Volleyball-Bundesliga Warum der Meister in die polnische Liga will

Von Jochen Klingovsky 

Die Berliner Volleyballer liebäugeln mit einem Wechsel nach Polen. Die mittlerweile auf zehn Teams geschrumpfte Bundesliga reagiert empört.

Spielt Benjamin Patch mit den  Berlin Recycling Volleys bald in Polens Liga? Foto: Baumann
Spielt Benjamin Patch mit den Berlin Recycling Volleys bald in Polens Liga? Foto: Baumann

Berlin/Stuttgart - Kaweh Niroomand (67) ist ein Macher. Er formte nicht nur die Berlin Recycling Volleys zur Nummer eins in Deutschland, er gibt sich auch nie zufrieden. Nicht mit Siegen, nicht mit Titeln, nicht mit den Erfolgen von heute. Und er weigert sich, Grenzen zu akzeptieren. Bisher nur, was die eigene Entwicklung angeht – doch jetzt auch politisch. Die Berliner, die seit 2012 siebenmal Meister wurden, kokettieren mit einem Wechsel nach Polen. Dort gibt es eine der besten Ligen der Welt und aus Sicht von Niroomand eine reizvolle Perspektive – sportlich wie wirtschaftlich. „Unsere Pläne“, sagte er, „sind konkret wie nie.“

Alles nur Taktik?

Nun muss ein Manager, der (egal in welcher Sportart) erfolgreich sein will, nicht nur Visionen haben. Er sollte zudem ein gewiefter Taktiker sein. Goodbye Deutschland? Nicht alle nehmen Niroomand ab, dass er mit seinem Club wirklich auswandern will. Zumal ziemlich nahe liegt, dass er sich zuvorderst über die Gegebenheiten in der Heimat ärgert.

Als die Bundesliga die Saison wegen der Corona-Krise Mitte März vorzeitig beendet hat, lagen die BR Volleys nach 20 Siegen in 20 Spielen uneinholbar an der Tabellenspitze. Anders als im Handball mit dem THW Kiel wurde im Volleyball aber kein Meister ausgerufen, was Niroomand nicht verstanden hat. Dazu kommt, dass er bei den Liga-Verantwortlichen schon länger vermisst, was er in Berlin vorlebt: Schaffenskraft, Umsatzwachstum, Ideenreichtum. „Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, wird uns das aus eigener Stärke und eigenem Tun nur sehr schwer gelingen“, sagte er dem RBB, „da muss die Liga mitziehen. Doch ich habe große Bedenken, dass dies in den kommenden Jahren passieren wird. Dabei muss die Bundesliga sich jetzt als strategischer Führer ansehen und anfangen, Konzepte zu entwickeln, um nicht sehenden Auges ins Verderben zu rennen.“ Oder anders ausgedrückt: Der Flirt mit der polnischen Liga darf getrost als deutliche Drohung an den bisherigen Lebenspartner verstanden werden.

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Der Liga fehlt seit Jahren ein Sponsor

Ob die Warnung ankommt? Die Kritik von Niroomand, dass sich im deutschen Volleyball viel zu wenig bewegt, ist ja nicht neu – zum Beispiel sucht die VBL seit Jahren vergeblich einen Liga-Sponsor. „Es geht um Marketing, Produktentwicklung, Eventisierung“, erklärte der BR-Manager. Und jetzt kommen auch noch sportliche Sorgen hinzu.

Der Corona-Krise fielen bisher der TV Rottenburg, die Alpenvolleys Haching und der VC Eltmann zum Opfer, Stand jetzt gibt es bei den Männern nur noch zehn Bundesligisten – darunter das Verbands-Nachwuchsprojekt VCO Berlin. Kein Wunder, dass den BR Volleys (Etat: rund 2,5 Millionen Euro) Deutschland zu klein wird. Andererseits sind sie nicht groß genug, um in der Champions League glänzen zu können. Folglich wird es immer schwerer, Stars anzulocken, Sponsoren und Fans zu halten. „Unser Wunsch ist nach wie vor, dass wir als deutscher Verein in Deutschland spielen“, sagte Niroomand. „Aber wenn es hier für unser Projekt keine Perspektive gibt, müssen wir uns Gedanken über Alternativen machen.“

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Die Bundesliga hat dafür wenig Verständnis. Als die Pläne der Berliner bekannt wurden, reagierte Michael Evers empört. „Mit Blick auf die Wiederaufnahme des Spielbetriebs im Herbst, der derzeit im Fokus steht, empfinde ich das Verhalten der Berliner als unsolidarisch“, sagte der VBL-Boss. „Ich bin sehr erstaunt, dass ein Verein in der aktuellen Situation mit dem Gedanken spielt, unsere Solidargemeinschaft zu verlassen.“

Viele bürokratische Hürden

So einfach wäre das allerdings gar nicht. Auf dem Weg nach Polen stünden viele bürokratische Hürden, theoretisch wäre ein Wechsel erst zur Saison 2021/22 möglich – wenn die Berliner wirklich wollen. Zunächst haben sie mal ihr erstes Ziel erreicht: Es wird über die Schwächen der Bundesliga diskutiert. Diese Debatte verfolgen natürlich auch die Frauen-Clubs. „Ich bin geschockt von diesen Überlegungen“, meinte Aurel Irion, der Geschäftsführer von Allianz MTV Stuttgart, „sollten die BR Volleys ihre Pläne umsetzen, wäre das ein herber Verlust für den Volleyball-Sport in Deutschland.“

In dem es schon jetzt eine Besonderheit gibt: Nur im Volleyball befinden sich die Bundesligen der Männer und Frauen – was Etats und Zuschauer angeht – auf Augenhöhe. „Das spricht für uns, die Frauen-Liga hat sich zu einer Marke entwickelt“, sagte Irion, „trotzdem wäre es mir lieber, wenn die Männer-Liga stärker und nicht schwächer werden würde. Unser Sport benötigt in Gänze mehr Strahlkraft. Und dafür benötigt er die BR Volleys.“ In Deutschland, nicht in Polen.

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