InterviewKinderarzt über Allergien „Keine Angst vor Keimen“

Von Frederik Jötten 

Der Kinderarzt Philippe Eigenmann erklärt im Interview, wie man Allergien bei Kindern vorbeugt, warum Ferien auf dem Bauernhof nichts bringen und wozu probiotischer Joghurt eigentlich gut ist.

„Dreck gibt Speck“ – dieses alte Sprichwort lässt sich auch wissenschaftlich begründen. Foto: Adobe Stock
„Dreck gibt Speck“ – dieses alte Sprichwort lässt sich auch wissenschaftlich begründen. Foto: Adobe Stock

Genf - Die Zahl von Kindern mit Lebensmittelunverträglichkeiten und -allergien nimmt zu. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung, und was können Eltern dagegen tun? Der Schweizer Kinderarzt und Immunologe Philippe Eigenmann klärt auf – und rät zu mehr Gelassenheit.

Herr Eigenmann, wenn ein Kind ein Spielzeug, das auf dem Boden lag, in den Mund nimmt, sagen Sie dann: „Mach das nicht“ oder „Gut so“?

Nur weil ein Gegenstand auf dem Boden war, muss das Kind diesen nicht unbedingt waschen, bevor es ihn in den Mund nimmt.

Auch wenn das Ding auf der Straße lag?

Ein Gegenstand ist nicht automatisch mehr belastet, weil er draußen auf dem Boden lag. Wir vergessen oft, dass wir mit Keimen leben. Wenn ein Kind den Daumen in den Mund steckt, sind dort Bakterien drauf - und der Mund ist auch voll von ihnen. Mehr Gefahr als von einem Gegenstand, der auf dem Boden lag, geht von einem aus, mit dem ein Kind gespielt hat, das einen Schnupfen hat. Da würde ich sagen: „Komm, wir waschen das Spielzeug, bevor du es in den Mund nimmst.“

Warum sind Kinder, die auf Bauernhöfen groß werden, besser vor Allergien geschützt als Stadtkinder?

Sie sind sicher einer größeren Vielfalt von Keimen ausgesetzt. Das Immunsystem eines Kindes ändert sich dadurch so, dass es weniger anfällig für Allergien ist.

Helfen Ferien auf dem Bauernhof zur Allergie-Prophylaxe?

Nein, Tage oder Wochen reichen nicht. Am besten wirkt, wenn die Mutter schon schwanger auf dem Bauernhof ist und wenn das Kind dort aufwächst. Das Vorschulalter zählt.

Warum?

Die Gründe kennen wir nicht im Detail. Wir haben Mäuse in einem Kuhstall aufgezogen und uns angeschaut, wie sie sich von Labormäusen unterscheiden. Das Immunsystem bei den Bauernhofmäusen war viel aktiver, als bei den Labormäusen – und zwar schon bei sehr jungen Tieren. Außerdem haben wir in den Fäkalien jeweils unterschiedliche Keime gefunden. Auch beim Menschen hat man bei Allergikern und Nicht-Allergikern unterschiedliche Keimprofile in den Fäkalien gefunden.

Heißt das, es gibt Bakterien, die vor Allergien schützen?

Ja, es gibt Bakterienfamilien, die vor Allergien schützen. Bifido-Bakterien, die erstmals in der Darmflora gestillter Kleinkinder entdeckt wurden, findet man eher bei gesunden Kindern. Clostridien, in deren Familie es Krankheitserreger gibt, dagegen eher bei allergischen Kindern. Wahrscheinlich reicht es aber nicht, nur eine Bakteriengattung zu betrachten. Es gibt ein sensibles Gleichgewicht im Darm. Außer Bakterien gibt es dort auch noch Viren und Pilze.

Schützt denn eine vielfältige Darmflora vor Allergien?

Menschen, die eine größere Vielfalt von Bakterien haben, haben seltener Allergien, als Menschen mit einer Darmflora aus nur wenigen Bakterienfamilien.

Fördern Antibiotika also Allergien?

Es gibt Studien, die nahelegen, dass Kinder, die früh im Leben ein Antibiotikum bekommen haben, anfälliger für eine Allergie werden – und es gibt andere Untersuchungen, bei denen das Risiko nicht erhöht erscheint. Wahrscheinlich ist es ein Unterschied, ob die Mutter am Ende der Schwangerschaft drei Tage ein Antibiotikum nimmt, weil sie Fieber hatte, oder ob das Kind sechs Monate lang ein solches Präparat bekommt, weil es einen schweren Infekt hat.

