Warum der Mensch nicht verzweifeln sollte Welcher Hoffnungstyp sind Sie?
Selten war die Stimmung schlechter. Die Deutschen sind genervt, der Pandemie und Politik sei Dank. Und doch gibt es das Prinzip Hoffnung. Weil der Mensch nicht anders kann.
Selten war die Stimmung schlechter. Die Deutschen sind genervt, der Pandemie und Politik sei Dank. Und doch gibt es das Prinzip Hoffnung. Weil der Mensch nicht anders kann.
Stuttgart - Durchaus möglich, dass die nette Frau hinter der Plexiglasscheibe im Kiosk selbst noch nie im Leben einen Lottoschein abgegeben hat. Doch die Hoffnung ihres Stammkunden auf einen Millionengewinn will sie nicht enttäuschen. Seit mehr als zehn Jahren sagt sie regelmäßig ihren Standardspruch auf, während sie den Schein einlesen lässt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Ein tröstlicher Spruch. Oder auch nicht. Es ist ja die Rede vom Ende aller Dinge, vom Tod. So etwas klingt selten verheißungsvoll, zumal nicht am Ende einer anstrengenden Arbeitswoche, wenn man den Lottoschein abgibt und hofft, dass man endlich mal zu den Glückspilzen gehört.
Im Umkehrschluss bedeutet dieser Satz ebenfalls, dass die Hoffnung und das Leben eng miteinander verknüpft sind: Wo keine Hoffnung vorhanden ist, da kann es auch kein Leben geben. Die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast sieht in der Hoffnung eine Konstante des Seelenlebens. „Ich halte Hoffnung für die Grundemotion des Lebens und den natürlichen Feind der Angst“, sagt Kast dem Magazin „Psychologie heute“. „Solange wir lebendig sind, hoffen wir, dass es besser wird. Selbst Sterbende tun das.“
Leben ist also: hoffen. Hoffen, dass es besser wird. Und das gilt eben nicht nur für all die unermüdlich tippenden Lottospieler, die wöchentlich das Unwahrscheinliche herbeisehnen, wobei das Unwahrscheinliche nicht mit dem Unmöglichen gleichzusetzen ist.
Dass man mit dem Begriff der Hoffnung als moderner Zeitgenosse nicht mehr viel anfangen kann, hat einerseits mit seiner inflationären Verwendung im religiösen, spirituellen und esoterischen Kontext zu tun. Kaum eine Predigt, in der nicht alles letztlich von der Hoffnung auf Erlösung oder der Gnade Gottes abhängt; so viele Teebeutelsprüche und Yogi-Weisheiten, die uns beim Gang zwischen Drogeriemarkt und Buchhandel auf eine bessere Zukunft einladen, falls wir nur daran glauben und bereit sind, für diese meist banalen Hoffnungsträger ein paar Euro auszugeben.
Andererseits wird der Begriff allzu leichtfertig mit dem eher zweifelhaften Schlagwort vom „Positiven Denken“ gleichgesetzt. Eine Vokabel, die man aus Motivationsseminaren kennt, wo man unbedingt verlernen soll, kritische Fragen zu stellen.
Wer heutzutage ernsthaft von Hoffnung spricht, muss allerdings weder zwangsläufig an Gott glauben oder Horoskope lesen, noch ist er gleich ein Fall für den Sektenbeauftragten. Hoffnung, das ist im philosophischen Sinne „die Kombination aus einem Wunsch, in Zukunft möge etwas Bestimmtes geschehen oder unterbleiben, und der Annahme, dass dieses Ereignis auch tatsächlich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintreten kann“.
So nähert sich der Philosoph Matthias Warkus der Hoffnung in einem Beitrag für die Zeitschrift „Spektrum“. Wer sich Hoffnung macht, der denkt durchaus rational, indem er aufgrund der vorliegenden Informationen überschlägt, wie wahrscheinlich der Einritt des erhofften Ereignisses ist. „Es scheint daher auch einen philosophischen Konsens zu geben, dass sich Hoffnung selbst auf das Unwahrscheinlichste richten kann“, so Warkus. Das treffe auf den atheistischen Lottospieler genauso zu wie auf den Gläubigen in der Ostermesse.
Doch die Hoffnung birgt auch die Gefahr, dass man sich ausruht, untätig wird oder die Verantwortung auf andere schiebt. Gerade Psychotherapeuten warnen davor, die Augen vor der Realität zu verschließen und somit wortwörtlich einem blinden Optimismus anheimzufallen. Wir leben unser Leben üblicherweise zwischen Hoffnung und Sorge. Den günstigen oder ungünstigen Ausgang der Dinge können wir weder vorhersehen noch kontrollieren, selbst den cleversten Plan kann noch ein dummer Zufall zunichtemachen.
