere. Unvergessen wird für sie, ihren Trainer Ralph Sagasser sowie ihre Eltern bleiben, wie Kira Weis mit der Deutschland-Fahne um die Schultern auf die Ehrenrunde ging. „Auch wenn die Hymne für die Siegerin aus Lettland gespielt wurde, war es schon ein unglaubliches Gefühl, bei einer internationalen Siegerehrung auf einem Podium zu stehen“, erzählt die junge Frau, die seit Mai ihr Abitur in der Tasche hat.

 

Nach der EM genoss die Ausdauerspezialistin von der KSG Gerlingen drei Wochen Pause, nun hat das Winter-Training begonnen. Am Sonntag (12 Uhr) startet Kira Weis bei den deutschen 10-Kilometer-Meisterschaften auf der Straße in Bad Liebenzell, ein Lauf mit Knalleffekt wie in Israel erwartet weder sie noch ihr Trainer. Von der Trainingsplanung passt der Lauf nicht ins Programm, die Vize-Europameisterin nimmt ihn mit als leichten Aufgalopp, weil Bad Liebenzell um die Ecke liegt und keine weite Anreise nötig ist. „Danach geht es für fast vier Wochen ins Trainingslager nach St. Moritz“, sagt sie.

Mit dem Abitur in der Tasche ergeben sich für Kira Weis neue Freiheiten als Läuferin, sie muss wichtige Termine nicht mehr möglichst in die Ferien schieben – sie ist ihre eigene Herrin über ihr Leben als ambitionierte Sportlerin. Ihr Studium auf Lehramt mit Mathe und Physik in Stuttgart beginnt am 16. Oktober, dabei will sich Kira Weis aber Zeit lassen im Gegensatz zu den Wettkämpfen auf der Tartanbahn. Es gilt: Erst kommt der Sport, dann das Studium.

Deutsche Athleten in den USA

Dabei hätte sich die Leonbergerin in die USA abmelden können, um zu studieren und sich einen weiteren Schliff zu verpassen – Angebote für ein Stipendium hatte sie von vielen Unis erhalten. Es gab verlockende Offerten, welche mit ausgezeichneten Bedingungen und überragendem Taschengeld für eine junge Leichtathletin. Einige deutsche Sportler haben dem Lockruf nicht widerstehen wollen: 5000-Meter-Europameisterin Konstanze Klosterhalfen und 100-Meter-Europameisterin Gina Lückenkemper leben seit Jahren in den USA, bei der Leichtathletik-WM in Budapest sorgte kürzlich der Zehnkämpfer Leo Neugebauer, der aus Leinfelden-Echterdingen stammt und in Texas studiert, mit der Führung nach Tag eins und am Ende mit Platz fünf für Furore – was bei zahlreichen Sportfans die Vermutung nahelegte: In den USA würden junge Athleten besser gefördert als in Deutschland, da die dortigen Unis über Etats verfügen, bei denen der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) neidisch wird. Die University of Texas, wo Neugebauer studiert, hat einen Jahresetat von mehr als 200 Millionen Euro, es ist keine Seltenheit, wenn ein Trainer per annum mit 400 000 Euro entlohnt wird. Dimensionen, die in Deutschland undenkbar sind.

USA sind nicht gelobtes Land

Dennoch hat sich Kira Weis entschieden, ihre Koffer nicht zu packen und in der Heimat zu bleiben. Nicht weil sie übertrieben heimatverbunden wäre oder die Nestwärme ihres Elterhausen benötigte. Es sind ganz rationale Gründe, die die Läuferin im Schwäbischen gehalten haben. „Ich habe hier eigentlich alles, was ich brauche“, betont der Teenager, „die medizinische Versorgung ist optimal, das Trainingsumfeld ebenfalls.“ Darüber hinaus hatte sie sich in der Szene umgeschaut und festgestellt, dass keine ihrer Konkurrentinnen bei der EM ihren Lebensmittelpunkt in die USA verlegt hatte oder daran denkt, dies zu tun. Zwar trainieren und studieren viele Athletinnen ihres Alters in den Vereinigten Staaten, doch international in Erscheinung getreten ist noch keine, was Kira Weis zudem bestärkte, in Deutschland zu bleiben. „Letztlich weiß ich nicht sicher“, betont die 19-Jährige, „ob der US-Abschluss bei uns voll umfänglich anerkannt wird.“

Es ist, wie so häufig im Sport, dass sich die Konsequenzen gewichtiger Entscheidungen erst nach einiger Zeit offenbaren. Gut oder schlecht, das wird sich zeigen. Kira Weis hat ihren Weg auf der Laufbahn der Karriere gewählt. Bislang jedenfalls hat sie sich stets klug entschieden.

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