Waiblinger Martinskirche Neues Blattgold für die Uhrzeiger

Mit Muskelkraft und einer Zange haben André Drondorf und Falk Falkenburg (rechts) von der Turmuhrenbaufirma Eisenhart vorsichtig die Zeiger der Uhr an der Martinskirche in Waiblingen-Neustadt demontiert. Foto: Gottfried Stoppel

Der Turm der mittelalterlichen Martinskirche in Waiblingen-Neustadt steht derzeit nackt da: Die beiden Zifferblätter an der Ost- und Westseite und die Zeiger sind abmontiert. Sie werden von einer Firma im Landkreis Ludwigsburg restauriert und mit Blattgold überzogen.

Waiblingen - Meter für Meter lässt Falk Falkenburg das gewaltige Zifferblatt der Waiblinger Martinskirche an einem gelben Kletterseil gen Boden schweben. Das kreisrunde Gebilde aus Gusseisen ist mannshoch und wiegt entsprechend – um die 90 Kilo, schätzen Falk Falkenburg und sein Kollege André Drondorf von der Turmuhrenbaufirma Eisenhart. André Drondorf begleitet das Zifferblatt auf seinem Flug nach unten: Er steigt auf dem am rund 20 Meter hohen Turm befestigten Gerüst Etage für Etage hinab und gibt acht, dass sich nichts verkeilt oder verhakt.

 

Es knarzt und scheppert, aber nach kurzer Zeit landet das Zifferblatt sanft zwischen den vom Nieselregen feuchten Heilkräutern des Apothekergärtleins neben der Kirche. Nun steigt auch Falk Falkenburg vom Gerüst, über der Schulter hängt das 30 Meter lange Seil, unter seinem Arm klemmen die beiden stattlichen Zeiger, deren goldfarbene Beschichtung im Lauf der Jahre an etlichen Stellen weggebröselt ist. Unten angekommen, legt Falkenburg den Stunden- und den Minutenzeiger, der als Schwert durchgehen könnte, auf ein Mäuerchen und begutachtet sie gemeinsam mit seinem Kollegen.

Die Turmuhr-Monteure kennen sich aus in der Region

„Die Zeiger sind nicht so alt wie der Kirchturm, aber sie stammen sicher aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg“, sagt André Drondorf und runzelt die Stirn beim Betrachten der am Rücken des Zeigers angebrachten Klemmen. Diese Art der Befestigung sei nicht gerade optimal, sagt er: „Da sammelt sich Feuchtigkeit drin. Mal sehen, ob der Denkmalschutz erlaubt, das zu ändern.“ Mit denkmalgeschützten Gebäuden kennen sich die Monteure für Turmuhren aus – sie haben beispielsweise schon die an den Alten Rathäusern in Waiblingen und Esslingen sowie jene am Esslinger Pliensauturm auf Vordermann gebracht.

In der Werkstatt der Firma Eisenhart in Möglingen (Kreis Ludwigsburg) werden die zwei Zifferblätter und vier Zeiger der Turmuhr entrostet, von Lackresten befreit und mit einem Korrosionsschutz behandelt. „Dann kommen zwei Schichten Lack in Gelb auf die Zeiger, danach werden sie mit einer Pinienharzlösung bestrichen“, erklärt Falkenburg. Auf der dadurch entstehenden klebrigen Schicht wird zuletzt Blattgold befestigt.

Auch die Turmwand wird saniert

Während die Möglinger Firma Ziffern und Zeigern zu neuem Glanz verhilft, wird die Turmwand aus Sandstein gereinigt und auf der West- und Ostseite mit einem schwarz-roten Anstrich versehen. Davor kommen die dann wieder angeschraubten goldenen Ziffern und Zeiger erst so richtig schön zur Geltung.

Die Sanierung schlage mit rund 9000 Euro zu Buche, berichtet Klaus Wangerin, der Vorsitzende des Fördervereins für die Erhaltung der Martinskirche. Der Verein zahlt einen Anteil von 30 Prozent, die Stadt Waiblingen übernimmt zur Erleichterung des Fördervereins und der evangelischen Kirchengemeinde die restlichen 70 Prozent der Kosten. „Die Stadt hält sich noch an die alten Verträge“, bestätigt Joachim Bauer, seit sieben Jahren der Pfarrer der Martinskirche und inzwischen erfahren, was die Sanierung des Schmuckstücks angeht. „Die nächste Baumaßnahme ist schon angeleiert“, sagt er: Nachdem im Jahr 2016 die mittelalterlichen Malereien im Chor der Kirche mit immensem Aufwand und hohen Kosten gereinigt und konserviert worden waren, steht wohl im kommenden Jahr die Reinigung der Malereien im Kirchenschiff auf dem Programm, die das Weltgericht zeigen.

Doch das nächste Ziel ist erst einmal die Sanierung der Turmuhr. Anfang November soll sie wieder an Ort und Stelle hängen – bis dahin müssen sich die Bürger in Neustadt in puncto Uhrzeit auf ihr Gehör verlassen. „Die Turmuhr wird auch ohne Zifferblatt wie gewohnt weiterschlagen“, sagt Joachim Bauer, bei dem sich vor Kurzem eine Nachbarin gemeldet hat. „Sie hat gesagt: Aber Sie schalten doch hoffentlich die Uhr nicht ab? Dann kann ich nämlich nicht schlafen.“

Ein Schmuckstück aus dem Mittelalter

Kirche Die Martinskirche in Waiblingen-Neustadt ist Ende des 13. Jahrhunderts erbaut worden, ursprünglich als Marienkirche. Der Chor wurde um 1380 mit Malereien in Secco-Technik verziert – die Darstellungen aus Jesu Familiengeschichte wurden auf trockenen Putz gemalt. Irgendwann verschwanden sie unter einer Farbschicht, erst im Jahr 1954 wurden sie zufällig wieder entdeckt und freigelegt. Die um 1420 entstandenen Bilder im Kirchenschiff, die unter anderem das Jüngste Gericht zeigen, liegen zum Teil bis heute unter Putz.

Verein
Der 2007 gegründete Förderverein der Martinskirche unterstützt die evangelische Kirchengemeinde Neustadt bei der Erhaltung der Kirche. Die Sanierung der mittelalterlichen Malereien im Chor im Jahr 2016 kostete insgesamt rund 260 000 Euro. Die Sanierung des Zifferblatts und der Zeiger der Turmuhr schlägt mit rund 9000 Euro zu Buche.

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