Wer das nicht anerkennt oder gar ignoriert, lebt leichtsinnig und begibt sich und andere in Gefahr. Gerade in diesen Wochen, in denen die Corona-Pandemie den Menschen alles abverlangt, kann die durch die Zulassung neuer Vakzine genährte Hoffnung auf ein baldiges Ende der Ausnahmesituation einzelne Ignoranten dazu verleiten, sich über Hygienepflichten hinwegzusetzen. Der krankhafte Optimist sagt sich: Das wird schon schiefgehen, ohne Rücksicht auf Verluste. Dabei ist diese Art der Hoffnung reines Wunschdenken.
Wahre Hoffnung kommt nie ohne Sorge und Angst aus. Die Sorge um die Zukunft des Menschen und seiner gefährdeten Welt zum Beispiel. Pandemien, der Klimawandel oder die Überbevölkerung der Erde – dass man trotz all dieser Katastrophen nicht verzweifeln muss, obwohl doch so vieles für eine absolut negative Sicht und einen stillen Rückzug ins Private spricht, das hat der große Philosoph der Hoffnung und der „konkreten Utopien“, Ernst Bloch, in seiner berühmten dreibändigen Abhandlung „Das Prinzip Hoffnung“ dargelegt. Die ist zwischen 1954 und 1959 erschienen, der Titel ist spätestens seit der Studentenbewegung in den 60er Jahren zum geflügelten Wort geworden.
Im Zentrum von Ernst Blochs Denken steht der über sich hinaus denkende Mensch, der mutig nach vorn schaut, in die Zukunft, die er aktiv kreieren will, und zwar in sozialer Verantwortung. Er verklärt nicht auf sentimentale Weise das Vergangene, mit Nostalgie und Konservatismus hat er es nicht. Vielmehr ist er im Künftigen zu Hause, geborgen fühlt er sich in einer Zukunft, die noch zu gestalten ist.
Sein ist ein Prozess. Sein ist Werden. Dafür muss man hart arbeiten, erschaffen, man muss die Veränderung aber auch wollen. Ansonsten sieht es düster aus. „Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“, schreibt Ernst Bloch in seinem weltberühmten Werk.
Ohne Hoffnung ist alles nichts. Ernst Blochs Philosophie ist aktueller denn je. Seit mehr als einem Jahr wütet die Pandemie, und niemand kann seriös vorhersagen, wann wir diese Krankheit endlich zuverlässig unter Kontrolle bekommen werden.
Die Infektionszahlen steigen wieder, erste zarte Lockerungen bei den Einschränkungen des öffentlichen Lebens sollen wieder aufgehoben werden, es fehlt der Impfstoff – und täglich erreichen uns neue Horrormeldungen über noch gefährlichere Virusvarianten. Viele Menschen sind müde und wütend, manch eine Politikerin oder ein Politiker scheint völlig überfordert.
Verständlich, dass sich allmählich Verzweiflung breitmacht. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Krise bald überwunden wird. Das ist sogar viel wahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto – vorausgesetzt, wir alle tun etwas dafür. Denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Die Wissenschaft, sagt der Psychologe Tobias Kube der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie des Erwachsenenalters an der Universität Koblenz-Landau, unterscheidet mehrere Hoffnungstypen im Kontext von Gesundheit und Krankheit:
1. Zum einen die Form der transzendenten Hoffnung. Damit ist die sehr unkonkrete Hoffnung von Menschen gemeint, dass es schon irgendwie gut gehen wird, ohne dass sie unbedingt sagen können, worauf genau sie hoffen. Sie fühlen sich generell hoffnungsvoll.
2. Das Zweite ist die Hoffnung auf ein bestimmtes Ereignis: eine realistische Hoffnung, die klar auf aktuelle Gegebenheiten bezogen ist.
3. Dann kennt die Wissenschaft drittens eine Form der kollektiven Hoffnung: Menschen hoffen darauf, einen Beitrag zu leisten für viele, etwa durch ihre Arbeit, durch Engagement, sodass es auch anderen in der Gemeinschaft gut geht.
4. Die vierte Form ist auf technischen Fortschritt bezogen. Die Hoffnung, dass die Wissenschaft die Welt insgesamt besser macht, dass sie einen besonderen Durchbruch erlangen wird, etwa bei der Heilung bestimmter Krankheiten.
5. Manche Wissenschaftler nennen noch eine fünfte Form von Hoffnung, „wishful hope“, wunschhaftes Hoffen: Damit ist das Wunschdenken gemeint. Ich würde eher Hoffnung als Voraussetzung für das Wunschdenken bezeichnen.