Wachwechsel der CDU in Baden-Württemberg Baden-Württembergs CDU träumt wieder von der Unbesiegbarkeit

Stehende Ovationen für Manuel Hagel nach seiner Wahl zum Parteivorsitzenden Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren gelingt der Südwest-CDU ein Führungswechsel ohne Streit. Die Partei will wieder an die Macht und setzt dabei ganz auf Manuel Hagel.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Es ist ein Schlüsselmoment beim Wahlparteitag der baden-württembergischen CDU in der mit dunklem Holz getäfelten Stadthalle von Reutlingen. Mindestens eine halbe Stunde schon steht Manuel Hagel am Mikrofon auf der Bühne. Hinter ihm prangt auf der Großleinwand das Motto, das die Partei sich für dieses Treffen und die nahe Zukunft gegeben hat: „Schaffen, was Zukunft hat“. Dass der gelernte Banker – 35, verheiratet, zwei kleine Söhne – der Politiker sein wird, der den Kurs dafür vorgibt, ist lange klar. Nicht sicher ist im Vorfeld seiner Wahl aber, ob es ihm gelingt, den Funken überspringen zu lassen und die lange in Lager zerfallene Partei wieder in eine geschlossene Kampfformation zu verwandeln.

 

Jetzt steht er da und will die Frage beantworten, die ihn seit seiner Nominierung als Nachfolger Thomas Strobls im Parteivorsitz begleitet: wie es denn nun sein werde im politischen Tagesgeschäft mit ihm und den Grünen. Hagel fragt es sich stellvertretend für seine Zuhörer selbst, greift zum Wasserglas, nimmt einen Schluck und grinst frech. Er weiß ja, was kommt, und kostet den Moment vorab aus. „Das politische Erbe von Winfried Kretschmann wird bei uns in guten Händen sein“, sagt er. Natürlich tobt der Saal. Dass es trotz guter Umfragewerte für die Landes-CDU seit einem Jahr aber doch noch nicht so weit ist, dass man Kretschmanns Erbe schon verteilen könnte, spielt in diesen Sekunden ganz und gar keine Rolle.

Beim Parteitag ist der Augenblick gekommen, in dem die Südwest-CDU anfängt, wieder von ihrer Unbesiegbarkeit zu träumen. Sie galt ja als normal, bis ein Tsunami auf der anderen Seite der Welt nicht nur ein japanisches Atomkraftwerk havarieren ließ, sondern mit dem Aufstieg Winfried Kretschmanns auch den größten anzunehmenden Unfall in der Geschichte der Südwest-CDU auslöste.

Die Lehren der Geschichte

Bei seiner Bewerbungsrede erklärte Hagel, der in der ganzen Partei nur noch „der Manu“ ist, welche Lehre er zuvorderst aus der Geschichte gezogen hat. Geschlossenheit ist für ihn das A und O. Seit seinem Amtsantritt als Generalsekretär 2016 arbeitet er darauf hin, dass die Partei den alten Streit zwischen Oettinger-, Teufel-, Schavan- oder Mappus-Anhängern, zwischen ländlich und eher städtisch geprägten Konservativen im Land hinter sich lässt. Dass Annette Schavan und Günther Oettinger nach seiner Wahl Seite an Seite zu ihm kommen, kann er als Erfolgsausweis seines Versöhnungseinsatzes verbuchen. Wäre Erwin Teufel nicht krank gewesen, hätte der Alt-Ministerpräsident sicher auch ganz nah dabeigestanden, als die Altvorderen der neuen Nummer eins gratulieren.

Auch die 91,5 Prozent selbst, die Hagel bei der Wahl geerntet hat, sind ein Ausweis der neuen Geschlossenheit. Geschafft hat er die innere Einigkeit der Südwest-CDU nicht allein, obwohl er jung genug ist, um bei „dem alten Kruscht“, wie er die Grabenkämpfe nennt, selbst gar keine Rolle gespielt zu haben, und obwohl er als Generalsekretär und Landtagsfraktionschef viele Gräben zugeschüttet hat. Auch sein Vorgänger Thomas Strobl, der der CDU wegen seiner Steherqualitäten in den letzten Jahren zunehmend verdächtig geworden ist, hat Wesentliches dazu beigetragen.

