Von Zeit zu Zeit: Stuttgart in den 1960er Jahren Neue Heimat für Abertausende

Der Stuttgarter Hauptbahnhof im Jahr 1961 vom Fußgängersteg über die Anlagen fotografiert. Foto: VZZZ-Chronist Manfred Trost 14 Bilder
Der Stuttgarter Hauptbahnhof im Jahr 1961 vom Fußgängersteg über die Anlagen fotografiert. Foto: VZZZ-Chronist Manfred Trost

Die 1960er Jahre sind eine aufregende Zeit: die Studenten werden aufmüpfig, die Gastarbeiter kommen nach Stuttgart und die Stadt wird autogerecht umgebaut. Erinnerungen an eine Stadt im Umbruch.

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Stuttgart - Ich liebe Stuttgart. Diese Liebe ist langsam gewachsen, wie die Stadt auch und ihr Selbstbewusstsein. Heute kann man die Bautätigkeit in Stuttgart fast nur noch mit den Aktivitäten in Shanghai vergleichen. Damals in den 60er Jahren war Stuttgart noch eng, klein und provinziell. Die reichen Stuttgarter fuhren „hehlingen“ zum Einkaufen nach München, denn die Autobahn zur bayerischen Hauptstadt galt ohnehin vielen als das Schönste an Stuttgart.

Stuttgart war damals eine deutsche Stadt, auch wenn die ersten Gastarbeiter aus Bari und Antalya allmählich eintrafen. Sie bestimmten aber längst noch nicht das Stadtbild und die Gastronomie. An Ausländern waren höchstens die amerikanischen Soldaten zu sehen. Aber Stuttgart war dennoch keine schwäbische Stadt mehr, auch wenn die Schwaben noch lange dominieren sollten. Denn es siedelten sich immer mehr Flüchtlinge aus den alten Ostgebieten in der Stadt an. Auf beiden Seiten wurde zunächst heftig gefremdelt – wie später zwischen Deutschen und Türken auch.

Auch ich gehörte zu diesen Zugezogenen, zu den „Reingschmeckten“. Mein erster Wein war deshalb kein Trollinger, sondern ein Chianti zum 18. Geburtstag; meine ersten Maultaschen habe ich mit 20 Jahren gegessen. Da war es aber auch schon 1965. Die Einheimischen hielten auf Abstand. Wir waren die einzigen Kinder in einem hellhörigen Neubau im Stuttgarter Westen. Am Gartentor hing unversehens ein Schild: „Bei uns macht man die Türe mit der Hand zu.“ Man wollte den Fremden aus dem Osten Sitten und Regeln beibringen. Aber diese selbst zogen sich auch lange in ihr Schneckenhaus zurück. Man blieb unter sich und lernte höchstens noch andere Flüchtlingsfamilien kennen.

Schwäbisch blieb daheim verpönt

Rostbraten und andere schwäbische Klassiker kamen bei uns nicht auf den Tisch. Wir ernährten uns von Bratkartoffeln mit Bratklopsen, von Beetenbartsch mit Schmand und anderen ostpreußischen Spezialitäten. Zwar lernten wir in der Schule, Schwäbisch zu sprechen, zu Hause allerdings blieb der Dialekt immer verpönt.

Trotzdem lernte ich die Stadt auf meine Weise besser kennen als die meisten Gleichaltrigen: Da wir kein Geld hatten, arbeiteten mein Bruder und ich in fast allen Ferien. Mit den „Roten Radlern“ war ich in der Stadt unterwegs, als Behelfsbriefausträger, bei der DVA an der Rotation und nicht zu vergessen nachts als Zeitungszusteller. Die Stuttgarter Zeitung gehört zur Identität der Stadt seit ihrer Gründung. Sie war in unserer kleinen Familie wirklich die Brücke zur Welt.

Josef Eberle, der langjährige Herausgeber, wurde damals von der „Zeit“ als der gebildetste deutsche Journalist bezeichnet. Die Zeitung brachte uns nicht nur die Welt nach Hause, sondern auch die Hauptstadt von Baden-Württemberg nahe. Ich war stolz darauf, nachts um halb vier Uhr die Zeitung im Westen austragen zu können.

