Die Esslinger Kitagebühren, die zum März 2023 drastisch erhöht wurden, haben bei Anita Maticevic das Fass zum Überlaufen gebracht. Noch am selben Tag, als der Gemeinderat mehrheitlich für die Anhebung gestimmt und damit die heftigen Elternproteste übergangen hatte, ist sie Mitglied bei Volt geworden. Seitdem möchte die zweifache Mutter den Familien mehr Gehör in der Esslinger Kommunalpolitik verschaffen.
Im vergangenen Sommer machte sie sich auf die Suche nach Unterstützern. Viele hätten sich gemeldet, darunter auch etliche Frauen, berichtet die 39-jährige Unternehmerin. Trotzdem waren am Ende zu wenige bereit, sich auch auf die Kandidatenliste für die Esslinger Gemeinderatswahl am 9. Juni setzen zu lassen. Das hat Maticevic aber nicht von ihrem Ziel abgebracht, die Kommunalpolitik ihrer Heimatstadt aufrütteln zu wollen. So kooperiert die europäische Bewegung Volt nun mit der Ökologisch-Demokratischen Partei (ÖDP). Zustande kam der Kontakt über deren Landesvorsitzende. „Das Persönliche und das Inhaltliche haben sofort gestimmt“, sagt Marion Schmid-Moeck. Die 54-Jährige ist stellvertretende ÖDP-Kreis-und Landesvorsitzende und möchte nun das kommunalpolitische Leben mitgestalten. „Esslingen braucht frischen Wind“, sagt die Ökonomin, die als Teil des Schulleiterteams die Verwaltung der Freien Evangelischen Schule in Mettingen verantwortet.
Die gemeinsame Kandidatenliste, die zu rund zwei Dritteln von Volt bestritten wird, ist bunt gemischt. Die Altersspanne reiche von 16 bis 70 Jahren, vertreten seien Studierende genauso wie Rentner, Künstler, Angestellte oder Handwerker. Gemeinsam haben sie ein Wahlprogramm erarbeitet. Was sie eint, ist auch die Herangehensweise an Probleme. „Wir sind pragmatisch und auf Lösungen fokussiert“, sagt der 25-jährige Volt-Kandidat Jannis Spieth.
Zu den Kernthemen gehören neben Kinderbetreuung, einer besseren Sprachförderung in Schulen und Kitas und einem familienfreundlichen Städtebau, der sich für mehr Grün-und Spielflächen einsetzt, auch Migration. Dass es bei Asylfragen auf kommunaler Ebene wenig Handhabe gebe, lässt Marion Schmid-Moeck nicht gelten. „Man kann viel machen, wenn man kreativ wird“, sagt sie, vor allem bei der Integration von Geflüchteten liege einiges im Argen. Man müsse fördern, aber auch fordern. Man wolle der AfD Wind aus den Segeln nehmen und frustrierten Wählern „eine Alternative der demokratischen Mitte bieten“. Anita Maticevic sieht sich als Vorbild für Einwandererfamilien. „Wir haben Nachholbedarf bei der Repräsentation in Gremien“, findet die Esslingerin mit kroatischen Wurzeln.
Mehr Partizipation, weniger Bürokratie
Einsetzen wollen sie sich zudem für den Abbau von Bürokratie und für mehr Partizipation. „Dass der Bürgerentscheid zur Bücherei einfach vom Tisch gewischt wurde, ist ein Vertrauensverlust“ , kritisiert Maticevic. „Die Menschen müssen sich wieder gehört fühlen“, sagt Schmid-Moeck, die sich Formate wie das Bürgerforum zu G 9 zu brisanten Themen auch auf kommunaler Ebene vorstellen kann. So könnte man etwa Verkehrsteilnehmer an einen Tisch bringen, wenn es um Radwege oder Tempolimits geht. „Wir wünschen uns mehr Miteinander statt Gegeneinander.“ Man wolle dem Gemeinderat ein neues Gesicht geben, fasst es Anita Maticevic zusammen. „Dort ist vieles verkrustet“, findet sie.