Hagels Werk und Strobl Beitrag

„Brückenbauer“ habe er sein wollen, sagt Strobl bei seiner Abschiedsrede. Zwölf Jahre hat er trotz nie verschwundener Widerstände gegen ihn als Person, die Südwest-CDU zusammengehalten, in diesem Sommer schließlich den Weg für den Generationswechsel frei gemacht. Jetzt lobt Strobl seinen Nachfolger über den grünen Klee und führt Hagels Talente als Grund dafür an, die personelle Neuaufstellung über die Bühne zu bringen. „Der Ausblick auf diesen Nachfolger lässt mich meinen Bericht als Landesvorsitzender mit Zufriedenheit und guter Hoffnung für unsere Zukunft abschließen.“

Wie uneigennützig der scheidende Parteichef seinem Nachfolger den roten Teppich ausrollt und ihn indirekt gleich noch als seinen Wunsch-Spitzenkandidaten für den Landtagswahlkampf outet, belohnen die Delegierten mit minutenlangem Beifall. Mehrmals fordert Strobl sie per Handbewegung dazu auf, sich hinzusetzen und es jetzt mal gut sein zu lassen mit dem Applaus. Schließlich deutet er auf seine Armbanduhr, man hat ja noch ein langes Programm abzuarbeiten. Dass Strobl im Rückzug den Respekt bekommt, der ihm in den letzten Jahren in immer knapper werdenden Dosen gezollt wurde, genießt er sichtlich. Dann zieht er sich, seiner neuen Rolle Tribut zollend, von der Bühne in den Saal zu den einfachen Delegierten vom Kreisverband Heilbronn zurück. „Du bist einfach ein anständiger Kerl“, attestiert Hagel ihm später.

In Reutlingen steckt der neue Spitzen-Konservative grob ab, mit welchem Kurs er die CDU wieder zurück an die Macht führen will. Hagel fordert eine „180-Grad-Wende in der Migrationspolitik“, bekennt sich in der Wirtschafts- und Sozialpolitik zum Leistungsprinzip, verspricht Klimaschutz, der auf Technologie und Innovation statt auf Regulierung und Verbote setzt. Er kündet eine „Agenda der Zuversicht“ an und die klare Abgrenzung der CDU von der AfD. Es gibt viele Sätze, mit denen Hagel den Christdemokraten im Saal aus dem Herzen spricht. „Wir wollen die Heimat der Fleißigen sein in Baden-Württemberg und brauchen mehr Mut zum ganz Normalen“, ist so ein Satz. Oder: „Wer ein Kalifat will, und wer eine Scharia in Deutschland will, der muss wissen: Bei uns macht das Parlament die Gesetze und nicht der Prophet.“ Hagel nennt es „baden-württembergische Staatsräson, für den Schutz der Jüdinnen und Juden auf unseren Straßen zu sorgen“ und verortet die CDU in klarem Abstand von der AfD: „Konservative leben geistig aus, aber nicht in der Vergangenheit.“

Auch Friedrich Merz hofft auf Hagel

Immer wieder recken die Delegierten Plakate mit der Aufschrift „Auf geht’s Manu! #Team Hagel“ in die Höhe. Sie hat die Parteitagsregie vorausschauend zur Verfügung gestellt. „Mut. Tempo. Taten“, steht auf der Rückseite. Auch der CDU-Bundesvorsitzende Friedrich Merz spürt, kaum in Reutlingen angekommen, schon die Aufbruchstimmung im Saal. Weil die Ampel so schlecht regiere, skizziert auch Merz ein Bild, wonach der Union der Wahlsieg bei der nächsten Bundestagswahl kaum mehr zu nehmen sei. Allerdings vergisst er den Hinweis nicht, dass die Landes-CDU dazu einen überproportionalen Beitrag leisten muss, weil es sonst nicht klappt.

Schon am Ende seiner Rede vergleicht Hagel die Menschen im Land mit dem gefesselten Riesen Gulliver aus dem gleichnamigen Märchen. „Wir wollen dieses Land wieder entfesseln“, sagt er. Den Nerv seiner Parteifreunde trifft er damit. Auf seinem Weg nach oben hat Hagel an diesem Wochenende wieder eine Etappe geschafft und den Kampfgeist seiner Partei entfesselt. Die Wahlbürger im Land sind freilich eine andere Zielgruppe, und es wäre gefährlich für die CDU und ihren neuen Frontmann, sich von der Analogie aus dem Gulliver-Märchen verführen zu lassen. Auch ohne Kretschmann schrumpfen die Grünen im nächsten Wahlkampf nicht gleich zu Liliputanern.

Weitere Themen