Riesiger Empfang für die Queen

Im Jahr 1965 stand ich dann am Schlossplatz, als zum ersten Mal nach dem Krieg die britische Königin die Stadt besuchte. Die Königin kam standesgemäß im Mercedes 600 angefahren. Eine Flotte von schwarzen Autos mit dem Dreizack stand im Hof des Neuen Schlosses, darunter auch ein Coupé 220 SEB (W 111 für den Kenner!) – es ist in meinen Augen bis heute das schönste und eleganteste Auto, das jemals gebaut wurde.

Und ich war stolz darauf, dass dieses Auto in ,,meiner“ Stadt gebaut wurde. Für die Queen gab es einen riesigen Empfang. Natürlich war Josef Eberle als einer der herausragendsten Repräsentanten der Stadt dabei, als Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger Elizabeth II. empfing. Am nächsten Tag sagte Eberle stolz in der Redaktionskonferenz der Stuttgarter Zeitung: ,,Die Klunker von meiner Frau waret aber genauso groß wie die der Königin“. Die Klunker, das waren die Diamanten. Auch das war Stuttgart in den 60er Jahren: es gab für die armen Flüchtlinge einen langsamen Aufstieg; andere waren schnell reich geworden. Auch in meiner Klasse im Friedrich-Eugens-Gymnasium gab es eine große Spannweite. Kinder von Chefärzten und von Straßenbahnfahrern gingen jahrelang in dieselbe Klasse. Mir war die Rolle zugefallen, auszugleichen.

Wie aber selbst ohne Geld an Renommee und Ansehen gewinnen? Da gab es nur eins: in der Großen Pause raus aus der Schule, schnell auf den Verkehrsübungsplatz in der Silberburgstraße, und dort scheinbar mutig und hustend eine Zigarette geraucht. Wenn man selbst erst 16 Jahre alt war, konnte man dennoch zu den Älteren aufschließen. Man war einer von ihnen und konnte von seinen ersten Erlebnissen in der Tanzstunde erzählen, während die Großen von Erlebnissen und Abenteuern erzählten, die von den Jüngeren ungläubig und begierig aufgenommen wurden. Denn man wusste ja so wenig damals. Jedenfalls flogen diese außerschulischen Betätigungen während der Großen Pause schnell auf: zwei Stunden Rektoratsarrest waren die Folge, was aber mein Ansehen in der Schule weiter steigerte.

Stuttgart wurde zur zweiten Heimat

Damals fuhr der Zweier durch die Calwer Straße. Ab und zu konnten wir bei Oscar Zahn einkaufen, einem der letzten selbstständigen Lebensmittelhändler. Zu Böhm trauten wir uns nicht hinein, wir holten die Lebensmittel bei Gaissmaier und Nanz. Und nie vergesse ich die schönen Sprüche von damals: „Wir wollen Wulle“ und „Vergiss nicht Deinen Hugendubel“. Dieses Plakat erinnerte an jeder Straßenbahn an einen bestimmten Regenschirm. Und, natürlich, der Spruch: „Bauknecht weiß, was Frauen wünschen“.

Bei Zahn und Nopper kauften wir uns Werkzeug, die Tapeten bei Gallion, die Schallplatten bei Radio Barth. Zu Breuninger trauten wir uns das erste Mal, als das „U“ eröffnete – mit billigen Waren für alle.

Nie werde ich vergessen, als ich in der Liederhalle das erste Mal die Neunte von Beethoven hörte. Ich liebte Friedrich Schiller und Ludwig van Beethoven und tue das bis heute. Stuttgart ist auf diese Weise meine Heimat geworden. Heute helfe ich türkischen Mitbürgern, hier heimisch zu werden.

Dieser Text entstand im Rahmen der StZ-Geschichtswerkstatt „Von Zeit zu Zeit“ im Jahr 2008.




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