Wären Sie eher vorsichtig mit Antibiotika bei Kindern?

Auf jeden Fall. Es ist besser, wenn sich die Darmflora natürlich entwickeln kann. Man muss einen guten Grund haben, um diesen Prozess mit Antibiotika zu stören. Aber wenn ein Kind nachgewiesenermaßen einen bakteriellen Infekt hat, ist ein Antibiotikum das kleinere Übel.

Ist Stillen eine gute Prävention?

Kinder sollten, wenn möglich, vier bis sechs Monate gestillt werden. Dafür gibt es viele Gründe – Allergieprävention ist jedoch keiner davon. Studien zeigen, wenn überhaupt, diesbezüglich nur eine schwache Wirkung. Mütter die nicht stillen können oder wollen, sollten sich nicht unter Druck setzen.

Könnte es helfen die richtigen Bakterien zu schlucken – sogenannte Probiotika?

In einigen Studien wurde gezeigt, dass Probiotika leicht vorbeugend gegenüber Allergien wirken – besonders hinsichtlich Neurodermitis bei Kleinkindern. Die Studien, die einen positiven Effekt zeigten, wurden vorwiegend in Finnland gemacht – deshalb bekommen Kinder dort ein Präparat mit Milchsäurebakterien. Ich sehe allerdings nicht, dass es eine große Wirkung haben kann, wenn man bloß eine Art von Bakterien schluckt.

Kann man durch die Ernährung die Keimflora positiv beeinflussen hinsichtlich Allergien?

Milchsäurebakterien, die natürlicherweise in Milch und Milchprodukten vorkommen, haben einen schwach positiven Einfluss. Auch Stoffwechselprodukte von Bakterien, die in Milchprodukten enthalten sind, etwa Butyrat und kurzkettige Fettsäuren.

Ist Konfrontation mit potenziell allergenen Lebensmitteln besser als Vermeidung?

Man kann das nicht generalisieren. Kinder mit hohem Risiko eine Erdnussallergie zu entwickeln hat es in einer Studie geschützt, früh Erdnussbestandteile zu sich zu nehmen. Aber hinsichtlich der Hühnereiallergie haben Untersuchungen keine Klarheit darüber gebracht, ob eine frühzeitige Exposition schädlich oder günstig ist. Anscheinend gibt es Unterschiede von einem Lebensmittel zum anderen. Jedenfalls sollte man nicht übervorsichtig sein. Wenn Eltern ein neues Lebensmittel und potenzielles Allergen einführen wollen, raten wir: Gebt es zunächst in kleiner Menge – und wenn das Kind es gut verträgt, regelmäßig, damit sich eine Toleranz ausbilden kann.

Ist die Anfälligkeit für Allergien erblich?

Wenn ein Elternteil oder Geschwister schon allergisch sind, ist das Risiko für das Kind auch allergisch zu werden erhöht. Man kann aber die Art der Allergie, ob etwa gegen Katzenhaare oder Fisch, nicht voraussehen.

Was raten Sie Eltern?

Natürlich leben – keine Angst vor Keimen. Frische und wenig verarbeitete Lebensmittel essen. Zigarettenrauch fördert Allergien – dem sollte man Kinder auf keinen Fall aussetzen. In der Schwangerschaft ist es für die werdende Mutter nicht sinnvoll, auf Milch, Erdnüsse oder irgendein anderes Lebensmittel zu verzichten, das hat keinen Einfluss auf die Entstehung von Allergien beim Kind. Durch solche Einschränkungen können Mutter und Kind ein Nährstoffdefizit bekommen.

Immunologe und Kinderarzt

Ausbildung Philippe Eigenmann studierte ­Medizin in Genf. Im Rahmen seiner Facharztausbildung zum Kinderarzt ging er an die Johns Hopkins University in Baltimore USA. Dort forschte er zum Thema Allergien.

Allergien
Zurück in Genf entwickelte er die ­allergologische Sprechstunde für Kinder. Seit 2012 ist er außerordentlicher Professor am ­Departement für Pädiatrie der Uniklinik Genf.