Völker verbindende Sportkultur Sindelfingen wird Cricket-Hochburg

Der Schlagmann (Batter) feuert den Ball beim Cricket mit Wucht über das Spielfeld. Foto: Eibner/Michael Memmler

Die Sportlandschaft der Daimlerstadt ist um eine Facette reicher: Unter dem Dach des Baseballvereins Squirrels hat sich ein Cricket-Club gegründet, der mit seinem professionellen Ansatz manchen etablierten Verein in den Schatten stellt.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Der junge Mann im Cristiano-Ronaldo-Trikot rennt im Vollsprint los, reißt den gestreckten Arm nach hinten und schleudert mit maximaler Hebelkraft einen Ball auf den Boden vor seinem Gegenüber. Der schwingt angriffslustig seinen paddelartigen Schläger und feuert den Ball mit einem lauten „Klack“ über den Zaun. Ein paar Passanten schauen zu, kratzen sich kurz am Kopf und laufen weiter. Davon, dass hier gerade der erste Sindelfinger „Fair Play Cricket Cup“ mit zwölf Teams und Spielern aus ganz Baden-Württemberg und sogar München stattfindet, nimmt kaum jemand Notiz.

 

Offenbar sind die Leute es gewohnt, dass auf dem Baseballplatz der Squirrels exotische Sportarten mit kompliziertem Regelwerk und merkwürdigem Gerät gespielt werden. Wenn es um Cricket geht, sind allerdings selbst die Mitglieder des Baseballvereins ziemlich überfordert. Dennoch schauen einige von ihnen fasziniert zu – nicht zuletzt, weil das Sindelfinger Team, das dieses Turnier organisiert, mittlerweile eine eigene Abteilung innerhalb der Squirrels bildet.

Baseballverein freut sich über die neuen Mitglieder

Damit besteht der 1992 gegründete Verein mittlerweile aus drei Mannschaften – von denen seit Corona keine mehr eine Baseballmannschaft ist. Dennoch sind die Squirrels weiterhin sehr lebendig: Die Freizeit-Softball-Teams namens Shit Happens und die deutsch-venezolanischen Caciques haben im vergangenen Jahr gemeinsam die Vereinsführung übernommen.

Im Februar kam dann das Team dazu, das bei den Softballern anfangs immer nur „die Inder“ hieß – obwohl sich hier Cricket-Fans aus vielen weiteren Nationen tummeln. „Die Spieler und Familien bringen ihren freundlichen, offenen Charakter und internationale Vielfalt mit und fügen sich dadurch nahtlos bei uns ein“, sagt Domenic Kipphan. Der 25-Jährige leitet derzeit kommissarisch den Gesamtverein und kandiert im Herbst für den Vorsitz.

„Inoffiziell gibt es uns schon seit vier Jahren. Wir haben zuvor an verschiedenen Orten trainiert, aber wir sind sehr glücklich, dass wir hier aufgenommen wurden“, sagt Prakash Mishra. Der 38-Jährige ist Abteilungsleiter der Cricket-Mannschaft, die regelmäßig und mit offenbar großer Hingabe auf dem Baseballplatz trainiert. „Wir fangen morgens um halb sieben an und sind dann immer so um die vier, fünf Stunden auf dem Platz“, erzählt Prakash, der über seinen Job bei dem Stuttgarter Kabel- und Leitungstechnologiekonzern Lapp nach Sindelfingen gekommen ist.

Der Platz biete trotz Bodenunebenheiten und anderer Einschränkungen einige Vorteile. „Ein ganz großes Plus ist zum Beispiel der Schlagkäfig“, verweist der im Nordosten Indiens geborene Abteilungsleiter auf eine Netzkonstruktion, mit der bisher die Baseballer und Softballer trainiert haben. So etwas habe sonst kaum ein anderer Club. Was sein Team ebenfalls von anderen unterscheide, sei die Familienfreundlichkeit. Bei anderen Turnieren ist es laut dem Familienvater nämlich nicht üblich, dass Ehefrauen und Kinder eingeladen werden und so wie hier am Spielfeldrand zuschauen oder selbst ihre eigenen kleine Cricket-Matches austragen.

Starker Wirtschaftsstandort lockt viele neue Mitglieder

Der junge Club wächst in einem erstaunlichen Tempo. Schon verzeichne man 42 aktive und 75 passive Mitglieder. „Wir nehmen teilweise mit bis zu drei Teams an Turnieren teil. Das ist sehr selten“, sagt Prakash, dessen Ziel es sei, über hohe Mitgliederzahlen möglichst niedrige Gebühren und ein kostenloses Training für Kinder anzubieten. Auch an höherklassigen Wettkämpfen auf Bundesliganiveau wolle man langfristig teilnehmen.

„Dank großer Unternehmen wie Daimler, IBM, HP, Philips, Bosch oder Lapp gibt es hier sehr viele Commonwealth-Mitarbeiter“, bezieht Prakash sich auf all jene Länder, deren Cricket-Leidenschaft auf die britische Kolonialzeit zurückgeht. „Die Briten haben uns dieses Spiel gegeben“, sagt Sachin Gundre. Der 44-jährige Catering-Beauftragte ist eines von zehn Mitgliedern der Kerngruppe des „Sindelfingen Cricket Clubs“, wie das Team sich bis auf Weiteres nennt.

„Sie sind die Säulen unseres Clubs“, sagt Prakesh und stellt die Helfer vor, die sich bei diesem ersten eigenen Turnier am vergangenen Wochenende jeden Tag mehr als zwölf Stunden lang um sämtliche Aufgaben kümmern – darunter der für den Turnierplan verantwortliche Navakanth Durga oder der für Regelfragen bereitstehende Vijay Shinde. Für die Zubereitung der ausgesprochen leckeren Speisen wie Chicken Tandoori, Pav Bhaji (Gemüsepüree) oder Samosas (indische Teigtaschen) sind die Ehefrauen zuständig. Andere im Team engagieren sich als „Counselor“. Die deutsche Übersetzung wäre wohl Mitgliederbeauftragte. Laut Prakash helfen diese Counselor Neulingen beim Einfinden in die Vereinsstrukturen, aber auch wenn Spieler sportliche oder gar psychologische Betreuung brauchen.

Dieser professionelle Anspruch zeigt sich auch bei diesem Turnier, das eigentlich mit dem zwang- und formlosen Motto „Gully Cricket“ überschrieben ist – im Fußball würde man Bolzplatzturnier sagen. Als aber bei einem Viertelfinale nach einem Spielzug eine hitzige Debatte entbrennt, schaltet sich Surajit Patra ein, der das Geschehen vom Spielfeldrand mit dem Handy filmt und den Konflikt per Videobeweis auflöst. „Das macht außer uns niemand bei so einem Turnier“, sagt Prakash.

Geopolitik spielt auf dem Spielfeld keine Rolle

Noch beeindruckender als die Professionalität der Ausrichter ist bei diesem Turnier jedoch die integrative Kraft, die offenbar von Cricket ausgeht. In den Teams spielen Menschen aus Indien und Pakistan, Afghanistan, Bangladesch und Sri Lanka Seite an Seite. „Alleine in diesem Moment werden auf dem Feld acht verschiedene Sprachen gesprochen“, sagt Prakash. Aus geopolitischer Sicht steckt da durchaus einiges Konfliktpotenzial drin. „Wir scheren uns nicht um solche Dinge. Wir sind hier in Deutschland, wir sind jetzt Deutsche“, sagt Prakash.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Sindelfingen Baseball Indien Pakistan